Steffens reiste im ersten Jahre unserer Bekanntschaft als Geognost nach Norwegen. Ich dichtete in diesen paar Jahren Viel. Erst arbeitete ich den Schlaftrunk für Weyse um. Der phantastische Humor in Shakespeare's Werken hatte mich begeistert, und ich fühlte mich mit einer solchen dramatischen Munterkeit geistig verwandt. Ich fühlte, was später Jean Paul so herrlich in seiner Aesthetik ausgesprochen hat: daß auch Shakespeare's humoristische Charactere allgemein, symbolisch und nur unter dem Wulst und den Ausstopfungen des Humors verborgen sind. „Der Scherz fehlt uns blos aus Mangel an Ernste,“ — sagt Jean Paul; — „an dessen Stelle trat der Gleichmacher aller Dinge, der Witz, welcher Tugend und Laster auslacht und aufhebt. Der freie Scherz wird da nur gefesselte Anspielung. Aber der Humor ist das umgekehrte Erhabene. Der gemeine Satiriker mag auf seinen Reisen oder in seinen Recensionen ein Paar wahre Geschmacklosigkeiten und sonstige Verstöße aufgreifen und an seinen Pranger befestigen, um sie mit einigen gesalzenen Einfällen zu bewerfen statt mit faulen Eiern; aber der Humorist nimmt fast lieber die einzelne Thorheit in Schutz, den Schergen des Prangers aber sammt allen Zuschauern in Haft, weil nicht die bürgerliche Thorheit, sondern die menschliche, d. h. das Allgemeine sein Inneres bewegt. Der Humorist erwärmt, der Persiflirende erkältet die Seele. Aber zu solchem Lebenshumor ist jetzt weniger unser Geschmack zu fein als unser Gemüth zu schlecht.“
Mit diesem Gefühle arbeitete ich Bretzner's „Schlaftrunk“ um. Der Humor und fast alle Einfälle im Dialoge, durch welche die Gestalten dieses Singspiels poetische Persönlichkeit gewinnen, gehören mir, ob sich gleich gut auf Bretzner's munterm Grunde bauen ließ. Dieses Stück ließ Weyse neun Jahre lang liegen, nachdem er etwas über die Hälfte componirt hatte; nach Verlauf von zehn Jahren vollendete er seine Arbeit. Wie schön und reizend die Musik ist, wissen die meisten Kopenhagener; wer es aber nicht weiß, dem wird es schwer fallen, die Zusammensetzung zu bemerken. Der Zwischenraum der neun Jahre fällt zwischen Charlottens Arie: „Ihr der Liebe goldnen Tage,“ und dem Quartett: „Ob nicht alle unsre Thränen“ im zweiten Akt. Wie Frydendahl in einer Reihe von zwanzig Jahren das Publikum als Brausse und erst Knudsen, später Ryge als Saft amüsirt haben, darüber ist nur Eine Stimme.
Da ich mich bei der Umarbeitung des Schlaftrunkes etwas in dieser Dichtungsart geübt hatte und der Concertmeister Schall mich bat, ein Singstück zu schreiben, das er componiren könne, dichtete ich „Freia's Altar,“ welches muntere harmlose Lustspiel stets ein tragisches Schicksal gehabt hat, wenn es aufgeführt werden sollte. Der Oberhofmarschall, dem ich es vorlas, lachte unaufhörlich dabei und fürchtete, daß es allzukomisch sei. Die Theatercensoren verwarfen das Stück. Freia's Altar wurde gedruckt und machte außerordentliches Glück bei Jungen und Alten. Das Stück wurde oft in Gesellschaften vorgelesen und zum größten Vergnügen auf vielen Privattheatern zum Benefiz der Armen gespielt. Aber als ich es einige Jahre darauf wieder auf die Bühne bringen wollte, entstand ein großer literarischer Lärm, der zu unangenehm und langweilig war, als daß ich ihn erneuern sollte. Noch zum dritten Male ließ ich mich verleiten, das alte Singspiel mit Melodieen von verschiedenen Componisten, von Herrn Fröhlich arrangirt, auf das Theater zu bringen. Aber es war die größte Hitze in den letzten Tagen der Saison, einige Rollen waren nicht gut vertheilt; der Herausgeber der fliegenden Post, Verfasser von „König Salomon“ und „Jörgen Hutmacher“ Heiberg, riß Freia's Altar herunter, als ob es das elendeste dumme Zeug wäre, — und so ließ ich diese humoristischen Bilder wieder in den Hintergrund treten. Im Rauch und Dampf hätte man sie doch nicht gesehen; um das Muntere und Freundliche mit Geschmack und Gefühl darzustellen und zu genießen, muß man selbst munter, freundlich und ruhig gestimmt sein.
