Ein Freund meines Jugendfreundes Winckler (mit dem ich in der letzten Zeit nur wenig umgegangen war) reiste kurz darauf nach Westindien. Sie veranstalteten Beide bei dieser Gelegenheit ein Fest, wobei es besonders auf ein Trinken losgehen sollte, weßhalb sie auf ihren Einladungskarten das Fest auch ein Symposion nannten. Zur Ehre unserer Landsleute kann man wohl sagen, daß es bereits in meiner Jugend selten war, betrunkene Leute zu sehen. Selbst unter den Bauern wurde ein „Jeppe vom Berge“ mehr und mehr zu einer Ausnahme. Nur unter den Matrosen war es häufiger, weil es scheint, als ob das Trinken mit zu ihrem Elemente gehöre. Aber im Ganzen genommen paßte Hamlet's Replik nicht mehr auf uns:
„This heavy-headed revel, ease and west,
Makes us traduc'd, and tax'd of others nations;
They clepe us drunkards.“
Dagegen hatte man eine Menge Erzählungen von lustigen Trinkgelagen in alten Tagen, die mit Witz und Humor abgehalten worden waren. Ein solches veredeltes Bacchusfest war das, welches unsere Freunde hier wieder bereiten wollten. Zum Ort für das Fest wählte man das Ermelundhaus im Thiergarten, welches, die Brunnenzeit ausgenommen, einsam daliegt. Unsere Wirthe mietheten das ganze Haus für den Abend, und kein Fremder wurde eingelassen. Man hatte dafür gesorgt, daß sich nichts Plumpes und Widerliches in den muntern Uebermuth mischen solle; die große Gesellschaft bestand meistens aus Gelehrten und Künstlern. — Nun ging es auf ein Trinken los, und die Kunst bestand darin, so übermüthig als möglich zu sein, ohne brutal und geschmacklos zu werden. Die Convenienz und die Formen konnte man hingegen, so viel man wollte, übertreten; das wünschte man gerade, und Keiner durfte dem Andern eine Tollheit übelnehmen. Das Haus wurde den Gästen von den Wirthen Preis gegeben, und die Freude der Betrunkenen, Spiegel und Fenster in Stücke zu schlagen (welches in der Natur des Rausches liegt, weil der Mensch in diesem Zustande gern seine flüchtige Phantasie mit der einen oder der andern plötzlichen oder abenteuerlichen Verwandlung unterhält) stand Jedem frei, und wurde auch zuweilen ausgeübt; obgleich mit Bescheidenheit und ohne Schadenfreude, nur um dem Uebermuthe zu huldigen. Mitten in einem ernsten Gespräche sah man wissenschaftlich gebildete geistreiche Männer bald einen kleinen Spiegel von geringem Werthe, bald eine Fensterscheibe in Stücke schlagen, ohne daß dies die geringste Stockung im Gespräche hervorrief. Einer der Gäste goß etwas Rothwein aus seinem Glase in Hans Christian Oersted's Halskrause, als dieser gerade im Begriff war, etwas Schwieriges in der Physik zu erklären. Er bat Oersted, es um Gottes Willen nicht übel zu nehmen, worauf dieser ruhig antwortete: „Da müßte ich doch ein großes Kameel sein, wenn ich darüber böse werden wollte.“ — Ein vorzüglich guter Schauspieler, der von uns Allen geliebt war, hatte gerade einen rührenden Vater in einem von Kotzebue's Stücken gespielt, und kam etwas spät, als wir Andere bereits die Gläser tüchtig geleert hatten. Da er noch nüchtern war, wollte er satyrisch sein, aber ich sagte: „Lieber Freund, wir sind bereits lange über die Satyre hinaus! Mache rasch und werde lustig und guter Dinge gerade wie wir.“ Kaum hörte er dies, so setzte er eine Flasche an den Mund; und mit unglaublicher Geschwindigkeit hatte er bald uns Alle eingeholt und wurde der gemüthlichste Mensch von der Welt. Aber zuletzt wurde es ihm zu heiß, denn es war in der warmen Jahreszeit; er warf Stiefel und Oberkleider ab, und stolzirte endlich munter in durchaus anständigen Unterhosen umher. So wurde er in einen Wagen gesetzt und Einige der Anwesenden wollten ihn entführen, aber seine Abwesenheit wurde bald bemerkt; Eilboten zu Pferde wurden ihm nachgesandt, holten ihn eine Viertelstunde vom Wirthshause ein und brachten ihn im Triumphe zurück. Wir standen Alle in der Thür, als er ankam; und während er in bloßen Strümpfen aus dem Wagen stieg, grüßte er voller Huld und sagte: „Es war ein Mißverständniß, meine Herren! es war ein Mißverständniß!“ Man hatte ihm nämlich gesagt, daß das Fest in einem anderen Wirthshause fortgesetzt werden solle. Solcher lustigen Scenen fanden viele statt.
