Polemik gegen Baggesen.

Ich sagte, daß Baggesen's Gedicht an Göthe mich im hohen Grade empörte; dies gab mir Veranlassung zu einigen Satyren gegen ihn, die ich jedoch nur meinen Freunden vorlas. Mehrere Jahre darauf war wieder sein Faust, ein großes Spottgedicht gegen Göthe, die erste Ursache zu seiner Feindschaft gegen mich, weil ich ihm meine Indignation darüber bezeugte, auf diese Weise einen großen Mann zu verhöhnen. Um Göthe's Willen also hatte ich diese vieljährigen Verfolgungen zu ertragen. Nie aber habe ich es diesen wissen lassen; ich mußte es auch viele Jahre hindurch ertragen, daß Göthe mich ignorirte und mich endlich in einigen Briefen an Zelter (die ein Mann, der sich früher mein Freund genannt, und dem ich keinen Strohhalm in den Weg gelegt hatte, Dr. Riemer, kleinlich genug war, herauszugeben) à la Baggesen behandelte. — In Baggesen's gröbster Periode gegen mich, rächte ich mich nicht dadurch, daß ich diese Gedichte drucken ließ. Ich fürchtete, daß man glauben würde, ich hätte sie geschrieben, um mich zu rächen, da sie doch nur aus Liebe zu einem großen Dichter und aus Mißbilligung gegen Baggesen's Wesen, mir persönlich aber durchaus fremd entstanden waren.

Nun, da er todt ist, da ich meine Lebensbeschreibung vervollständige, in der mein Verhältniß zu Baggesen ein wichtiges Capitel ausmacht, das die Leser der Nachwelt interessiren kann, und da man einen großen Theil seiner schlimmsten Angriffe gegen mich in seinen Werken hat drucken lassen, ist es nöthig, daß die Wirkung dieses Giftes durch ein Gegengift neutralisirt werde.

Man wird übrigens sehen, daß diese Arbeiten, in den Jünglingsjahren geschrieben, weit mehr übermüthig, als giftig sind. Nicht Baggesen's Humor und Witz, seine augenblickliche Grazie, seine sinnreichen Einfälle und seine brillante Phantasie sind darin angegriffen; sondern er wird als Geschmacksrichter und als sublimer Dichter behandelt.

An Baggesen.
(Als er Göthe heruntergerissen hatte.)

In Corsöer auferzogen,
Kamst Du zur Stadt geflogen,
Du warst ein muntres Kind.
Wie Holberg Wessel färbte,
So dieser Dir vererbte
Die Farbe ganz geschwind.
Mit Kallundborg, Corsöer Du
Hast leer die Mus' gemacht;
Doch hast zu großer Ehr' Du
Es durch dies Werk gebracht.
Dann satt den fränk'schen Wust —
Schriebst „Holger“ Du mit Lust, —
Nicht allzu dänisch just;
Ich hörte gar vermuthen
Daß „Erik“ auch „dem Guten“
Ganz fehlt die dän'sche Brust.
Den Ersten parodirt man, —
Das war ein bitt'rer Trank,
Den Zweiten pardonnirt man,
Weil gut war der Gesang.
Zu Zeiten Thränen rinnen,
Wir Stellen lieb gewinnen,
Wo's viel des Wassers giebt. —
Ja, ich gesteh's mit Schmerze,
Dich, guter Mann, mein Herze
Hat einstens sehr geliebt.
Mußt' Deine Triller schlagen,
Ich summte Deinen Sang,
Doch vom Verstand zu sagen —
Der war kaum Ellen lang. —
Oft möchte man entweichen
Nach Sirius' fernen Reichen
Und zu den Sonnen weit;
Man liebt die Eminenzen,
Das sind Reminiscenzen
Noch aus der Kinderzeit.
Sah ich Dich aufwärts fliegen,
Da dacht' ich: Gott der Welt,
Wie hoch ist der gestiegen,
Ohn' daß er niederfällt?
Du schenkt'st mir Deine Leyer,
Als Zucker, Rum und Eier
Die Herzen uns erweicht.
Ich klimperte so schüchtern —
Doch bald ward mir's zu nüchtern,
Bald ward es mir zu seicht.
Der Herr zu meinem Glücke
Schenkt' mir Barmherzigkeit,
Er öffnet' mir die Blicke, —
Ich warf die Lyra weit.
Das konnt'st Du nicht vertragen,
Die Gab', hört' ich Dich sagen,
Hätt' schlecht ich angewandt.
Wie Götz von Berlichingen
Hätt' ich mit ihrem Klingen
Dir fast sie heimgesandt,
Gleich ihm gesagt: „Im Leben
Hast Du mich nicht gekannt;
Drum will zurück ich geben,
Die Du mir gabst, die Hand.“
Doch dacht' ich, alle Teufel,
Der Mann hat ohne Zweifel
Doch sicherlich Talent.
Er geht als Scheerenschleifer
Umher mit vielem Eifer
Und singt dann excellent.
Doch wie den Schmerz ich tödte,
Als ich die Wund' vergaß —
Sah ich Dein Lied an Göthe
Und staunte, da ich's las.
Was? Er singt „für den Pöbel“?
Solch wurmzerfress'nes Möbel
Wagt an den Helden sich?
Du, Jens für Weib und Dirne,
Tief in den Staub die Stirne
Vor Göthe, paßt für Dich,
Der gleich dem Fisch sich windet
Im salz'gen Thränenmeer!
Jens Baggesen verschwindet!
Jens lebt jetzt gar nicht mehr!
Da sah in einem Zimmer
So fern vom Tagesschimmer
Ich eine Frau allein.
Sie konnte nicht vertragen
Des Morgens schönes Tagen,
Und nicht den Sonnenschein.
Mit ihrem Blick, dem matten,
Und ohne Lebensspur
Saß sie im dunkeln Schatten
Und liebt das Dämmern nur.
Da schwand mein ganzes Grollen.
Gott möge helfen wollen!
So sehr beklagt ich dies.
Laßt ihn in Frankreich bleiben
Und deutsche Lieder schreiben
Auf Holstein'sch in Paris.
Denn schon als kleiner Schlingel
Hast Du vor Freud' gelacht,
Aß'st Du „Pariser Kringel“,
Die hier zu Haus gemacht!


An Baggesen (1804).

Als lust'ger Slaglosianischer Student
Warst Du excellent,
Und wirklich ein kom'scher Scribent.
Da fielst Du — Gott helf' in der Noth —
In Vierländ'schen Koth.
Strecktest aus dem Mist empor die Glieder,
Wolltest Etwas und vergaß'st es wieder;
Nanntest Voß, Virgil, Racine —
— Gott schütz' ihn! —
Um Dich nun aus dem Schlamm herauszuwälzen,
Klopstockst Du umher auf Stelzen;
Dünkst Dich 'nen Homer von Profession,
Statt, lieber Mann,
Was Du bist, was man Dir lassen kann,
Einen lust'gen Patron!
Schreib vom Jeppe doch immer!
Homer wirst Du nimmer.
Soll wieder blühen des Alterthums Kranz
In seinem vollen Glanz
Da bedarf's mehr, als der Plaisanterie,
Des Decorums und Kant'scher Philosophie.