Der andere sonderbare zusammenhängende Traum, den ich mich entsinne, gehabt zu haben, war folgender: Ich befand mich wieder in einer Kirche, aber sie war klein und hatte einige Aehnlichkeit mit der auf Friedrichsberg. Ich hatte die Musik zu einer Cantate componirt, die nicht von mir gedichtet war. Sie wurde von einer zahlreichen Gemeinde aufgeführt, während der Prediger als Erzbischof, im Purpurgewande, und mit dem Hirtenstab in der Hand vor dem Altare stand. Die Musik war rührend und begeisternd. Alle fühlten sich dadurch bewegt. Aber es war ein Engelchor in der Cantate, den ich nicht zu componiren vermocht hatte, weil der Inhalt zu himmlisch war. In meiner Verlegenheit hatte ich dies verschwiegen; das Concert ging vortrefflich ohne Probe, mit Gesang und Instrumenten vom Blatte, bis man zu dem fehlenden Chor kam, wo Alles schwieg. Es herrschte Todesstille in der Kirche. Endlich fragte mich der Prediger laut vom Altare aus: warum ich nicht auch diesen Chor componirt hätte? Ich antwortete ängstlich: „Ich war es nicht im Stande, ehrwürdiger Herr! Solche Gefühle kann nur ein seliger Geist ausdrücken, der ganz vom Erdenstaube befreit ist.“ — Da öffnete sich eine kleine Thür in der Wand, die Niemand vorher gesehen hatte, nicht weit vom Altar, etwas über dem Haupte des Predigers. Und Ewald stand dort, bleich und freundlich mit Schlafrock und Nachtmütze, eine Rolle Noten in der Hand, die er dem Prediger mit den Worten darreichte: „Ich habe es componirt!“ Im Augenblick war die Oeffnung wieder verschwunden, und die Stelle, wo sie gewesen war, nicht zu erkennen. Die Musik wurde gleich ausgeführt; ihre himmlische Milde läßt sich nicht beschreiben; sie löste meine ganze Seele auf, und ich erwachte, in Thränen gebadet.

Man sieht hieraus, daß mich doch nicht immer Räuber- oder Mörderträume ängstigten, sondern daß ich auch schön träumen konnte; obgleich der erste Traum, trotz seiner poetischen Einkleidung, etwas mit der alten Geschichte gemein hatte, und gleich dem Räubertraume, auf Lebensgefahr und Rettung hinausläuft.


Festgedicht an Steffens.

In dem zweiten Sommer unserer Bekanntschaft reiste Steffens nach Halle, und holte seine schöne Braut, Hanna Reichardt. Hierdurch wurde unser gesellschaftlicher Kreis vergrößert und belebt. Zu ihrer Ankunft veranstaltete ich ein Fest, an dem auch Camma Rahbek und meine Schwester Theil nahmen. Bei dieser Gelegenheit schrieb ich mein erstes deutsches Gedicht, damit die junge deutsche Frau es verstehen solle. Es lautete, mit wenigen Veränderungen, ungefähr so:

Es war einmal ein Junggesell
Voll Eigensinn;
Der wollte, wie ein flücht'ger Quell,
Ins Weite hin;
Es ward ihm gar zu eng und weh
Im alten Haus,
Drum sagt der wilde Bursch Ade,
Und zog hinaus,
Und fuhr auf die Fluthen nach Norweg.
Der Herr Gott ließ die Winde los,
Beim Strafgericht:[2]
Der Jüngling fiel in Meeresschoos;
Doch starb er nicht.
Ganz trocken bald — ich weiß nicht wie —
Und wieder flott
Stand er — und war ein Kraftgenie!
Du lieber Gott!
Zur Sünde nur war er gerettet!
Drauf streift er weit, im röm'schen Reich,
Und sucht Natur;
Vertiefte sich in Wald und Teich,
Und Blumenflur;
In Schachten nach dem Urgestein
Er suchend kroch;
Sah nach den süßen Mägdelein,
Durchs Fensterloch,
Und Alles der Wissenschaften wegen.
Da fügt's sein Schicksal, immer gut,
Solchergestalt;
Er macht, mit liebevollem Muth
In Halle Halt.
Was einzeln erst im Bergrevier
Und Flur er sah,
Vereinigt in dem Mädchen hier
Stand Alles da.
Da ward's ihm gar freudig zu Muthe!
Nun braucht' er gar nicht suchen gehn
Lazurgestein;
Ins Auge braucht er nur zu sehn
Dem Mägdelein;
Und wenn die Rosenlippen süß
Er lächeln sah,
War gar nichts auf der Blumenwies'
Von Rosen da;
Sie welkten, vor Neid, und erbleichten.
Des Dichters goldner Leierklang
Er auch vermied,
Wenn sie mit süßer Stimme sang
Des Vaters Lied.
Der Vogel saß so andachtsvoll
Am grünen Ort,
Wenn über ihre Lippen quoll
Das holde Wort;
Es rieselte leiser die Quelle.
Nun lieber Heinrich bist Du hier
Mit ihr im Bund';
Drum singen und drum jauchzen wir
Aus Herzensgrund;
Drum zechen wir, mit großer Lust,
Den guten Wein,
Und drücken Dich an unsre Brust,
Und singen drein:
Willkommen uns, Heinrich und Hanna!

Die Freude, diese lieben Freunde in unsere Nähe zu haben, währte nicht lange, im folgenden Jahre verließen sie uns leider wieder, da Steffens als Professor nach Halle berufen wurde.


Ein Symposion.