Oehlenschläger ist nicht zu Hause,
Sitzt vielleicht bei einem Schmause.
Weh' mir, rief ich, zehnfach Weh'!
Erde zittre, Welt vergeh'!
Weyse sprach damals noch meistens deutsch, und es amüsirte ihn, lustige deutsche Knüttelverse zu machen. Sein Humor war sehr angenehm. Er hatte eine alte, taube Haushälterin, der er auf eine komische Weise ins Ohr schrie, wenn er ihr Etwas aufzutragen hatte. Sie schrie wieder ärger als ein Papagey; und dieses entsetzliche Lärmen war oft der Vorläufer zum schönsten Adagio, wenn er sich ans Fortepiano setzte. Seine schöne Melodie zu Thecla's Lied im Wallenstein: „Der Eichwald brauset,“ riß mich hin, und ich benutzte sie später im Sct. Hansspiel. Er hatte begonnen, Bretzner's Schlaftrunk zu componiren, spielte mir viele herrlichen Nummern daraus vor, und ich versprach ihm, dasselbe für die dänische Bühne umzuarbeiten.
Schriftstellerische Versuche.
In den Stunden, in denen ich nicht Jura studirte oder Latein las, beschäftigte mich besonders die altnordische Mythologie und Geschichte. Ich las Snorro Sturlesön und Saxo Grammaticus, um Stoff zu einer Tragödie oder einem heroischen Drama zu finden. Harald Schönhaar's Geschichte, wo er die Kleinkönige bezwang, um die schöne Gyda zu gewinnen, schien mir vortrefflich dazu geeignet, obgleich es nur Stoff zu einer Reihe von Episoden hätte geben können. Einige solcher Episoden schrieb ich, deren eine, von Herlaug (der sich lebendig begraben läßt, um nicht von Harald besiegt zu werden) selbst fast ein Ganzes ausmachte. Ich zeigte sie Sander. Er lobte, wie gewöhnlich, rieth mir aber auch zugleich, wie gewöhnlich, Nichts drucken zu lassen.
Ganz konnte ich dem Verfassergelüst doch nicht widerstehen. Ich hatte einen Musenalmanach Siofna herausgegeben, in dem eine Uebersetzung von Wieland's komischer Erzählung „der Fischer“ den größten Theil ausmachte. Ich schrieb sie während eines Nervenfiebers, das auch bald wieder vorüber ging. Von meiner nordischen Erzählung: Erik und Roller hatte ich mehrere Bogen drucken lassen; Anton Wall's: Adelaide und Aimar hatte ich übersetzt; dies gab mir später die Idee zu dem Singspiel: „die Räuberburg.“ Göthe's Götz von Berlichingen übersetzte ich auch.
Ich studirte noch etwas Isländisch mit Hülfe von Björner's und Peringskiold's schwedischen Uebersetzungen, wodurch ich auch Schwedisch lernte. Ich las Alf's, Frithjof's, Rolf Krake's und Welent's Saga. Die letztere übersetzte ich.
Der Alterthumsforscher Arndt.
Es ist mir öfter begegnet, daß, wenn ich eines literarischen Mitarbeiters bedurfte, er gerade in mein Zimmer trat. So kam diesmal Arndt, eine der merkwürdigen Karrikaturen unsrer Zeit, mit schmutzigen Wasserstiefeln, einem groben blauen Ueberrock, und den langen gelben Haaren, die, zwischen den Rock und Ueberrock gesteckt, ihm bis zu den Hüften hinabhingen. Dieser wunderliche Mensch, in Altona geboren, war, so zu sagen, ein Gespenst des Alterthums, und lebte eigentlich gar nicht in der Gegenwart. Doch war er von der Natur ausgegangen und hatte sich zuerst auf die Botanik gelegt; aber bald verdrängten Grabsteine und Runen die Pflanzen und Blumen. Er war ein Antiquar erster Klasse. Alles, was da lebte, blühte, sproßte und kräftig in der Gesellschaft wirkte, verachtete er; nur die vermoderten Ueberreste, nur die dunkeln Sagen der halb oder ganz verschwundenen Sprachen liebte er. Ganz Europa betrachtete er wie eine große Studirstube, in der er zuweilen etwas weit umhergehen mußte, um Citate zu sammeln. So war er einmal hoch oben in Finnmarken, um Runensteine abzuzeichnen, als es ihm plötzlich einfiel, daß es doch wohl am Besten wäre, wenn er nach Venedig hinunterginge, um einige griechische Zeilen von einer Statue abzuschreiben, in denen er etwas Dänisches aus der Zeit der Wäringer zu finden glaubte. — Den Culturzustand und die politischen Institutionen ignorirte er ganz; und wenn er davon sprach, so geschah es nur, um mit Flüchen und Schimpfworten seinem Herzen Luft zu machen. Auf seinen Wanderungen quartirte er sich bei Gutsbesitzern und Predigern ein; er ließ sich von ihnen bewirthen, schlief in ihren Betten, vergalt aber gewöhnlich ihre Gastfreundschaft mit Grobheit und Unverschämtheit. Er glaubte, es sei ihre Pflicht, einem Manne wie ihm, der aus Eifer für das Alte, allen Bequemlichkeiten des Lebens entsagte, zu helfen. Ein Dienstmädchen, das einmal gewagt hatte, seine Stiefeln zu putzen, schalt er heftig aus. „Lasse sie,“ sagte er, „ein anderes Mal meine Stiefeln in Frieden, ich brauche das dumme Putzen nicht; wenn meine Stiefeln schmutzig sind, so spüle ich sie in einem Bach rein und damit ist's gut.“ — Oft bekam er Schläge und wurde zur Thüre hinausgeworfen; aber das kümmerte ihn gar nicht. Er hatte keinen Freund, keine Heimath. Alle seine Manuscripte trug er in den Taschen, bis sie ihm zu schwer wurden; dann verbarg er sie, — nicht in einer Stadt oder bei einem Bekannten; denn für ihn gab es keine Städte und keine Bekannten; sondern in einem Steinhaufen aus dem Felde oder in einer alten Ruine, wo er sie wieder finden konnte.