Satyre gegen Pavels.
Ein älterer, etwas einseitiger Literatus, übrigens ein guter, einsichtsvoller Mann, und früher und später mein Freund, Pavels (als Bischof von Bergen gestorben) schrieb eine harte, und nach der Ansicht der meisten Sachverständigen, schiefe Kritik über meine Gedichte. Ich rächte mich wider meine Gewohnheit durch eine Satyre, die ich hier mittheile, insofern sie das Verhältniß schildert, wie ich als kämpfender, aufbrausender Jüngling zu den anders denkenden Dichtern und Literatoren jener Zeit stand.
Daß in den Liedern Du die Spur
Nicht fand'st von Mythen der Natur,
Das kann ich allenfalls begreifen.
Auch will ich die Erklärung sparen,
Denn möcht' ich Dir's auch offenbaren,
Es würd' für Dich an's Myst'sche streifen.
Daß Shakespeare, voll Verstand, doch „keinen
Geschmack gezeigt“, — das will ich meinen;
Nie schrieb er solche Recension!
Nicht der Geschmack würd' ihm behagen,
Schmeckt er ihn jetzt in unsern Tagen,
Der ungehobelte Patron.
Du Göthe prüf'st mit krit'schem Stahl,
Und nennst ihn tadelnd sent'mental.
Er braucht den Rath! Ich bill'ge das!
Das fällt, mir scheint's, mit dem zusammen,
Als spräch' das Wasser zu den Flammen:
„Mein Herr! Sie sind doch gar zu naß!“
Du sagst, daß ich Homer verachte,
Wenn Das, was ich in Verse brachte,
Ihn nicht copirte affectirt.
Du willst nicht, daß ein Band sich bilde
Um Nordens Kraft und Südens Milde, —
Das hat mich wenig nur gerührt.
Dem wahren Dichter ward's gegeben
Zu sehn Natur, zu schaun das Leben
In Glanz und aller Herrlichkeit;
Gott, dessen Blick das All durchdringet,
Sein Wort im Ton der Harfe klinget
Mit mächt'gem Strom durch alle Zeit.
Ein Leben, wie's dem Geist entstammet
Sollst Du erschaffen, daß es flammet
In einem ew'gen, reinen Glanz.
Das ist das Ziel, das ich erkenne,
Das ist es, was ich Dichten nenne,
Durch das erwirbt man Daphne's Kranz.
Zur Waffe für die schwache Lyra
Ruht Persiflage und Satira
Tief in des kecken Dichters Brust.
Stets Hindernisse ihn umringen,
Er muß die scharfe Geißel schwingen;
Glaubst Du, er schwinge sie mit Lust?
Du siehst im Sturm die Rose stehen,
Und feuchte Nebel sie umwehen,
Drum lenkt man ab des Wassers Gang;
Wenn wuchernd Unkraut sich verbreitet,
Und zarten Blüthen Tod bereitet,
Dann tönt der scharfen Sichel Klang.
Ein zufälliger Umstand machte vielleicht das Verhältniß zwischen Pavels und mir unangenehmer für ihn, als ich es wünschte. Aber ich konnte Nichts dafür. Wir wohnten nämlich während dieses Sommers in demselben Hause in der Friedrichsberger Allee. Ich begegnete ihm oft, grüßte ihn stets, er grüßte wieder; aber solch' formelle Höflichkeiten schaden mehr, als sie nützen, wo das Wesentliche fehlt.
Die Hiebe, die ich Pavels in diesem Gedichte gegeben hatte, fanden in meiner Jugend keine hinreichende Entschuldigung bei Denen, welche sie trafen. Es machte das Uebel nur größer, und bald fühlte ich, daß ich nicht länger in gesellschaftlicher Beziehung zu den Anhängern der alten Schule stehen könne. In der dramatischen Gesellschaft bekam ich gar keine Rollen mehr und meldete mich nach einigen Unannehmlichkeiten als ausgetreten.
Rahbek, der gern bei solchen Gelegenheiten juste milieu halten wollte, und deßhalb zuweilen — (nach einer Redensart des Marqueurs in Dreyer's Klub) „weder parteiisch noch unparteiisch“ war, sagte recht treffend, als man ihn nach seiner Meinung über das Gedicht fragte: „Es kommt mir vor, als ob Oehlenschläger versucht hätte, witzig und malitiös zu sein, und Keins von Beiden ist ihm geglückt.“
Unangenehmer Vorfall.
In Dreyer's Klub saßen eines Tages bei einem Festmahle Hans Christian Oersted und ich zusammen. Es wurden mehrere neue Lieder gesungen: unter anderen eins von einem guten Prediger aber keinem Dichter. Als das Lied gesungen war, sah mir mein vis à vis starr in die Augen und sagte: „Das war eine schöne Melodie!“ — „„Ja,““ entgegnete ich, „„sehr hübsch.““ — „Es war auch ein sehr schönes Lied!“ — „„O ja!““ antwortete ich höflich. „Ja“ rief er heftig, „es ist freilich keins von diesen neumodischen Gedichten, die jetzt gemacht werden und mir vollständiger Mist zu sein scheinen; aber was verstehe ich davon?“ — Kalt antwortete ich: „„Es kann kein Mensch verlangen, daß Sie etwas von Poesie verstehen sollen: Alles, was man fordern kann, ist, daß ein alter Mann sich nicht wie ein Knabe beträgt!““ — Der heftige Mann sprang nun vom Tische auf und rief laut: „Hiermit lasse ich die Gesellschaft wissen, daß Herr Oehlenschläger mich einen Knaben gescholten hat!“