Ich hatte zuerst beschlossen, mich auf das Isländische zu legen, und einige alte Sagen zu übersetzen; ein Subscriptionsplan war bereits entworfen; ich hatte auch die Akademie der Künste gebeten, mir einen Saal zu leihen, in dem ich Vorlesungen über nordische Mythologie halten wollte, da das fehlende Doctordiplom es mir nicht gestattete, sie in der Universität zu halten. Ich sprach deßhalb mit Thorwaldsen's Lehrer, dem Director der Akademie, Maler Abildgaard. Dieser lange hagere Mann hatte bedeutende Gaben, sehr viel Talent, große Kunstfertigkeit; aber ein gewisser Eigensinn, eine ihm zur andern Natur gewordene Manier schadeten ihm. Farbensinn hatte er in einem seltenen Grade, zeichnen konnte er vorzüglich, und so ist Thorwaldsen ihm Dank schuldig, so wie ein großer Philolog seinem verständigen Rector, der dem Schüler zeitig durch fleißigen Unterricht die unentbehrliche Grammatik einprägte. Als ich Abildgaard erzählte, daß ich für die nordische Mythologie begeistert sei, machte er mir erst die gewöhnlichen Einwendungen; aber als ich ihm einige meiner Ideen mitgetheilt hatte, betrachtete er mich mit großer Aufmerksamkeit; sein spöttisches Lächeln verwandelte sich allmälig in eine ernste Verwunderung, und als ich fertig war, sagte er: „Ja, ich bin wahrhaftig nicht der Mann, der sich dem Guten und Sinnreichen widersetzt, weil es neu ist!“ — Wir sprachen über mehrere Gegenstände, auch über Poesie; und da bemerkte ich nun, daß er sich von dieser einen falschen Begriff machte. Er sagte: „Mit Poesie und Kunst verhält es sich ganz entgegengesetzt. Ein Dichter liegt in der Nacht schlaflos da, es entsteht eine glückliche Idee in seinem Kopfe, er spricht sie aus, und hat sich unsterblich gemacht. Der Künstler muß viel arbeiten, und gelangt erst allmälig zum Ziele!“ Ich entgegnete ihm: „daß der Dichter sich auch, aber wissenschaftlich, ausbilden müsse, daß eine glücklich ausgesprochene Idee freilich Hoffnungen wecke, aber noch nicht den wahren Dichter zeige; daß auch viel Arbeit, Kunst, Studium und Nachdenken dazu gehöre, um ein bedeutendes Dichterwerk hervorzubringen und zu vollenden.“ — Abildgaard nahm freundlich von mir Abschied; kurz darauf änderte ich meinen Beschluß und sah ihn nicht wieder.


Die Gräfin Schimmelmann.

Man sagte mir, daß die Gräfin Schimmelmann meine poetischen Schriften gelesen habe, und daß sie den Verfasser des Aladdin gern sehen wollte. Zugleich wünschte man mir Glück zu dieser Bekanntschaft; „denn“, sagte man, „Graf Schimmelmann achte und liebe Talente und helfe ihnen vorwärts, wo er könne. So habe er meinen Freunden Bentzon und Steffens früher geholfen, und es sei daher möglich, daß er auch Etwas für mich als Dichter thun würde, besonders wenn die Gräfin auf meiner Seite stehe.“

Ich ging also an einem schönen Sommertage mit pochendem Herzen nach seinem Landgute Seelust hinaus. Als Kind und Knabe war ich oft an der schönen Emilienquelle vorübergegangen und gefahren. Eine Gräfin Emilie Rantzau war Schimmelmann's erste Frau gewesen, die er bis zur Schwärmerei geliebt, deshalb hatte er ein Auge in den Stein aushauen lassen, welches stets weinte, wenn das Wasser herausfloß. Diese Idee war nun zwar weniger glücklich, aber muß durch den sentimentalen Geschmack jener Zeit entschuldigt werden. Was Schimmelmann's eigene Augen betraf, so weinten sie nicht mehr über einen Verlust, den ihm seine zweite Frau, Charlotte Schubart, wiederum ersetzte.

Heute ging ich nicht zur Quelle, sondern wendete mich in den Hof hinein, wo ich nie gewesen war; zum ersten Mal in meinem Leben sollte ich eine so vornehme Dame besuchen, die ich noch nie gesehen hatte. Ich stand im Vorzimmer, wartete, drehte den Hut in der Hand, faßte Muth und beschloß, mich nicht verblüffen zu lassen — als eine bleiche, magere Frau, einfach gekleidet, hereintrat und freundlich grüßend sagte: „Mein Mann wird gleich kommen.“ Das war also die Frau Gräfin. Sie nahm mich mit in ihren großen Gartensalon, wir wurden bald bekannt, und ich bekam Muth, als ich merkte, daß ich in ein Haus gekommen sei, wo man Poesie verstand, und sie mit zu den höheren Nothwendigkeiten des Lebens rechnete. Schimmelmann's Eintritt und Gespräch setzte mich in nicht geringe Verwunderung. Ein solches Wesen hatte ich mir früher nie gedacht, nie in einem Dichterwerk dargestellt gesehen. Die eigenthümlichen Contraste waren bei ihm auf eine so naive Weise verbunden, daß sie sich zur Harmonie vereinigten.

Der Graf Schimmelmann.

Er war klein, mager und häßlich, er schielte mit einem der kleinen dreieckigen Augen, war pockennarbig und schnupfte stark Taback, und das mit einer Nachlässigkeit, die unangenehme Spuren an Kleidern und Fingern zurückließ. So trat er wankend ein, mit blauem moirirtem Ritterbande und zwei großen Sternen auf der Brust, die dünnen Haare frisirt und gepudert und mit einem kleinen Zopf in dem Nacken. Ich stutzte fast über diese Häßlichkeit; aber kaum hatte er einige Worte gesprochen, als sich das schönste, freundlichste Wesen über dem pockennarbigen Gesicht ausbreitete, als das eine Auge, das nicht schielte, mit einer so ausnehmenden, ehrlichen, tiefen Menschenliebe in mein Herz lächelte, — daß ich glaubte Sokrates zu schauen; doch lag keine Ironie in diesem Lächeln, es war bescheiden, mädchenhaft, schüchtern, gefühlvoll. Das Ritterband verschwand vor dem Bande der Natur, mit dem ich mich gleich an diese edle Seele geknüpft fühlte, und die Sterne auf der Brust wurden Flitterstaat gegen das himmlische Sternenfeuer, das in seinem geistvollen Auge funkelte.

Ich kehre später zu diesem edlen Manne zurück, und will diesmal nur noch bemerken: die Gräfin hatte Sinn und Geschmack für Poesie; Schimmelmann hatte Seele und selbst Genie. Aber hier herrschte nun wieder der eigenthümliche Contrast! Trotz der treuesten Hingebung für die Gegenstände war er im höchsten Grade zerstreut, und dieser Zustand erlaubte ihm nicht, lange Zeit bei einer Vorstellung zu verweilen. — Erst viele Jahre darauf fand ich den Schlüssel zu diesem seltsamen Wesen. Schimmelmann war ein Siebenmonatskind. Was wäre nicht aus ihm geworden, wenn ihm die zwei Monate noch vergönnt gewesen wären. Er rieth mir, Se. Königl. Hoheit den Kronprinzen (später Friedrich VI.) um ein Reisestipendium aus dem Fond ad usus publicos nachzusuchen. Froh setzte ich mich nun mit meinen Wohlthätern an eine prächtige Tafel, jener gleich, die ich auf Friedrichsberg so oft gesehen, aber an der ich nie Theil genommen hatte.