Ich entsinne mich noch deutlich des Morgens, wo das Mädchen hereinkam, und meinem Vater und mir sagte, die wir in einem Bett mit grünen, wollenen Gardinen im Comptoir, dicht neben dem sogenannten Ostthore im Schlosse, schliefen, daß meine Schwester Sophie geboren sei. Ich war damals dritthalb Jahr alt. Ich lag im Bett und sah einen großen Nagel in der Wand an, der mit Papier umwickelt war, und der Wind heulte im Schornstein und Ofen, wo man kurz vorher eine große Eule gefunden hatte, die herabgefallen war. Ich sehe meinen Vater noch den Kamin und das Fenster öffnen und die Eule über die Bäume auf dem Schloßberg wegfliegen.
Erste Jugendthat.
Die erste That, deren ich mich entsinne, in der Welt ausgeführt zu haben, war ein Mord in aller Unschuld an einem kleinen Hunde, den ich sehr lieb hatte. In dem gewölbten unterirdischen Gange, der vom Schloß zur Küche führt, sind zwei Luft- und Lichtlöcher, beide jetzt bedeckt, und das eine im Garten der Königin verborgen; aber damals waren beide zugänglich, unbedeckt und nur von einem Geländer umgeben. — Zu dieser Zeit war im Schloßgarten ein Handlanger, der Schulz hieß, mit einem großen schwarzen Bart, welcher mir Angst vor ihm einflößte. Vielleicht um mich vor den Löchern in dem geheimen Gange einzuschüchtern, hatte man mir gesagt, daß dieses unterirdische Gewölbe „Schulze's Kirche“ sei. Einmal, als ich im besten Spiele mit dem kleinen Hunde begriffen war, bekam ich den tollen Einfall, — nicht um dem Hunde zu schaden, oder weil ich böse auf ihn war; ich streichelte und küßte ihn im Gegentheil; — ihn in Schulze's Kirche hinabzuwerfen. Obgleich mir selbst davor bange war, dort hinunter zu gehen, so glaubte ich doch, daß der Hund daselbst gut aufgehoben sei. Vielleicht hoffte ich auch, daß er bald zurückkommen und mir Etwas von der wunderbaren Kirche erzählen könne. Ich eilte also aus allen Kräften, obgleich mein Vater mir auf den Fersen war, und warf ihn hinab. „Was hast Du gethan, Junge? wo ist der Hund?“ „Ich habe ihn in Schulze's Kirche hinuntergeworfen.“ — „Folge mir!“ — ich mußte mit in die schreckliche Kirche hinabgehen, und als ich dort meinen Liebling jämmerlich zerschmettert und todt fand, erfüllte ich das Gewölbe mit meinem Geschrei, und mein Vater hatte alle Mühe, um mich von der Höhle, von dem kleinen todten Hunde fortzubringen, den ich wieder lebendig küssen wollte.
Die Leibgarde.
Als kleiner Junge nahmen meine Eltern mich einmal nach Kopenhagen zu einigen Bekannten mit, wo ich beinahe das Leben verloren hätte, indem ich fiel und mir das Kinn zerschlug. Ich trage noch jetzt eine tiefe Narbe davon. Auf meinen Reisen im Auslande setzte mich dies in Respect, denn sie sah wie eine Narbe von einem Säbelhiebe aus, den ich in einem Duell bekommen hätte.
Was ich in dieser frühen Kindheit auf dem Schlosse am meisten liebte, war die Leibgarde. Ich hatte mir ein kleines Holzgewehr mit Kienruß überstrichen verschafft; damit stand ich immer in einer gewissen Entfernung von den Soldaten auf dem Schloßhofe und präsentirte nach dem Commando der Offiziere. Der Kronprinz, später Friedrich VI., sah mich daselbst oft von seinem Fenster aus, und soll einmal, als ich nicht da war, gefragt haben: „Aber wo bleibt denn Adam heute?“ — Wenn ich mich zuweilen dem Offiziere nähern durfte, und er mir erlaubte, seinen Säbel herauszuziehen und die Klinge zu betrachten, so fühlte ich mich von dem feierlichsten Gefühle durchdrungen. Die schöne blanke und blau angelaufene Stahlwaffe schien mir wie ein Talisman; wer sie in seiner Hand schwang, glaubte ich, müsse stets siegen und erobern. Wenn die königliche Familie im Herbst nach der Stadt zurückkehrte, so spielte die Leibgarde an dem Tage, wo sie fortging, immer einen andern Marsch, als den gewöhnlichen. Ich ging hinterher, als ob ich einer Leiche folgte, und am Hügel, wo wir uns trennten, weinte ich meine bitteren Thränen. Mein einziger Trost bestand darin, mit meiner Schwester Sophie in die leeren Zimmer hinaufzugehen, und Medicinflaschen zu suchen, deren dort immer viele standen. Wir wuschen sie aus und spielten mit ihnen, bis sie entzwei gingen. Zwei Mal wurde ich auf das Angenehmste durch einen Fund überrascht, den ich nie erwartet hatte: der eine war ein Kupferschilling, der auf einem Marmorconsoltisch bei einer Hofdame von Puder bedeckt lag; der andere ein Kuchen auf einem Brett in der Conditorei.
Wintervergnügen.
Im Winter fuhr ich mit einem kleinen Schlitten, der dem Kronprinzen gehörte, und den mein Vater unter anderm Gerumpel auf dem Boden gefunden hatte. Oft bat ich die Bauern vor dem Schloßthore, daß ich meinen Schlitten an ihren Wagen binden dürfe; und wenn sie es mir erlaubten, so fuhr ich mit ihnen den Berg hinunter. — Ein Mal wollte ein schlechter Kerl mir meinen Schlitten wegnehmen und griff nach dem Stricke, aber ich schlug seinen Arm so derb mit dem Besenstiel, den ich mit hatte, daß er los ließ. Mit zwei Besenstielen pflegte ich mich sonst auf dem Schlitten selbst den Berg hinunter zu schieben, wenn keine Wagen da waren.