Aladdin.

Als ich von Langeland nach Hause gekommen war, schrieb ich: „Jesus in der Natur;“ und wagte die Jahreszeit mit ihren verschiedenen Wirkungen als eine Allegorie auf das Leben und die Lehre Jesu darzustellen. Das Hauptgedicht dieser Periode war jedoch „Aladdin“. — Ich ergriff mit jugendlichem Feuer und mit Begeisterung eine der schönsten Scenen aus „Tausend und Eine Nacht“; und die natürliche Aehnlichkeit, die dieses Mährchen mit meinen Lebensverhältnissen hatte, gab dem Ganzen vielleicht etwas Naives und Eigenthümliches, das die Wirkung verstärkte; hatte ich nicht selbst in der bei mir entdeckten Dichtergabe die wunderbare Lampe gefunden, die mich in den Besitz der Schätze der Welt setzte? Und die Phantasie war mir ein Geisterring, der mich überall hinversetzte, wohin ich wollte. Meine Bildung hatte sich spät aber ziemlich rasch entwickelt, gleich Aladdin's, und gleich ihm hatte ich vor Kurzem die Liebe kennen gelernt. Meine Mutter war todt und als ich Aladdin's Wiegenlied auf seiner Mutter Grab schrieb, rannen meine Thränen auf das meiner eignen Mutter. So berührte dieses Mährchen in vielen Punkten meine eigenen Lebensverhältnisse; ich ironisirte auch damit, und war mir dessen während der Dichtung klar bewußt.


Caspar Bartholin.

Einer meiner liebsten Freunde war Caspar Bartholin; er war Officier gewesen, aber ein Sturz vom Pferde, bei dem er, sich die Brust verletzte, zwang ihn, einen stilleren, weniger anstrengenden Lebensweg zu suchen; und — mehr als dieses Unglück zog ihn wohl sein eigner, ausgezeichneter Geist zur Wissenschaft und Kunst. Er machte das juridische Examen; sein Umgang mit Steffens und mit mir wirkte auf ihn ein; er unternahm eine Reise ins Ausland, aber die Verletzung, die er beim Sturze vom Pferde bekommen hatte, kürzte seine schönen Tage, und er starb in Rom — mitten in der Bewunderung des Großen und Schönen an einem Blutsturz. Einen Brief, den er mir von Paris aus sandte, theile ich hier mit.

Paris, den 26. Dec. 1804.