Kurz nach Freia's Altar dichtete ich (1804) „Thor's Reise nach Jothunheim“, die später in „die Götter des Nordens“ aufgenommen ist. Ich hatte kurz vorher das deutsche Heldenbuch gelesen, und meinte, daß dessen kurze und kräftige Reime und die derben Holzschnitte dieser Art gut für Thor's Abenteuer passen dürften.
Die Langelandreise.
Nach einer Fabel in der Edda schrieb ich „Vaulundurs Saga.“ Eine kleine Reise nach Langeland hatte die „Langelandreise“ hervorgebracht. Obgleich ich in diesem Gedicht umständlich meine Reise beschrieben habe, wird es viele der Leser vielleicht doch amüsiren, wenn ich Fragmente eines Briefes an meine Christiane mittheile, die geschrieben waren, ehe die Langelandreise gedichtet war.
Rudkjöbing, den 10. Juli 1804.
Rudkjöbing, hörst Du liebe Christiane, Rudkjöbing, fünfundzwanzig Meilen weit von meinem Herzen[1]. Das will etwas sagen. Schwindelt Dir nicht, indem Du an eine solche Entfernung denkst? eine so gähnende Tiefe? Ach Ihr armen Stubenhocker, die Ihr höchstens nur vier bis fünf Meilen von Eurem Herzen entfernt gewesen seid, wie beklage ich Euch. Du wünschst es vermuthlich in Deinem kleinen kopenhagener Winkel, weit von dem Geräusche der Welt, Etwas von meiner Reise zu hören. Also: Donnerstag kamen wir glücklich nach Roeskildekrug und bekamen ein Stück Schinken zum Frühstück, zähe, wie ein Brett, so daß es sehr gut als Schild über dem Wirthshause hätte dienen können. In Roeskilde fand ich die Kirche in ihrer alten Ordnung; die alten Könige ruhten noch auf ihrem alten Fleck; Harald Blauzahn stand in der Mauer gerade wie vor sieben Jahren und wo er seit achthundert Jahren gestanden hat, ohne müde zu werden. Was ich übrigens innerlich und äußerlich gesehen, will ich nicht allein Dir, sondern dem ganzen Publikum und zwar in Versen erzählen, damit ich nicht durch die Prosa das Heilige entweihe. — Im Svinlillekrug machten wir mit einem Dorfküster Bekanntschaft, der sich entschuldigte, weil er auf dem Landwege vor uns her gefahren war, und uns bat, wir möchten ihm das nicht als Maliciösheit auslegen. Wir luden ihn zu einer Pfeife Taback ein, aber als er hörte, daß wir mit Thee tractirten, setzte er die Pfeife fort, und trank nun, wie der Abgrund das Blut des Riesen Ymer trank. Im Krebshause schrieb ich meinen Namen mit einem Feuerstein in Ermangelung eines Diamanten (da ich weder Millionär, noch Glasermeister bin) ins Fensterglas. Darauf fuhren wir in Sturm und Regen fort. Auf dem Wege sah ich links ein Kirchdorf liegen. Ich war an anderen vorübergefahren, ohne darnach zu fragen; aber den Namen dieses Dorfes meinte ich, müsse ich erfahren. „Sigersted,“ sagte der Kutscher. Und da wurde mir nun wieder wunderlich zu Muthe; denn Saxo erzählt eine schöne Geschichte von Sigar's Tochter, Signe, und ihrem Geliebten Habor, über die eine der schönsten Kämpeweisen gedichtet ist. Oft hatte bei der Lectüre mein geistiges Auge in die alte umnebelte Zeit geblickt, sowie jetzt mein körperliches Auge in dem natürlichen Nebel an dieser Kirche vorüberstreifte, deren Name noch als ein vereinzelter Laut aus der verschwundenen Zeit zu uns tönt.
In *** erzählte die Wirthin uns, daß sie mit Oersteds verwandt sei und sprach mit vielem Interesse von der Familie. Ich dachte, es ist doch gut, nach verwandten Wirthshäusern zu kommen; aber als wir abreisen und bezahlen wollten, gab mir dies Veranlassung zu folgendem Epigramm:
„Blut ist nimmer so dünn, ist dicker doch immer, als Wasser!“
Dacht' ich, als von der Verwandtschaft die Wirthin so rührend uns sprach.
„Blut ist nimmer so dick, ist dünner doch immer, als Wasser!“
Dacht' ich wieder aufs Neu, als sie die Rechnung uns gab. — —