Meine Schwester war zuweilen mit dabei. Sie spielte gern mit mir. Der Kronprinz, der uns im Sommer oft auf dem Schloßhof zusammensah, fragte mich einmal freundlich, als er an uns vorüberging: „Adam, wie heißt Deine Schwester?“ „Sie heißt Sophie,“ antwortete ich. „Sie sollte Eva heißen,“ meinte der Kronprinz.


Ich entsinne mich eines Winterscherzes, der nicht so munter ablief, wie die Schlittenfahrt. Es war ein schneeiger Tag, es begann zu thauen und ich machte einen meiner gewöhnlichen Schneemänner auf dem Hofe; die Augen von Kohlen und die Lippen von rothem Ziegelstein. Nun kam mir aber die Lust, in diesem Fache weiter zu arbeiten, und ich bekam einen — meiner Ansicht nach — köstlichen Einfall. Das eiserne Gitter des Schlosses stand an diesem Tage gerade nicht offen. Es fuhren viele Bauern von Kopenhagen nach Hause. Die Wachstube der Leibgarde war neben dem eisernen Thore, das Fenster lag nach der Landstraße hinaus und im Zimmer stand ein großer Tisch. Was hatte ich zu thun? Ich bedecke den Tisch mit Schneebällen, sowie ein Bäcker seine Fächer mit Pfannenkuchen, mache das Fenster auf und bombardire nun von meiner sichern Festung aus die Bauern, während sie vorüber fuhren, mit Schnee in den Nacken. Von ihnen hatte ich Nichts zu fürchten, denn erstens konnten sie nicht herein kommen und zweitens konnten und wollten sie nicht Pferde und Wagen verlassen. Aber ich hatte nicht an einen mächtigen Bundesgenossen gedacht, der sich der unschuldig Angegriffenen annahm, und mir unerwartet in den Rücken fiel. Dies war mein eigener, leiblicher Herr Vater, der die Thür der Festung öffnete, und meinen Rücken mit einem Endchen Tau verarbeitete, das er zu diesem Gebrauche mitgenommen hatte, ohne sich im Geringsten durch das Inventiöse der Ausführung und das Lustige der Situation bestechen zu lassen.


Die Schule.

Sie brachten mich zu einer verdrießlichen alten Frau in die Schule, wo ich der Gelehrsamkeit zu Liebe sehr Viel ausstehen mußte. Wir mußten stets auf den Bänken still sitzen, und unser einziges Vergnügen bestand darin, die Wolle aus unsern Jacken zu zupfen und kleine Kugeln daraus zu machen. Wenn sie es bemerkte, so schlug sie uns mit dem Fingerhut auf den Kopf. Zuweilen bekam man einen Schlag mit einem Stücke Brennholz, wenn gerade nichts Anderes bei der Hand war. Ich weiß noch, wie ich die Hühner und Enten auf dem Hofe beneidete, die da draußen in freier Luft umherlaufen und gakeln und schnattern konnten ohne bestraft zu werden. Unsere Lehrerin hieß Madame Bergau, ihr Mann war Maler gewesen; in dem Zimmer hing ein Portrait von ihm, wo er mit Palette und Pinsel saß; dies betrachtete ich häufig aufmerksam. Er sah so fromm und freundlich aus, während seine Wittwe uns schlug, wenn wir nicht unsere Lectionen konnten. Eines komischen Ereignisses entsinne ich mich aus jener Zeit. Eines Tages, als ich in die Schule gehen sollte, und etwas später kam, wollte ich quer über den offenen Platz, welcher sich damals vor dem Schulhause befand, gehen. Quer über diesen Platz lief ein Graben, den ich ganz vergessen hatte. Die Sonne schien mir in die Augen; das konnte ich nicht vertragen, ich machte die Augen fast ganz zu, lief vorwärts, und ehe ich mich's versah, stand ich bis an die Hüften im Graben im Schlamm. So kam ich in die Schule, wo ich ausgekleidet wurde und den Unterrock der Hausmamsell anbekam, während meine Beinkleider gewaschen, getrocknet und geplättet wurden, und mußte so den ganzen Vormittag sitzen zum Spott und Hohn für Knaben und Mädchen, die es nicht unterlassen konnten, mich auszulachen. Bald lachte ich mit ihnen, bald weinte ich, und so verging die Zeit, bis die Hosen trocken waren.


Mein Trost war Hübner's biblische Geschichte. Wenn wir unsere Lectionen gelernt hatten, bekamen wir Erlaubniß, ein Stück daraus zu lesen. Jeder hatte sein Lesezeichen von mehr oder weniger vortrefflichem Stoffe, von Kattun an bis zum Gold- und Silberbrocat. Meine Mutter hatte mir Zeichen letzter Art gegeben, die wohl auch Zeichen der verschwundenen Herrlichkeit der Zeit sein mochten, wo sie bei der Gräfin Moltke war. — Mit all' diesen Zeichen zwischen den Blättern konnte Hübner's Geschichte gar nicht zugemacht werden, sondern lag immer gähnend auf dem Rücken, und streckte die unzähligen Zungen bei Moses, Joseph, David, Salomon u. s. w., u. s. w. heraus.