Friderike Brun.

Ich machte in der Zeit auch die Bekanntschaft der Dichterin Frau Etatsräthin Brun auf Frederiksdal. Mein guter Freund Rothe (später Prediger bei der Trinitatiskirche) war der Hauslehrer des Sohnes. Auch hier traf ich die sonderbarsten Contraste, doch nicht in einer Person vereinigt. Wenn ein Komödiendichter den Gegensatz von übertrieben poetischer und übertrieben prosaischer Tendenz schildern wollte, so konnte man hierzu nie besser Veranlassung finden, als im Etatsrath (späterem Geheimrath) Brun und seiner Frau. Der erste, Kaufmann mit Leib und — sit venia verbo — Seele; praktisch, thätig, auf Geld versessen, wie ein Habicht auf die Beute; aber ohne jede höhere Idee; der Poesie, als Kinderstreichen, und seiner eigenen Ehehälfte, als der Repräsentantin der Poesie auf Sophienholm, spottend. Frau Brun war in der Klopstock'-, Salis'-, Mathisson'-Bonstetten'schen Schule gebildet. Die sentimentale Richtung, die ihr Wesen hierdurch genommen hatte, sagte ihrem Manne nicht zu, der den Mond nur als Zeitmesser und als eine gute große Laterne betrachtete, deren Licht kein Geld kostete. Man erzählte aber doch als eine Merkwürdigkeit, daß Brun einmal als Liebhaber, um ihr zu gefallen, ihr eine ganze Ode von Klopstock recitirt habe, die er auswendig gelernt hatte. Wenn dies der Fall ist, zeugt es von seinem guten Kopfe, der zu allen Geschäften geschickt war, aus denen er Vortheil ziehen zu können glaubte, selbst zum Auswendiglernen der Poesie. Aber in sich hinein hatte er sie nie gelernt. Die gute Frau Brun — (ich werde sie und ihren Mann später näher besprechen) hatte viel Geist, ein leicht bewegliches Gefühl, und war dadurch gebildet, daß sie auf ihren Reisen mit den tüchtigsten Köpfen des Zeitalters umgegangen war. Unglücklicherweise war sie schwerhörig geworden und dies in Verbindung mit der Bequemlichkeit und Unabhängigkeit, die der Reichthum verschafft, hatte sie mehr zu einer theilnehmenden Zuschauerin des Lebens, als zu einer eingreifend handelnden Person gemacht. Darin stimmten aber doch Mann und Frau überein, daß sie Beide einen eleganten Kreis an einem Orte um sich liebten, der durch Wohlstand und Geschmack verschönert wurde. Denn Brun war nicht ohne Geschmack für das Behagliche des Lebens; er hatte auch einen gewissen naiven plattdeutschen Humor, der für ihn einnahm; und das stete Hacken und Schelten auf seine Frau, wenn sie nicht zugegen war — (und wenn sie zugegen war, konnte sie es doch nicht hören) hatte etwas Amüsantes, gerade weil die komische Uebertreibung zeigte, daß es nur halb gemeint war.

Auf diesem schönen Sophienholm brachte ich nun auch einige angenehme Tage vor meiner Abreise zu.

Abreise.

Ich zeigte Schimmelmann mein Gesuch an den König um das Reisestipendium. „Ein solches Gesuch kann ja nicht abgeschlagen werden!“ sagte er lächelnd. Ich betrachtete nun die Sache als abgemacht; aber um nicht Zeit zu verlieren, und um — gleich den kühnen Soldaten — die Brücke hinter mit abzubrechen, so wie ich über den Fluß gekommen war, reiste ich gleich nach Halle, da Steffens mich dorthin eingeladen hatte, und — um Christianen und mir selbst den Schmerz des Abschiedes zu ersparen, sagte ich ihr vorläufig, daß es nur eine kleine Lustreise auf einen Monat sei.

Mein Vater gab mir hundert Reichsthaler in einem dicken Packet kleiner Scheine, um die Kosten bestreiten zu können, bis das Stipendium einträfe. Im Anfang furchtsam, da ich nie vorher eine so große Summe besessen hatte, griff ich oft ängstlich in die Tasche, um zu sehen, ob das Geld noch da sei. So bestieg ich im Anfang des Monats August 1805 das Packetboot, um nach Kiel zu reisen. Sobald ich nach Hamburg gekommen war, schrieb ich meiner Christiane. Mit diesem Briefe beginnen wir den zweiten Theil meiner Erinnerungen.


Fußnoten:

[1] Der später als Romanverfasser bekannte und beliebte Laurits Kruse hatte damals kurz vor meiner Reise ein Gedicht von Hamburg aus nach Kopenhagen geschickt, das so anfing: