Nächtliches Abenteuer.
Ehe mein Freund Bull mit mir zusammen wohnte, hatte ich eine Zeitlang einen andern guten Freund bei mir, den ich nicht vergessen darf. Mit ihm übte ich mich viel im Lateinischen. Wir hatten einander sehr lieb, disputirten aber zuweilen; dann lief er fort und kam wieder, wenn die Hitze vorbei war. Eines Sommerabends bei schönem Mondenschein zankten wir uns, ehe wir zu Bett gingen. Er lief wie gewöhnlich fort. Ich dachte: „Wo will er hin? es ist jetzt zu spät, um wo anders unter Dach zu kommen; er kommt gewiß wieder.“ Ich legte mich zu Bett, verschloß die Thür nicht und schlief ruhig ein. Am nächsten Morgen, als ich erwachte, und ihn an meiner Seite zu finden hoffte, war Niemand da. Ich stand auf, setzte mich betrübt an den Theetisch und gerade, wie ich einschenken wollte, trat er vergnügt und munter ins Zimmer. „Guten Morgen, Oehlenschläger!“ — „„Guten Morgen, lieber Freund! wo warst Du denn heute Nacht?““ — „Ich war auf Friedrichsberg und habe in einem Gartenhause im Südfelde geschlafen. Es war dort ganz charmant. Aber ich hatte einen curiosen Schlafcameraden; ein Stachelschwein schlief in einem Winkel desselben Gartenhauses.“ Ich glaubte erst, es sei Satyre, weil ich zuweilen auf ihn stichelte; aber es war vollkommener Ernst. Ich hatte sonst nie von Stachelschweinen im Südfelde sprechen gehört. — Dieser Freund war ein vortrefflicher Mensch, zuweilen aber hatte er ganz sonderbare Einfälle. Wenn er sich erkältet hatte, pflegte er Kampher in Bier zu thun, dies zu wärmen bis der Kampher zerlaufen war und es so zu trinken. Aber da er fürchtete, daß der Kampher beim Schmelzen verdunste und er dann nur das warme Bier trinken würde, wollte er es ein Mal besser machen und bröckelte den Kampher wie Brot ins Bier und trank dies dann mit den Stücken. Die Folge hiervon war, daß er in der Nacht ganz verstört im Kopfe erwachte. — Damals schlief er nicht mehr bei mir. — Sein Zimmergenosse glaubte, er habe den Verstand verloren. Man fuhr ihn in diesem Zustande zum seligen Professor Bang nach dem Hospital hinaus. Auf Königs-Neumarkt glaubte der Freund drei nackte Nymphen in der Neujahrsnacht im Schnee tanzen zu sehen, obgleich es im hohen Sommer war. Als er zum Professor kam, der aus dem Bett geholt wurde, sagte er: „Ach Herr Professor! es begegnet Ihnen heute Nacht ein Zufall mit einem Menschen, dessen Gleichen Sie in ihrem Leben nie gekannt haben.“ — „Ach, lieber gar,“ antwortete der alte Bang verdrießlich, weil er in seiner Nachtruhe gestört war; „'s ist ja eine reine Bagatelle, fahren Sie nur nach Hause und schlafen Sie den Rausch aus; morgen ist's vorbei. Und trinken Sie künftig nicht Bier mit Kampher.“ Der Doctor hatte Recht; am nächsten Mittag aß der Patient mit uns und hatte einen so guten Appetit, als wenn gar Nichts passirt wäre.
Erste Bekanntschaft mit Steffens.
Ein früherer Kaufmann Richter hatte ungefähr zu derselben Zeit eine Restauration auf Königs-Neumarkt etablirt, wo man sehr gutes Beefsteak aß und sehr guten Rothwein trank. Dort saß ich eines Mittags, als mir Jemand leise auf die Schulter klopfte. Ich wandte mich um und sah O. H. Mynster hinter meinem Stuhle mit einem jungen schlanken Manne, der ein schönes Gesicht voller Leben und Geist hatte. „Darf ich Dich,“ sagte Mynster zu dem Fremden, „mit einem jungen Manne bekannt machen, der schon mehrere Gedichte herausgegeben hat?“ „„Ich habe bereits einige davon gelesen,““ sagte der Fremde höflich. „Du sprichst mit Dr. Steffens,“ sagte Mynster. Ich sagte dem Herrn Doctor wieder einige höfliche Worte und er ging mit Mynster fort.
