So waren damals die Ansichten der Schule, so glaube ich wenigstens, sie verstanden zu haben. Uebrigens hatte Jeder seine eigenen Ansichten, Steffens auch die seinigen, und sein liebevoller Sinn, sein leicht bewegliches Herz konnten keinen Hang zu Härte und Kälte haben, so wenig, wie sein wissenschaftlicher Blick für die Natur ihn einseitig schwärmen ließ.

Gerade sein poetischer, für jeden Gegenstand offner Sinn, der muntre Witz, mit dem er die Pedanterie und den Eigensinn verspottete, gewannen mein Herz. Er hielt naturphilosophische Vorlesungen, auch Vorlesungen über Goethe's Werke, wodurch ich Vieles in den Gedichten dieses großen Meisters besser verstehen lernte. In mehrere Dinge legte Steffens eine philosophische Bedeutung, in denen ich vorher nur die schöne Darstellung des Wirklichen oder Gedachten bewundert hatte. Ich bin später zu dieser ersten Anschauung zurückgekehrt, und glaube nicht, daß ein wahrer Dichter gewinnt, wenn man seine Poesie in Philosophie übersetzt. Eine Idee, ein Hauptgedanke muß wohl das Ganze zusammenhalten, aber die ideale, geniale Darstellung, Erfindung und Gefühl des schönen individuellen Menschlichen sind und bleiben die Hauptsache der Dichtkunst.

Göthe's Faust, sein philosophischestes Werk, war auch Steffens' Lieblingsgedicht, und er äußerte Vortreffliches darüber. Steffens eigner poetischer Geist zeigte sich bereits hier in einem philosophischen Gewande; und ohne selbst Dichter zu sein, würde er mich wohl auch nicht so ganz gewonnen haben; denn obgleich ich mir Kant's, Fichte's und Schelling's Hauptansichten und Hauptgedanken von meinen philosophischen Freunden in die Volkssprache, d. h. in die Muttersprache übersetzen ließ, und sie auf diese Weise recht gut kannte und begriff, war es mir doch eine Unmöglichkeit, mich selbst durch die terminologischen Systeme der reinen Vernunft, der ästhetischen Urtheilskraft, der Wissenschaftslehre und des Idealismus hindurchzuarbeiten. Ich verstand leicht, was ich las; aber ich hatte nicht Geduld genug, um lange in diesen Büchern zu lesen; es ging mir zu langsam, die Form sagte mir nicht zu, und oft schien es mir auch, daß die Verfasser von dem geraden Wege, dem rechten Ziele abwichen, um auf einem langen Umwege zu einem anderen Ziele zu kommen.


Novalis und Tieck.

Steffens Lieblingsdichter, Novalis und Tieck, las ich gern und oft. Wie freute mich Novalis mit seiner schönen, religiösen Sentimentalität, und die Stellen in Heinrich von Ofterdingen, in denen Eltern, Söhne, Natur und Bergmannswesen so lebendig geschildert werden. Auch die „blaue Blume“ winkte mir, als ich mich ein paar Jahre lang zu einer gewissen mystischen Schwärmerei hingezogen fühlte. Tieck war nun ganz anders! Von Wackenroder und Novalis hat er freilich eine milde Herzlichkeit geerbt, welche sich in dem kunstliebenden Klosterbruder und Sternbald's erstem Theile ausspricht. Aber nach dem Tode jener Freunde pochten Phantasie und Humor auf ihr mitgebornes Recht.

Besonders erquickten mich dieses romantischen Aristophanes „gestiefelter Kater“, seine „verkehrte Welt“ und „Zerbino“. Seine Märchen amüsirten mich auch unendlich. Hier gebrauchte er nun freilich oft statt eines: Deus ex machina einen: Diabolus ex machina, den er, um die poetische Gerechtigkeit (die er als alte Mode verwarf) zu ärgern, meistens überall triumphiren läßt. Durch diese neu erfundne poetische Ungerechtigkeit wirkten seine Märchen noch stärker, als die schönen phantastischen Scherze des Musäus. Und freilich giebt es nur zwei Arten, mit dem Teufel umzugehen: entweder man lacht ihn aus oder man bebt vor ihm. Hoffmann hatte später versucht, dieses Lachen und Beben in einem grinsenden Zähneknirschen zu vereinen, das (wenn es nicht zu grimassirt ist) seine Wirkung nicht verfehlt.

Was ich bei Tieck auch sehr liebte, war seine Vorliebe und Kenntniß des Mittelalters, die seinen Schilderungen ein warmes eigenthümliches Colorit giebt. So wie Talma ein echt griechisches Costüm auf der französischen Bühne einführte, so kann man sagen, daß Tieck ein der Ritterzeit würdiges Costüm in die deutsche Poesie brachte, wo man sich bisher mit Veit Weber'schen Plümagen auf den Helmen aus den verschiedensten Zeiten begnügt hatte. Goethe stellte in seinem Götz und seinem Faust die Umrisse von Luther's Zeit dar; Tieck ging bis zur Blüthezeit der Minnesänger und noch weiter zurück. Wie herrliche alte Bilder hat er uns nicht in seinem „getreuen Eckart“, den „Haimonskindern“, der frommen katholischen „Genovefa“ gegeben. In seinem „Octavian“ sind Clemens und Florens echt komische Charaktere.