Ich habe Niemand mehr geliebt als Steffens, und er verdiente es, denn er war in hohem Grade liebenswürdig, phantasiereich, verständig und gefühlvoll. Er äußerte keine Ansicht, in der ich nicht in reiferen Jahren etwas Wahres und Schönes gefunden hätte; und waren seine Aeußerungen auch zuweilen übertrieben, so muß man dies theils der Natur der Opposition zuschreiben, welche leicht verleitet wird zu weit zu gehen, theils seiner feurigen Jugend.
Das Erste, wodurch er mein Herz gewann, war seine Ehrerbietung und Liebe für die Poesie; dies äußerte er nicht nur begeistert, sondern deutete und bewies auch mit philosophischer Klarheit den Werth der Poesie.
Ich hatte dies stets gefühlt, aber es war mir noch nie geglückt, die geahnten Wahrheiten in deutliche Begriffe zu fassen. Stets hatte ich mich tief in meinem Herzen gekränkt gefühlt, wenn ich die Poesie von Leuten von Bildung zu einer hübschen Nebensache herabwürdigen hörte, mit der ein Talent sich in seinen Freistunden beschäftigen könne, wenn es erst die besten Kräfte dem Nützlichen geopfert habe. Die Poesie war unnütz, das Nützliche war das Beste; also kam der Kunst ihrer Natur nach ein untergeordneter Rang zu. Die Phantasie, ja selbst das Genie rechnete man zu den niedrigeren Seelenkräften! Zuweilen ließ ich mich von diesen Sophismen blenden, und dann konnte ich in der Einsamkeit darüber weinen, daß die Natur mich zu etwas durchaus Untergeordnetem bestimmt habe. Oft dachte ich: „Es ist doch seltsam! Um die Kunst auszuüben, die doch nur ein Spielwerk im Leben ist, bedarf es seltener Naturgaben; um ein nützlicher Bürger im Staate zu werden, bedarf es nur des Fleißes und des gesunden Menschenverstandes. Und doch ist dieser edler und ehrwürdiger. Wunderbar! Ganz gegen den gewöhnlichen Gang der Dinge. Doch es muß wohl auch so in der Natur sein; der Apfel ist gewiß edler als die Rose, weil man den Apfel essen und die Rose nur riechen kann; und Kartoffeln und Erbsen sind gewiß wieder edler als die Früchte, weil man sich an jenen, nicht aber an diesen satt essen kann.“
Steffens lehrte mich bald das Schiefe dieses Schlusses einsehen, das daher kommt, daß man das Nützliche als das höchste Ziel des Menschen betrachtet und das Nothwendige mit dem Höchsten vermischt. Bald sah ich ein, daß das Nützliche nur eine Bedingung für unsere irdische Natur sei, damit wir als Menschenthiere gesund und bequem leben und gedeihen könnten; aber unser überirdisches Ziel als Menschengeister ist Kenntniß, Genuß und Ausübung des Wahren und Schönen, zu welcher Kenntniß und Ausübung in der höhern Bedeutung wir nur durch Wissenschaft und Kunst gelangen können. Auch hier sah ich bald ein, daß die Ausübung des Schönen nicht der subjectiven Anschauung untergeordnet ist; da gerade das Wahre und Gute darin besteht, daß man das Schöne in allen Verhältnissen der Natur erkennt und ausübt.
Aus diesem Irrglauben des Nützlichen konnte man nun leicht alle Mißgriffe und schiefen Ansichten der Zeit herleiten, z. B. die übertriebene Achtung vor der sogenannten Aufklärung, welche nicht in einer wahren Aufklärung, sondern in einer egoistischen Vergötterung der Zeitansichten bestand; wozu gehörte, Alles zu verachten, was Bezug auf Phantasie und höhere Idee hatte und dem Triviellen und Alltäglichen einen phantastischen Werth beizulegen.
Die neue Schule.
Diese Irrthümer hat die neuere Schule gut bekämpft, doch wenn es zur Selbstthätigkeit kam, so verfiel sie oft in entgegengesetzte Uebertreibungen.
Sie hatte vollkommen Recht darin, daß man früher das Poetische und Schöne des Mittelalters weder richtig gekannt noch geschätzt hat. Sehr viel Lob verdienen die Sprachforscher und Dichter der neuern Schule, welche alte Bücher und Bilder aus dem Klosterstaube hervorholten und von ihnen genährt und begeistert, selbst Werke schufen, in denen das Schöne des Mittelalters neugeboren und idealisirt erschien; aber man hatte Unrecht, wenn man Alles im Mittelalter schön fand, blind für alle die Tollheiten und Grausamkeiten der dunkeln Jahrhunderte war und uns einbilden wollte: daß die Zeit seitdem zurückgegangen sei und daß wir nichts Besseres thun könnten als künstlich wieder romantische Barbaren zu werden.
Es war rühmenswerth, daß die Minnelieder und Heldengedichte der Ritterzeit herausgegeben wurden, daß man auf den nationalen Character, das heroische Gepräge, den Wohlklang in der Sprache und die vielen einzelnen schönen Stellen in diesen Gedichten, die nicht besser sein konnten, aufmerksam machte; aber Unrecht war es, unendlich lange Reimchroniken, in denen Monotonie und Wiederholungen herrschten, als vollendete Meisterwerke zu rühmen; während man unbarmherzig und streng gegen alles Neuere war und Vieles in unsrer Zeit, in dem doch viel Schönes war, verkannte und verurtheilte.
Recht und billig war es von den Protestanten, den alten Groll fahren zu lassen und das Schöne selbst in dem katholischen Gottesdienste zu bewundern; denn der Protestantismus war zu weit gegangen, und im Geist der Bilderstürmer protestirte man zuletzt gegen alles Poetische, das sich doch so herrlich mit der Religion verbindet und sie stärkt. Es war nicht mehr die Rede von schönen Kirchen, von Gemälden darin, von einer herzergreifenden, erhebenden Musik, von poetisch rührenden Gesängen des christlichen Alterthums. Ein häßlich melancholischer Geist hatte sich vieler Protestanten bemächtigt. Sie betrachteten das Leben, gleich fanatischen Märtyrern, wie ein Jammerthal, ohne Kraft und Freuden; nur noch mit halb wahnwitzigen Augen starrten sie auf Tod, Grab, Blut, Verwesung, Vernichtung. Die neuere Schule zeigte das Poetische, das Heiter-Schöne in dem katholischen Gottesdienste, und daran that sie Recht. Aber sie hatte Unrecht, wenn sie Luther's großen Schritt zur Verbesserung verkannte, wenn sie blind für die Lehren neuerer philosophischer Christen war, und ihre vernünftigen Ansichten thörichte Aufklärungen nannten; wenn sie das Kindisch-Spielende, oft Geschmacklose in den katholischen Ceremonien der einfältig ernsten Größe des geläuterten Christenthums vorzogen; wenn sie einen plumpen Köhlerglauben über Willenskraft und Tugend setzten, die Herzensgüte und milden Gefühle als dumme Sentimentalität ausschalten, und Toleranz oder billige Schonung zu einem Scheltnamen machten, der laue oder schlechte Gleichgültigkeit bezeichnen sollte.