Es entstand nun ein großer Lärm und Viele glaubten gleich ungehört, daß ich Unrecht hätte. Um nicht das Vergnügen der Gesellschaft zu stören, und da ich nicht einsah, wie dieser Streit auf eine würdige Weise ausgeglichen werden könne, da ich außerdem auch fürchten mußte, daß ähnliche Scenen wieder Statt finden könnten, erzählte ich kurz und gut den Umherstehenden den Zusammenhang, verbeugte mich und sagte: „Ich melde mich als aus der Gesellschaft ausgetreten!“ — „Und ich auch!“ rief mein treuer Hans Christian Oersted, der Alles mit angehört hatte und sehr entrüstet darüber war. Wir gingen nun Beide fort. Hierdurch gewann meine Sache in der öffentlichen Meinung und mein Austritt glich mehr einem Siege als einer Flucht.

Ich habe diese Scene nach dem Verlaufe von 46 Jahren, durchaus nicht aus Groll gegen einen Mann erzählt, der mir weder früher noch später jemals feindlich entgegengetreten ist, eben so wenig, wie ich ihm; ich weiß, wie leicht ein unüberlegtes Wort dem Munde entschlüpfen kann! Ich erzähle es nur, weil die Ursache zu einer solchen, öffentlich bekannt gewordenen Begebenheit mit zu meinem Leben gehört, und weil dieser Zug zur Characteristik der damaligen Zeit beiträgt.


Zusammenleben mit Rahbek.

Von dieser Zeit an lebte ich eingezogener in meinem häuslichen Kreise, besonders bei Rahbeks und Oersteds. Frau Rahbek war stets liebenswürdig und interessant und doch durchaus verschieden von meiner Schwester Sophie. Steffens kam oft und gern in beide Häuser. Unser Verhältniß zu Rahbek war eigenthümlich. Er war unser Beider erster Geschmacksbildner gewesen, und noch jetzt stand er als Haupt- und Wortführer an der Spitze der Schule, die wir bekämpften. Und doch blieben wir recht gute Freunde; denn Rahbek ließ auch uns etwas gelten und sprach in seinem Blatte oft vermittelnd gegen allzu große Einseitigkeit; freilich lobte er viel, was uns nicht gefiel, und wir äußerten Manches, das ganz gegen seinen Glauben stritt; aber er war im Ganzen eben so tolerant, wie eigensinnig. Disputiren mochte er nicht; er wußte sich stets mit Beispielen und witzigen Einfällen aus der Sache zu ziehen. Wenn wir unsere Ansichten aussprachen, schwieg er, und blickte durch das Fenster, wo er eine schöne Aussicht über den See nach Amager hin hatte; wurden wir allzu begeistert, so ging er in sein Studirzimmer, wo seine Kanarienvögel frei über den Büchern umherflatterten. Er hatte eine große Vorliebe für alle seine Hausthiere. Ein Taubenschlag war vollgepfropft mit Tauben, weil er es nicht duldete, daß eine von ihnen geschlachtet wurde. Eine alte Gans ging in späteren Zeiten auf dem Hofe umher, die fast dumm vor Alter geworden war, und Leute in die Beine beißen wollte. Ja, diese Liebe, das Alte unverändert zu bewahren, erstreckte sich sogar bis auf den Garten und die Pflanzen. Einige Stachelbeerbüsche wollte er durchaus nicht beschneiden lassen; die Folge davon war, daß sie ihm über den Kopf wuchsen, endlich keine Früchte, ja sogar keine Blätter mehr trugen und zuletzt nur Dornen übrig behielten, mit denen sie ihn rissen, wenn er in ihren Labyrinthen umherschwärmte. In das Südfeld, einige Schritte von seinem Hause, setzte er nie seinen Fuß. Wenn er nun in seinem Zimmer bis zur Eßzeit gearbeitet und seinen Schnaps „Brenndarium,“ wie er es nannte — getrunken, und etwas in die falsche Kehle bekommen und er darauf gehustet hatte, — so wurde er aufgeräumt, und das Gespräch nahm dann gewöhnlich statt einer philosophischen und lyrischen eine epische Wendung. Er erzählte uns dann gern Anecdoten und Characterzüge aus einer ältern Zeit; und bei dieser Gelegenheit bewunderten wir ebenso sehr sein Gedächtniß für Tauf- und Zunamen, für Straßen, Gassen, Jahreszahlen und Monate, wie den Witz und Humor mit dem er erzählte. Besonders amüsirte es mich, Etwas von ihm über Ewald und Wessel zu hören. Wie Jener, wenn er Abends mit einem Rausch nach Hause ging, mit seinem gezogenen Degen auf das Pflaster schlug, so daß die Funken ihm um die Ohren sprühten und rief: „Nun grassirt der Poet Eward,“ denn den Buchstaben L konnte er nicht im nüchternen Zustande, geschweige denn, wenn er betrunken war, aussprechen. — Wie Rahbek einmal als junger Mann ihm bescheidne Complimente gemacht, und wie Ewald ihn aufgemuntert und gesagt hatte: „Lobe mich nur Gevatter, ich mag das gern hören;“ wie Ewald endlich, als er krank und bettlägerig war, und der Doctor ihm Punsch verboten und Thee verordnet hatte, Punsch aus einer Theekanne in die Tasse goß, um den Doctor und sich selbst zu betrügen.

