Zwei Sommer hatte ich mit Steffens auf der Friedrichsberger Allee gewohnt. Hier schrieb ich den Schlaftrunk, Freia's Altar und Thor's Reise. Der Procurator Bjerring, den ich von Dreyer's Klub her kannte — er war Einer von der alten Schule und also selten mit mir einig — schlug mir einmal im Scherz vor, als ich ihm in der Allee begegnete, daß Steffens und ich uns malen und die Bilder vor dem Hause, wie bei den Thierbuden heraushängen lassen sollten. Herrliche Tage verlebte ich da mit meinem Freunde, doch darf ich bei dieser Gelegenheit nicht vergessen, eines tragikomischen Auftrittes zu erwähnen.

Wir wohnten Parterre und die Fensterläden wurden an jedem Abend geschlossen, woraus folgte, daß es dann stockfinster war, bis sie wieder geöffnet wurden. Nun hatte ich in jenen Jahren und noch viele Jahre hindurch einen wunderbaren Traum, eine Art Alpdrücken, das oft wiederkehrte. Ich träumte nämlich, daß ich in meinem Bette lag, was wirklich der Fall war, ich erkannte meine Schlafkammer deutlich wieder, obgleich es dunkel war, — und nun entdeckte ich einen Räuber mit einem Dolch, der herbeischlich um mich zu durchbohren. Ich erhob mich leise in Todesangst, um aus dem Bette zu springen, mich hinter ihn zu schleichen und ihm den Dolch aus der Hand zu reißen. — Kaum setzte ich den Fuß auf den Boden, so erwachte ich und fand mich mit nackten Füßen, zitternd mitten im Zimmer. Ich legte mich dann gleich wieder zu Bett und schlief ruhig den übrigen Theil der Nacht. — Erst in späteren Jahren, als ich nicht mehr meinen gewöhnlichen Abendschnaps trank und im Sommer Wasser in den Wein goß, blieb der Räuber fort. Meine Gespräche mit Steffens, durch die zuweilen die Phantasie aufgeregt wurde und das Blut in stärkere Bewegung kam, trugen wohl auch Etwas dazu bei, den Räuber herbeizulocken. Ich habe bereits erzählt, daß ich einmal früher bei Steffens aus dem Bette sprang; damals lief es doch friedlich ab und er merkte nichts. — Aber hier in der Allee weckte ich ihn eines Nachts mit einem entsetzlichen Geschrei, als ob mir ein Messer in den Hals gestoßen worden wäre. „Mein Gott!“ — rief er — „was giebts?“ — „„Räuber!““ — röchelte ich. — „„Sie ermorden mich.““ — „Allmächtiger Gott!“ rief Steffens und stürzte aus dem Bett, in dem stockfinstern Zimmer über mich hin, wo er durchaus Nichts unterscheiden konnte, und mir also auf mein Wort glauben mußte. Nun hatte ich mich gefaßt. „„Ach!““ — seufzte ich langsam und ruhig — „„es war nur ein Traum!““ Aber nun war die Reihe des Phantasirens an ihn gekommen. „Das ist, hol' mich der Teufel, gleichgültig!“ — rief er — „ich muß Gewißheit haben; ich schlage Feuer. Ich hole meinen Säbel!“ So hörte ich ihn in das andere Zimmer tappen; er zündete Licht an und es dauerte nicht lange, so kam er mit drohender Miene und gezogenem Schwerte. Nun glaubte ich, daß er verrückt geworden sei, und rief: „„Steffens, um Gottes Willen, sei doch vernünftig! Der Traum hat aufgehört.““ Aber da verwandelte sich seine Wuth gegen die Räuber in Aerger gegen mich. „Ja, mein Bester!“ sagte er, „das ist ganz gut, aber es ist doch zu toll, solche Träume zu haben, besonders wenn die Fensterläden geschlossen sind. Ich mußte Dir ja aufs Wort glauben.“ „„Ich danke Dir, bester Freund!““ — entgegnete ich, — „„für Deine Tapferkeit und Deine Hülfe, in der Noth soll man seine wahren Freunde erkennen. Aber sei nun nicht böse darüber, daß kein wirklicher Mörder hier ist. Ich werde mich in der Zukunft vernünftigerer und wahrerer Träume befleißigen.““

Eine Sonnenfinsterniß.

