Dieser seltsame Mann kam gerade zu mir, wie ich über meinen isländischen Sagen studirte; er half mir bei Einem und dem Andern und verschaffte mir einen Begriff von der isländischen Grammatik. Um neuere Poesie kümmerte er sich durchaus nicht; dagegen war ihm jeder Reimbuchstabe, jedes verdrehte Bild bei den alten Skalden heilig; und da er mit den Sitten und dem Wesen der nordischen Heldenzeit vertraut war, lernte ich eine Masse von ihm, und es amüsirte mich, mich mit dem Antiquar in das Dunkel des heidnischen Alterthums, gleich Aladdin mit Noureddin in die unterirdische Höhle nach der wunderbaren Lampe, zu wagen.


A. Oersted wird mein Schwager.

Ungefähr zur selben Zeit wurde ich durch eine höchst angenehme Nachricht überrascht. Anders Sandöe Oersted, der so oft mit mir nach Friedrichsberg gegangen war, hatte meiner Schwester Bekanntschaft gemacht; und ohne mir ein Wort davon zu sagen, hatten sie sich auf eigne Hand verlobt. Die Hochzeit folgte bald darauf. Er wurde Assessor im Hof- und Stadtgericht, und dies gab unsern gesellschaftlichen Verhältnissen neues Leben. Hätte der gute Oersted damals nur nicht zu sehr, als Folge zu eifriger Studien, gekränkelt. Auch meine Schwester litt oft an den Folgen eines Scharlachfiebers; wenn sie rasch ging, fühlte sie ein eigenthümliches Klopfen in der Brust, vermuthlich eine Venenverstopfung. Doch vermochte dies nicht ihre lebhafte Munterkeit zu schwächen.


Die Dichterin Frau Koren.

Damals besuchte uns die Dichterin Frau Koren aus Norwegen mit ihrer Tochter Sara, einem schönen Mädchen von zwölf Jahren, voll nordischen Gefühls, Ernstes und Characters. Der Tod raubte dieses holde Kind wenige Jahre darauf in seiner blühendsten Jugend. Ihre Mutter hatte das schöne Talent, Wohlwollen zu verbreiten, und die Herzen, wo sie hinkam, einer muntern Geselligkeit zu eröffnen. Sie dachte von allen Menschen gut, sie idealisirte sich in ihrer idyllischen Unschuld; und so zwang sie Viele wenigstens auf kurze Zeit besser zu sein, als sie wirklich waren; denn die Menschen sind oft so, wie man sie nimmt. Das wirklich Gute entging niemals ihrer Aufmerksamkeit! Eine solche Frau ist ein Schatz in der Gesellschaft! Die schöne Eintracht, das freundschaftliche Verhältniß, das sie zwischen Männern stiftet, hat wohlthuende Folgen, selbst lange nachdem sie wieder heimgegangen ist. Du folgtest Deiner Sara! Deine kleinen Gedichte werden nicht viel gelesen, aber Du hast ein Band um viele Edle geschlungen, und so lange sie leben, werden sie Deiner liebevoll gedenken!


Es ergriff mich auch, als ich erfuhr, daß mein lieber Lehrer Dickmann sie in frühern Jahren geliebt habe; aber sie war bereits verlobt und folgte treu und ergeben ihrem Koren nach Norwegen. In meinem Zimmer und in meiner Gegenwart sahen sie sich nach vielen Jahren der Trennung zum ersten Male wieder und es war dies auch das letzte Mal.