Anecdoten von Wessel.

Von Wessel hörten wir: wie er an einem warmen Sommernachmittag verstimmt und niedergeschlagen an einem Seiler vorbei ging, der fürchterlich von der Hitze litt, weil er zwei Hemden anhatte. Der Seiler behauptete eifrig, daß Nichts in der Welt den Menschen so in Hitze bringen könnte, wie zwei Hemden. „Was meint er denn von dreien?“ fragte Wessel. — Ein Freund besuchte ihn und fand zwei Bücher auf der Commode seiner Frau. „Potztausend, Wessel,“ fragte der Freund lustig, „sind das alles Deine Bücher?“ „„Nein,““ antwortete Wessel, „„nein, die meisten davon sind geliehen.““ Ein vermögender Mann lud ihn ein, Punsch bei ihm zu trinken; er habe einen vortrefflichen Rum bekommen. — „Lieber Freund,“ sagte Wessel, „schicke mir lieber ein paar Flaschen Rum nach Hause, ich trinke ihn am liebsten trocken.“ — Er wohnte eines Sommers auf der Westerbrücke in der sogenannten Galgenmühle. „Besuche mich einmal, Du!“ sagte er zum Schauspieler Saabye, „ich wohne dort in der schönen Natur.“ Saabye kam, fand ihn aber nicht zu Hause; er war auf das Feld hinausgegangen. Dort stand das Hochgericht, das seit langer Zeit nicht benutzt war; und unter dem früher erwähnten, gemauerten Galgen, dem einzigen schattigen Ort auf dem Felde, lag Wessel und las in einem Buche, mitten in der schönen Natur!

„Nein Wessel!“ sagte 'mal ein Freund zu ihm, „Du mußt doch versuchen, Dein Glück zu machen; Du mußt Minister Guldberg besuchen. Er ist selbst ein gelehrter Mann, ein tüchtiger Kopf und wird gewiß Etwas für Dich thun.“

„„Das geht unmöglich,““ antwortete Wessel. — „Weßhalb?“ — „„Ich habe keine Perücke.““ — „Die will ich Dir geben!“ — „„Ich habe auch keine Hosen.““ — „Ich will Dir ein Paar hübsche schwarzseidene Beinkleider leihen!“ Er ging zu Guldberg. Der Minister fragte: „Wer sind Sie?“ — „„Ich heiße Wessel.““ Guldberg weiß noch nicht recht Bescheid. Wessel glaubt, die Perücke mache ihn unkenntlich, er nimmt sie ab, und steckt sie in die Tasche. Nun erkennt Guldberg ihn und fragt, womit er ihm dienen könne? — „„Ew. Excellenz, es müßte ein Amt sein, wo Viel zu verdienen und Wenig zu thun ist; denn dazu fühle ich mich besonders disponirt.““ — Guldberg weiß noch nicht recht, wie er dies verstehen solle, dreht verlegen seine Dose in der Hand und wiederholt die Frage, womit er ihm dienen könne? „„Nun,““ sagt Wessel, „„dann geben Sie mir eine Prise Taback, Gevatter!““ Die bekam er, verbeugte sich und ging seiner Wege.

Vermuthlich wollte Wessel kein Amt haben. Er meinte, daß er, als ein ausgezeichneter Dichter, der dem Vaterlande Freude und Ehre bereite, eine kleine Pension verdiene. Aber so weit war man damals noch nicht gekommen, daß man glaubte, ein guter Dichter verdiene den Lebensunterhalt als Dichter. Kann man es ihnen dann verdenken, wenn sie ihre Zuflucht zu Bacchus nahmen, um in seinen Nebelwolken eine Welt zu vergessen, die sie verschmähte?