Später erzählte Sander mir, daß Steffens ein eifriger Anhänger, ein wichtiges Mitglied der sogenannten neuen Schule sei und man sich sehr vor ihm in Acht nehmen müsse. Dies nahm ich mir ad notam.
Mehrere Abende darauf traf ich ihn in Dreyer's Klub. Er sprach viel, äußerte mit Beredtsamkeit und Kühnheit viel neue Ansichten, wodurch uns die Haare zu Berge stiegen; und wir staunten ebenso sehr, wie der Küster und der Voigt in Erasmus Montanus, wenn dieser beweisen will, daß die Erde rund und der Küster ein Hahn sei. Ich spielte gewissermaßen des Küsters und des Voigts Rollen und „fand in meinem Gewissen,“ daß Steffens Unrecht habe; aber ich war ihm in der Disputation nicht gewachsen und meine philosophischen Kenntnisse waren zu schwach, als daß ich mich mit diesem muthigen Kämpen auf das Glatteis hätte wagen sollen. Doch that ich, was ich konnte und war der Einzige von allen Anwesenden, der ihm zu widersprechen wagte. Er behauptete unter Anderm, daß Lessing kein wirklicher Dichter sei, und ich, der Lessing liebte, suchte das Gegentheil auf alle nur mögliche Art zu beweisen. — Als Steffens gegangen war, lobten meine Glaubensverwandten mich und sagten, daß ich die gute Sache gut vertheidigt habe. — Ich sagte: „Hört Kinder, Ihr irrt Euch, wenn Ihr glaubt, daß ich immer mit diesem Manne streiten will. Ich fühle es, Steffens und ich wir werden die besten Freunde werden. Mag er auch in Einigem Unrecht haben, aber welche Beredtsamkeit, welche Begeisterung, welches Feuer! welchen Verstand und Witz hat er!“ — Damit waren die Anderen nur wenig zufrieden, ich aber suchte ihn bald auf.
Da er sich wie ein neuer Ansgarius vorgenommen hatte, unsere Schöngeister und Philosophen im Norden vom Irrglauben abzuwenden, so war es ihm wohl auch recht lieb, einen jungen kecken Heiden zu treffen, der ihm für seinen Plan helfen konnte, wenn er selbst erst getauft war. Ich besuchte Steffens. Er wohnte in einem wunderlich alten Saal mit seltsam gemaltem Getäfel; Jakob Böhme's Aurora lag aufgeschlagen auf dem Tische. Er fing mit mir um elf Uhr Vormittags an zu sprechen, und so fuhren wir bis drei Uhr in der Nacht fort, also volle sechszehn Stunden. Indessen aßen wir Beefsteak, tranken Wein bei Richter, gingen nach Friedrichsberg und im Südfelde umher, von dort nach Kopenhagen, wo ich bei Steffens schlief aber im Traum aus dem Bette sprang und lärmte, nachdem ich etwas geschlummert hatte. Den Morgen darauf nach dem Frühstücke ging ich nach Hause, setzte mich gleich hin und schrieb das lyrische Gedicht „die Goldhörner,“ um Steffens zu beweisen, daß ich ein Dichter sei, worin er nach den „einigen Gedichten, die er bereits gelesen,“ noch Zweifel zu setzen schien. Er gestand, daß er nach dem Gedichte was er gesehen, zu schließen, mich sich als einen alten ausgelebten Mann mit Zopf und Perücke gedacht habe. Dies war nämlich das satyrische Gedicht an Apoll, nach alter Form zugeschnitzt, aber doch nicht ohne Salz; ich habe es deßhalb trotzdem später in meine Sammlungen aufgenommen.
Aus der Kunstkammer waren kurz vorher die zwei uralten Trinkhörner gestohlen und von dem Diebe eingeschmolzen worden, so daß sie auf ewig für die Nachwelt verloren gingen. Dieses Ereigniß faßte ich allegorisch auf und erzählte daß die Hörner zum Lohn für treues Alterthumsforschen gefunden, aber wieder von den Göttern fortgenommen seien, weil man keinen Sinn für ihren wahren Werth gehabt und sie nur neugierig wie andere Curiositäten begafft hätte.
„Ei mein Bester,“ sagte Steffens, als ich ihm das Gedicht vorgelesen hatte, „Sie sind ja wirklich ein Dichter.“ Ich antwortete ihm, daß ich es fast selbst vermuthete. Nun nahm er sich meiner sehr eifrig an, und wir waren von dem Tage an unzertrennlich.