Madame Bergau hatte einen Schwiegersohn, Herrn Kinderlein, der ein Kinderfreund war. Wenn er sie besuchte, war es ein Fest; denn erstens bekamen wir frei, und zweitens schnitt er unsere Federn, was Madame Bergau selbst nicht konnte.


Tragische Geschichte.

Zu dieser Zeit ungefähr muß folgende tragische Begebenheit eingetroffen sein, die einen großen Eindruck auf meine kindliche Phantasie machte. Ich hatte einen Vetter, einen jungen Menschen, der meine Eltern besuchte. Er spielte einmal mit mir, ich ritt eben auf seinem Kniee, und war seelenvergnügt, als es mir einfiel ihn zu fragen: „Was ist Dein Vater?“ — „„Landrichter!““ — „Landrichter!“ rief ich, „pfui!“ und sprang von seinem Kniee. Der Vetter machte große Augen und konnte nicht begreifen, woher diese Furcht und dieser Ekel vor dem Landrichter komme. Die Sache war die: Kurz vorher hatte sich ein Höker an einem Weidenbaume in der Friedrichsberger Allee gehängt. Mein Vater nahm mich mit, damit ich ihn sähe. Der Höker hing ganz niedrig, so daß die Füße fast den Erdboden berührten. Sein spanisches Rohr hatte er neben dem Graben eingesteckt, darauf hing sein dreieckiger Hut und die Zopfperrücke. Gerade gegenüber an einem Lindenbaume in der Allee war ein kleines Buch mit feinen Nägeln angeschlagen, in welchem berichtet stand, daß er sich aufgehängt habe, weil seine Frau ihn zum Hahnrei gemacht habe. Zwei Ruthen hatte er gebunden und unter den Baum gelegt, die eine war eine Birkenruthe, damit sollte die Frau gestraft werden, die andere war ein Dornenreis, und für ihren Buhlen bestimmt. — Von all' Dem verstand ich nicht das Geringste, sondern starrte nur mit Entsetzen auf den Gehängten hin. Er sollte abgeschnitten werden, aber Keiner wollte ihn anrühren, bevor der Landrichter angekommen sei und Hand an ihn gelegt hätte, um die Arbeit ehrlich zu machen. Ich sah ihn mit seinen Leuten kommen; er berührte die Schulter des Gehenkten, der nun abgeschnitten wurde. — Daher kam mein Entsetzen und mein Widerwillen gegen den Vater meines Vetters. Ich hatte keinen andern Begriff von einem Landrichter, als daß er ein Mann sei, der Leute abschneiden müsse, die sich selbst aufgehängt hätten.


Ich hatte Einen bei jedem zweiten Worte schwören hören und fand, daß es ihm gut stehe. Nun bekam ich auch Lust, und sagte eines Tages jeden Augenblick zu meiner Mutter: „Nein, das thut Adam weiß es Gott nicht.“ Statt mich zu strafen, sagte sie jedesmal ganz ruhig: „Nein, das thut Adam gewiß nicht.“ Auf diese Weise brachte sie mich bald dahin, das Schwören zu unterlassen.


Mein Vater pflegte zuweilen, wenn er mit mir spielte, mich in's Ohr zu kneipen und zu sagen: „Bist Du nicht meine Canaille?“ — Eines Tages, als Fremde bei uns waren, stellte ich mich mitten in's Zimmer, stützte beide Hände in die Seiten, sah meinen Vater starr an, und rief laut: „Bist Du nicht meine Canaille?“ Zuerst bekreuzte man sich über den kleinen, schon so früh verlorenen Sohn; aber als man hörte, daß es eine Liebesbezeigung sei, die mein Vater mich selbst gelehrt habe, lachte man um so mehr.


Die Schule des Küsters.