Die Wirthin war auch froh darüber, daß sie Alles auf die Rechnung setzen konnte; sie characterisirte den Zustand der Gäste nach den zerschlagenen Sachen, und sagte zu ihrem Mädchen: „Nun sind sie bei den Fenstern! Nun sind sie bei den Spiegeln!“ u. s. w.
Endlich begann doch die Natur ihr Recht zu verlangen; Viele wurden schläfrig und gingen in die Kammern hinauf, wo für ihre Bequemlichkeit gesorgt war. Einige hatten sich etwas mit dem Glase geschnitten, Andere waren seekrank. Da nun Kopenhagens beste, junge Aerzte da waren, so theilte man die Patienten, wie in dem Hospitale, in die chirurgische und die medicinische Seite ein, besuchte sie fleißig und heilte sie bald. Winckler selbst, als er merkte, daß er die Augen nicht länger aufhalten könne, lehnte sich an die Brust eines Freundes, trug ihm auf, für die Punschbowlen zu sorgen, sagte ihm, wie viel Rum, wie viel Citronen und wie viel Zucker zu jeder gehöre; und als er derart gewissenhaft sein Testament gemacht hatte, schlief er sanft ein.
Gegen Morgen hin fuhren wir wieder zur Stadt; aber am Nachmittag waren wir zu einem großen Thee auf der Schießbahn eingeladen, wo wir zusammenkommen und mit einander von den Begebenheiten des vergangenen Tages reden wollten, gleich den Asen in Gimle, nach Ragnarokur von den Thaten des vorigen Lebens. Hier wurde nun ein köstliches Abenteuer erzählt, das Einigen in der Gesellschaft begegnet war. Sie hatten nämlich die Absicht, auf dem Heimwege abzusteigen und in einem Gasthause zu frühstücken; aber da die Uhr noch nicht einmal drei war und man ihnen die Thür nicht öffnen wollte, kletterten sie über die Mauer. Da saßen sie nun rittlings, wie die Klammern an der Wäsche, als der Wirth im bloßen Hemde mit seiner geladenen Büchse herauskam und sie, wie Spatzen, herunterschießen wollte, weil er glaubte, es seien Räuber. Erst nach vielen Eiden und Versicherungen überzeugten sie ihn, daß sie ehrliche Leute seien, die nur in der edlen Absicht gekommen wären, ihm Etwas zu verdienen zu geben.
In diesem muntern, ungewöhnlichen Symposion nahm auch ich, ohne es noch zu wissen, Abschied von meinem Vaterlande und dem lieben seeländischen Walde. Mein Plan war gefaßt, ich gab die Jurisprudenz auf, ich fühlte, daß die Natur mich zum Dichter geschaffen habe, daß es thöricht und vergeblich sei, gegen meinen Beruf anzukämpfen. Freilich sah ich ein, daß ich, indem ich den allgemeinen Weg verließ, auch die Beamtenbahn aufgab; aber es ahnete mir, daß ein schmaler Steg, der freilich über tiefe Moore ging, in denen man leicht stecken bleiben konnte, mich rascher zum Ziele führen würde.
Der Maler Abildgaard.