Doch muß man auch der Wahrheit gemäß gestehen, daß Ewald und Wessel zu wenig für sich selbst arbeiteten, und sich in einem gewissen Müßiggange, und einem unordentlichen Leben gefielen, das sie zuletzt zum Abgrunde führte. Ein eigenthümlicher Gegensatz zu diesen zwei Genies, sowohl in des Wortes guter, wie schlechter Bedeutung, war Holberg; dieser hatte sehr fleißig, sehr ordentlich, sehr mäßig und fast geizig als Junggeselle gelebt; so daß er sich endlich für das durch seine Schriften erworbene Vermögen eine Baronie kaufen konnte, die er dann wieder dem Vaterlande schenkte. Auch Tullin war ein Gegensatz zu ihnen.

Aehnliche Anecdoten konnte Rahbek bis in die Unendlichkeit hinein erzählen. Auch hörten wir ihn gern uns von seiner Reise nach Deutschland berichten; wie er nur von Theater zu Theater zog, nur mit Schauspielern und Theaterdichtern umging und sich in der Diligence in einen dunkeln Winkel setzte, um auf den Landstraßen durch Naturschönheiten und Aussichten nicht in seinen Kunsterinnerungen gestört zu werden. Musik, Malerei und Bildhauerkunst hatten für ihn nur wenig Anziehungskraft, aber desto mehr gab er sich mit der scenischen Darstellung der Charaktere ab. In der alten und neuen Literatur war er sehr gut bewandert; in literarischer Bildung stand er mit Ausnahme von Baggesen, über allen Dichtern seiner Zeit; und trotz seiner Eigenheiten war er doch der billigstdenkende von ihnen Allen.

Camma Rahbek.

Seine Frau, wenngleich viel jünger als er, liebte ihn innig; und trotz aller ihrer Talente hatte sie sich doch daran gewöhnt, blind an seinen Geschmack zu glauben. Dies fanden wir nun recht hübsch, doch suchten wir sie zuweilen in ihrem Glauben wankend zu machen. Glücklicher Weise hatte sie einen Character, der sich recht für ihre Stellung eignete. Sie sprach selten von Poesie. Sie hatte ein edles Herz, eine rasche Auffassungsgabe, ein gutes Gedächtniß, einen außerordentlichen Witz, die größte Leichtigkeit mechanische Schwierigkeiten zu überwinden; aber Phantasie und Tiefe, um lange bei einer Vorstellung zu verweilen, fehlten ihr. Witz und Humor herrschten stets mit erstaunlicher Lebendigkeit in ihrem Geiste vor. Wenn sie ernst war, war sie gewöhnlich niedergeschlagen. Bücher las sie meist der Sprachen wegen. Sie verstand gut deutsch, französisch, englisch, italienisch, spanisch, und in späteren Jahren sogar Latein und etwas Griechisch; aber man hörte sie selten eine fremde Sprache reden. Geschmack für das Schöne zeigte sie hauptsächlich in der Malerei (sie zeichnete selbst hübsch) und in der Gartenkunst. Sie war eine vortreffliche Gärtnerin, und saß — obgleich kränklich — auf Bakkehuset wie eine Flora oder Pomona; herrliche Blumenbeete lächelten bunt in dem feinsten, frischesten Gras; schwere herabhängende Trauben rankten sich um ihre Fenster, und im Zimmer blühten Witz und Humor noch schöner von ihren Lippen. — Sie hörte also auf Steffens und mich mit schelmischer Aufmerksamkeit; Manchem gab sie ihre Beistimmung, Manches ließ sie dahingestellt, und nie griff sie unsere Truppen mit der Infanterie der Gründe oder der Gegenbeweise an. Aber wenn wir uns zuweilen selbst widersprachen, oder wenn sich eine Lücke, ein Wirrwarr im Gedankengang zeigte, dann konnte kein Mürat mit seiner Cavalerie rascher und tapferer einhauen als sie mit ihren beflügelten Witzen uns in die Flanken fiel, und ein entsetzliches Blutbad unter allen unseren Behauptungen anrichtete, wobei wir ihr selbst mit lautem Lachen halfen, wenn einmal das Terrain geräumt war. Zuweilen amüsirte es sie doch, Steffens und mich ein wenig zur Vergeltung zu necken, wenn wir Etwas gesagt hatten, das Rahbek nicht mochte. Einmal disputirte sie mit mir über Göthe's kleines hübsches Gedicht: „Ein Veilchen auf der Wiese stand.“ Sie behauptete, daß es überspannt phantastisch sei. In demselben Augenblick kam Rahbek: „Nicht wahr, Rahbek, Du bist derselben Meinung?“ Rahbek rieb sich die Hände, schwieg und blickte zum Fenster hinaus nach Amager hinüber. — Später, als ich ein Mal in seinen Gedichten blätterte, fand ich, daß er dies selbst übersetzt hatte.


Meine Schwester Sophie.

Meine Schwester Sophie war nun ganz anders, doch glich sie Camma in vielen Dingen; sie war eben so witzig, geistvoll und lebendig; aber sie hatte nicht die Lust zu den Sprachen und die mechanische Fertigkeit, wie Camma. Diese hatte außerordentlich viel gelernt, Sophie sehr wenig; aber mit ungewöhnlicher Schnelligkeit verstand sie doch bald, sich das Nothwendigste zu erwerben. Sie fing an, Götz von Berlichingen deutsch zu lesen, als sie kaum noch das zweite Wort verstand; als sie aber damit fertig war, verstand sie das Meiste ganz gut. Sie war sehr poetisch; sie war vertraut mit der stillen Freude der Wehmuth und ihre leicht geweckten Gefühle exaltirten sie zuweilen zu sehr. Nie lernte sie eine andere fremde Sprache, als deutsch, und auch diese konnte sie nicht grammatikalisch. Aber da sie täglich mit Deutschen umging, so sprach sie vortrefflich, das heißt, im Geist der Sprache mit allen Idiotismen und Wendungen; obgleich wir sämmtlichen Dänen nicht vermeiden konnten, zuweilen kleine Fehler zu machen. Sie kleidete sich mit Geschmack, nähte selbst Alles, was sie brauchte, putzte sich gern (sie war von hübscher Figur) und ging gern spazieren. Frau Rahbek saß entweder zu Hause oder machte in späteren Jahren Reisen auf dem Dampfschiffe nach Hamburg. Fremde Gesellschaft liebte weder sie noch Sophie; dagegen kamen täglich einige gute Freunde zu ihnen. Meine Schwester war sehr häuslich, hielt nur ein Mädchen und fegte selbst ihre Stuben aus, was man, ihren weißen Händen nach zu urtheilen, nicht geglaubt haben würde. Sie hatte in ihrer Kindheit viel an Blattern gelitten, doch waren die Narben ziemlich verwachsen; sie hatte rothe Wangen und große, freundliche, lebendige Augen. Camma Rahbek war mager; ihre schönen, großen, blauen Augen sahen, wenn sie ernst war, etwas melancholisch aus; aber kaum bekam sie einen lustigen Einfall, so funkelten sie mit seltner Lebhaftigkeit.


Literarische Wirksamkeit.

Bei meiner Schwester, die eine Zeitlang auf der Weststraße, so wie ich, aber in einem andern Hause wohnte, hatte ich mein förmliches Standquartier und dort las ich ihr und Oersteds fast jeden Abend vor. — Die Werke, die wir damals zusammen genossen, und über die wir dann sprachen und urtheilten, waren: Voß, Homer, Tieck's Don Quixote, Schlegel's Shakespeare und Calderon's, Göthe's, Schiller's, Tieck's und Novalis' Werke.