Verzeih, bester Oehlenschläger, daß ich Dir nicht nach Deinem Wunsche und meinem Versprechen eher geschrieben habe. In dem Taumel von Zerstreuungen, in dem ich lebe, läßt sich so etwas leicht aufschieben, und die Folgen des Aufschiebens kennst Du ja! Gott weiß es, daß ich nie mit mehr Sehnsucht an Dich gedacht habe, als gerade hier, ob ich nun mit stiller Bewunderung an den schönsten Denkmälern der Kunst vorüberwandelte, oder ob ich mich über die Flachheit in all' den Unternehmungen und Reden der großen Nation ärgerte, oder auch wenn ich in der Stille an mein Vaterland und an Deine reine Dichterflamme dachte. — Endlich traf ich gestern Friedrich Schlegel. Ich sprach mit Willers, der mir sagte, daß Schlegel hier sei. Ohne Zaudern eilte ich nach Hause, holte Oersted's Brief und im Augenblick hatte ich die halbe Meile zurückgelegt, die ihn von mir trennte. Ich traf ihn allein und, wie ich vermuthete, mit Zend Avesta vor sich. — Er erzählte mir, daß das einzige Nordische, was er gelesen habe, die isländischen Sagen seien, und hieraus nahm ich Veranlassung, von Dir zu erzählen, daß Du daran dächtest, sie zu bearbeiten und bereits begonnen habest. Er versicherte, daß er sehr viel Lust habe, dänisch zu lernen, aber nicht wisse, wo er ein gutes Lexicon hernehmen solle. Ich empfahl ihm eines, das er sich notirte. Zugleich bat er mich, ihm Steffens' Einleitung zu verschaffen. Willst Du mir zu dem Ende nicht behülflich sein, und sie mir durch Oersteds herbesorgen, entweder an das dänische Ministerium oder lieber an Guilleaumeau adressirt, denn ich werde wohl nicht mehr hier sein, wenn es ankommt. Die Kosten werde ich Dich bitten, mir bis zu meiner Rückkehr zu creditiren. Von der „Europa“ ist das vierte Heft herausgekommen. Es war mir eine Freude, die Liebe und Freundschaft zu hören, mit der Alle, die Oersted kennen, von ihm sprechen. — Auch Lehmann ist gekannt und geachtet. — Baggesen spreche ich oft. Er liest mir zuweilen seine Gedichte vor, weint über sie und versichert, daß ihm sein Dichtergenius entflohen sei. Auch von Dir hat er zuweilen gesprochen und wußte nicht einmal, daß der erste Band Deiner Gedichte herausgekommen war. Er schlug die Hände zusammen und entsetzte sich, ja wollte mir fast nicht glauben, als ich ihm sagte, was Du producirt habest und noch zu produciren beabsichtigtest. Wenn ich lange genug hier bliebe, wollte ich Dich bitten, mir fünf bis sechs Exemplare Deiner letzten Gedichte zu senden, damit die gute Sache gefördert werden könne, und es geschehe, wie da geschrieben stehet. Ich würde mir dann ein Vergnügen daraus machen, sie Fr. Schlegel zu verdollmetschen und vielleicht durch ihre Hülfe Baggesen von dem Throne herabstoßen, den er sowohl bei den Dänen, wie auch bei den Deutschen hier usurpirt hat. — Ich möchte Dir gern etwas von Raphael's göttlicher Transfiguration erzählen, seiner heiligen Cäcilia und Jungfrau Maria's Apotheose; aber dies sind ewige Mysterien, die sich nur schauen, nicht von einem Profanen deuten lassen. Wäre ich gleich Dir von der Natur in die heilige Sprache eingeweiht, die eine solche Beschreibung voraussetzt, so würdest Du die Gewalt begreifen, die ich mir anthun mußte, um nicht niederzufallen und sie anzubeten. — Ein Stück von Dominichini (die Leiden der heiligen Agnes) hat nächstdem den größten Eindruck auf mich gemacht. Stelle Dir die schöne Leidende von ihren entmenschten Henkern umgeben vor, die mit der teuflischsten Grausamkeit auf alle mögliche Weise ihre Qualen zu vermehren suchen, während sie mit einer himmlischen Ruhe jeden Schmerz, den sie ihr bereiten, erträgt, und fast über der irdischen Sphäre erhaben zu sein scheint. Nun hebt sie die Augen unwillkürlich zum Himmel, von dort muß ihr Muth kommen, denn er ist mehr, als menschlich. Und siehe, sie werden nicht betrogen, die dort Trost suchen, der Erlöser in seiner Herrlichkeit reicht einem Engel die Märtyrerpalme, der bereits in vollem Fluge scheint, um sie damit zu krönen. Es ist eine wunderbare Wirkung, den der Gegensatz von himmlischer Seligkeit und irdischem Schmerz hervorbringt. Hätte man ein solches Bild stets vor Augen, dann unterwürfe man sich diesem gewiß mit Freude. — In einem sparsam erleuchteten Winkel entdeckte ich vor Kurzem ein Bild, welches von Allen unbemerkt schien, mich aber doch durch seine Wahrheit und seinen Ausdruck, sowie durch einen unendlich schönen Magdalenenkopf frappirte. Es war Christi Abnahme vom Kreuz, und, wie ich richtig vermuthete, von Lucas von Leiden. Tieck hat uns mit bewunderungswürdiger Genauigkeit von diesem Maler unterrichtet, und man braucht nur seine Beschreibung im Gedächtniß zu haben, um Lucas von Leiden's Bilder von denen eines jeden Andern unterscheiden zu können. Von Albrecht Dürer sind hier nur sehr wenige, und seine Bilder sind auch nicht sehr geachtet. Kurz vor meiner Ankunft wurde eins seiner größten Gemälde für 400 Frcs. verkauft. — Apoll von Belvedere hat mich von allen Statuen am Meisten angezogen. Es ist die idealste Form, die Du Dir vorstellen kannst und es ist unmöglich, ihn für etwas Anderes als den Gott der Poesie und alles Großen und Herrlichen in der Natur zu halten. Ihm gegenüber prangt seine Halbschwester Venus. Aber man vergißt sie ganz, wenn man ihn sieht, es ist als ob der Ausdruck der Liebe auch in seiner Form läge. Dicht neben ihr wird man von einem entsetzlichen Schauer überfallen — bei dem Anblick des Laokoon. Es ist der grausamste Schmerz nach dem Ideal der höchsten Schönheit ausgedrückt, eine ewige Tragödie: der vergebliche Kampf des Menschen gegen das Geschick. — Doch wohin man sieht, fällt das Auge auf etwas unbegreiflich Schönes. Hier bewundere ich den Ausdruck in dem herkulischen Torso, ihm gegenüber in dem sterbenden Fechter; dort frappirt mich die entschiedenste Nachlässigkeit in dem ruhenden Faun, hier die ruhige Freude des majestätischen Herkules bei dem Anblicke seines Sohnes Telephus; — und so sieben Säle hindurch. — Aber ach! — neben all' Dem vermisse ich die classische Erde, verletzt mich die Gleichgültigkeit, und zürne ich über die Anmerkungen, die man von Zeit zu Zeit über sie hören muß. — In vierzehn Tagen reise ich von hier nach Straßburg, Mainz, Frankfurt, Göttingen und hoffe in sechs Wochen die Freude zu haben, unsern Steffens in Halle zu begrüßen. In drei Monaten hoffe ich Dich wieder umarmen zu können und versichere Dich der Freundschaft und Achtung, mit der ich verbleibe Dein treuer

C. Bartholin.

Zusammenleben mit Steffens.