Als Steffens fortgereist war, spielten mir die geschlossenen Fensterläden einen andern Streich. Ich hatte einen alten verunglückten schwedischen Schuhflicker zum Aufwärter, der zugleich mein Frühstück besorgte. Zuweilen schmierte er meine Stiefeln mit Butter ein, wenn er keine Stiefelwichse hatte. Er hatte Frau und Kinder in der Stadt, kam aber jeden Morgen um 7 Uhr zu mir heraus, öffnete die Fensterläden und weckte mich wenn ich schlief. Eines Abends hatte ich gehört, daß am nächsten Morgen um 5 Uhr eine große Sonnenfinsterniß eintreffen würde. Ich dachte: „die mußt Du auch sehen!“ schwärzte ein Stück Fensterglas über dem Lichte, um dadurch in die Sonne hinaufzuschauen, und sagte zum Schuhflicker, er müsse etwas vor 5 Uhr auf dem Platze sein, die Fensterläden öffnen und mich wecken. Am nächsten Morgen erwachte ich von selbst, es war still und finster rund um mich her, ich drückte den Kopf wieder in die Kissen und schlief weiter. Endlich erwachte ich zum zweiten Male. Noch immer war Alles still und finster. Ich dachte: „Nun muß die Uhr doch bald fünf sein.“ Ich konnte nicht länger schlafen, stand auf, öffnete die Fensterläden ein wenig, um beim Ankleiden sehen zu können und eilte dann durch die Thüre in den Garten, denn ich schlief in einer Gartenstube. Ein blendender Sonnenschein strahlte mir entgegen, aber das störte mich nicht in meinem Vorsatze. Ich nahm mein geschwärztes Glas hervor und starrte aufmerksam in die Sonne. Zwei junge Damen saßen auf einer Bank im Schatten. Nachdem sie mir lange zugesehen hatten, fragte die Eine lachend: „Wonach schauen Sie?“ „„Ich sehe nach der Sonnenfinsterniß, mein Fräulein!““ entgegnete ich, „„aber sie hat wohl noch nicht begonnen. Die Uhr kann wohl nicht weit von Fünf sein?““ „Mein Gott!“ rief sie erstaunt, „es ist ja schon Elf! Die Sonnenfinsterniß ist ja vor sechs Stunden vorüber.“ „„Na,““ rief ich erbittert, „„daran ist wieder kein Andrer, als der verdammte Schuhflicker Schuld! Aber ich will's ihn lehren!““ Sie sahen mich verwundert an, aber als sie hörten, daß er des Morgens nicht da gewesen sei um die Fensterläden zu öffnen, verstanden sie meine Rede.

Seltsame Träume.

Da ich hier von Schlaf und Träumen rede, finde ich den Ort passend, um zwei andere Träume zu erzählen, die ich gehabt habe. Der erste, glaube ich, fällt in jene Zeit, der andere um mehrere Jahre später. Ich habe sie nie vergessen können, und ich erzähle sie ohne Ausschmückung; es wäre leicht, einen amüsanten Traum zu erfinden, dagegen ist es nicht so leicht amüsant zu träumen.

Erster Traum. — Mir träumte, ich läge als Leiche in der Roeskilder Domkirche, in der nördlichen Kapelle, wo die königlichen schwarzen sammtbeschlagenen Särge stehen. Plötzlich hörte ich die Schlüssel an der Gitterthür rasseln, sie ging auf, mein Vater kam mit einem Schwarm Fremder und zeigte ihnen die Kirche, so wie ich ihn oft in meiner Kindheit fremden Leuten das Friedrichsberger Schloß hatte zeigen sehen. Sie näherten sich meinem offnen Sarge und mein Vater sagte: „Dieser arme Mensch, der hier liegt, ist wirklich zu beklagen! Er bildet sich ein daß er noch lebt, während er doch schon lange eine todte Mumie ist. Sehen Sie einmal!“ Hier faßte er mich an der großen Zehe und rieb Etwas davon zwischen den Fingern zu Staub. Er wollte nun mit der Gesellschaft weiter gehen und das Gitter wieder schließen. Ich fühlte mich von einer entsetzlichen Angst ergriffen, daß ich da nun mehrere Tage allein zwischen wirklichen Leichen liegen solle, bis ich selbst stürbe. Ich strengte alle meine Kräfte an, es gelang mir, mich zu erheben, und zu den Fremden hinzuwanken, aber mehr vermochte ich nicht; ich sank wieder zwischen ihnen auf einer Treppe in einen Todesschlummer. „Sehen Sie wohl?“ sagte mein Vater; „lauter Einbildungen! er glaubt immer, daß er noch lebt. Aber wir könnten ihn doch in ein warmes Bett bringen, obgleich ich im Voraus weiß, daß es nichts hilft.“ Kurz darauf befand ich mich in einem hohen schmalen Zimmer, mit dunkelgrünem Damast bekleidet, der von vergoldeten Leisten eingefaßt war. Ich lag in einem Bett, unter einem Thronhimmel mit dicken drappirten Gardinen, gleichfalls von dunkelgrünem Damast; in meinem Schlafgemach herrschte Halbdunkel. Aber dicht daran stieß ein großer Saal voller Menschen, die an einem Tische saßen. Ich hörte Musik, die Teller rasselten, es wurde oft laut gelacht, der Glanz der Kronleuchter strahlte durch das Schlüsselloch zu mir herein, der ich in der dunkeln Einsamkeit da lag, um zu sterben. Eine unbeschreibliche Lust zu leben, die muntern Freuden des Lebens zu genießen, erfüllte meine Brust, und gab mir wieder Kraft, mich zu erheben. Ich sprang aus dem Bett, öffnete die Flügelthüren zum Saale, eilte hin und setzte mich auf einen leeren Stuhl zwischen zwei schöne Mädchen, füllte mein Glas und sang:

„Und soll ich nicht mehr leben frisch
Und in die Erde sinken,
Will ich doch noch an diesem Tisch
Erst lieben — und singen — und trinken!“

Darauf stieß ich mit den Schönen an, küßte sie und leerte mein Glas. Ich fühlte den Rothwein, zu warmem Blute verwandelt, wieder meine Adern füllen und durchströmen; ich war gesund und frisch und — erwachte. Des Verses entsann ich mich noch, und wiederholte ihn so oft, bis ich ihn nicht mehr vergessen konnte.