Neue Dichtungen.
Ich habe bereits erzählt, daß ich vor Steffens' Ankunft in Kopenhagen mehrere Bogen von meinem Erik und Roller hatte drucken lassen. Diese cassirte ich alle, weil ich nun einen andern Geschmack bekommen hatte. Statt also Geld zu verdienen, mußte ich 150 Thaler an Drucklohn und für empfangnes Honorar zurückbezahlen.
Dies war keine Kleinigkeit für einen jungen Mann, der Nichts besaß. Aber mit einem andern Buchhändler, Herrn Brummer, hatte ich ein Uebereinkommen getroffen, daß er einen Band Gedichte von mir herausgeben sollte. Glücklicherweise war hiervon noch Nichts gedruckt. Steffens verwarf, mit Ausnahme einiger Kleinigkeiten, auch diese ganze Sammlung; aber mein Buchhändler kannte den Inhalt der Sammlung nicht. Ich setzte mich also hin, schrieb ihm in größter Eile statt der verworfnen eine neue Sammlung, die ich ihm zur rechten Zeit lieferte, ohne ihm ein Wort davon zu sagen.
Hier hatte ich viele unserer alten Kämpeweisen zu größeren Romanzen bearbeitet. Ich führte den Ottaverim, so wie später die Terzine, die griechisch-dramatischen Versarten, die nordischen Reimbuchstaben und die Verse aus dem Heldenbuche und dem Niebelungenliede, in die dänische Poesie ein. Die Hauptarbeit in der 1803 herausgekommnen Sammlung war das Sct. Hansspiel, das zwar etwas an Göthe's Fastnachtsspiel und die Tieck'schen Satyren erinnert, aber doch originell ist, theils durch seine eigne Form, theils weil es den Sommerscherz unsres Thiergartens darstellt. Zum Schluß hebt die Dichtung sich zu einer erotisch ernsten Nachtscene, die sich auf eigenthümliche Weise mit dem Ganzen verbindet. Diese Gedichte machten Glück und schafften mir einen Namen unter den dänischen Dichtern.
Aber sie verschafften mir auch manche Feinde, weil Einige, die viele Freunde hatten, sich von den satyrischen Einfällen in dem Sct. Hansspiele getroffen fühlten. Die alte poetische Schule hob sich natürlich gegen die Ansichten der neueren. Man fand den Spott über das Nützliche und die Aufklärung ungerecht, und die Huldigung der alten Phantasieen gefährlich und unvernünftig.
Doch fand ich auch Freunde. Unter Anderen den späteren Probst Holm, der mich immer gern gehabt hatte. Kurz nachdem ich das Sct. Hansspiel geschrieben, eines Tages sehr bescheiden und verlegen in Dreyer's Klub eintrat und mich mit dem Rücken gegen die Wand in einen Winkel stellte, — sagte Holm lächelnd: „Der steht da, bei Gott, als ob er nicht bis fünf zählen könnte.“
Baggesen's deutsche Gedichte.
In dieser Zeit (1803) kamen Baggesen's deutsche Gedichte heraus, unter denen das an Göthe mich in hohem Grade empörte. Meine große Begeisterung für Baggesen, die einer frühern Periode angehörte, war sehr verdunstet. Hieran war nun allerdings zum Theil die neuere romantische Schule schuld, welche mich dahin brachte, mit jugendlicher Einseitigkeit einen großen Theil Dessen zu verwerfen, was mich früher entzückt hatte, und das später wieder, wenn auch nicht gerade mich entzückte, so doch mir sehr gefiel. Aber reifere Jahre, ein klarerer Blick und besserer Geschmack hatten meine Augen auch für Vieles geöffnet, dem gegenüber ich früher blind gewesen war, und so fiel mir zuerst Baggesen's Affectation in die Augen. Diese hatte ich bereits früher einstimmig von allen seinen älteren Freunden und Bekannten tadeln gehört, und hieher paßte eine Anecdote, die Rahbek gern erzählte. Als er als Student bei seinem Vater in der großen Königsstraße in einem Parterrezimmer neben dem Thorwege wohnte, pflegte oft der eine oder der andere gute Freund die Nacht bei ihm zuzubringen, wenn der Freund seinen eignen Hausschlüssel vergessen hatte. Dann wartete er entweder auf Rahbek, der auch spät nach Hause zu kommen pflegte, oder klopfte so lange ans Fenster, bis ihm geöffnet wurde. Zuweilen hatte Rahbek auch seinen Schlüssel vergessen, aber dann pflegte er eine Scheibe einzuschlagen, das Fenster zu öffnen, hineinzusteigen, und, ohne sich weiter um den Zugwind zu kümmern, zu Bett zu gehen. Eines Abends, als Rahbek aus einer lustigen Gesellschaft kam, fand er Baggesen pathetisch melancholisch im Mondschein vor der Hausthür auf- und abschreiten. Rahbek begrüßte ihn, und fragte ihn, ob er bei ihm schlafen wolle. Aber Baggesen antwortete finster: „Ich gehe ins Wasser.“ Rahbek schwieg und ging hinein, Baggesen folgte ihm. Rahbek kleidete sich aus, Baggesen ging im Zimmer auf und ab.
„Weißt Du was,“ sagte Rahbek, als er unter dem Deckbett lag, und Baggesen noch keine Miene machte, seinem Beispiele zu folgen; „magst Du nun zu Bett oder in's Wasser gehen, jedenfalls sei so gut und lösche das Licht aus, wenn Du gehst!“ Er wandte sich um und schlief ruhig ein. Am nächsten Morgen lag Baggesen im süßen Schlummer ihm zur Seite.