Ich bekam auch einen Brief von Frau Rahbek, in dem sie schrieb:
Ehe ich weiter gehe, muß ich Ihnen doch sagen, wie sehr die schönen Verse, in denen Sie der Heimath gedenken, mich gerührt haben. Wie freut es mich, daß ich Sie gekannt habe, als — um Polekums (meines Vaters) Worte zu gebrauchen — „Ihre Geisteskraft sich noch nicht losgerissen hatte, sondern noch durch Ihr Alter und mehr dergleichen gefesselt war.“ Es hat mich dies unendlich bei jedem Riesenschritte erfreut, den ich Sie auf Ihrer Bahn machen sah, und wenn es mir noch eine Zeitlang vergönnt ist, zu leben, um mich über Sie zu freuen, über Alles was Sie sind und noch ferner werden, so wird mir dies gewiß Grund zu vieler Freude geben. Es ist unbestreitbar viel interessanter, etwas Großes und Bedeutendes entstehen zu sehen, als es zu sehen, wenn es bereits ist. Sie werden mich nicht mißverstehen, guter Oehlenschläger, und mich etwa für eine Schmeichlerin halten; ich sage, was mir einfällt, ohne meine Worte abzuwägen, und ich weiß, Sie rechnen es mir nicht so genau an, wenn ich zuweilen etwas Dummes sage. Ich habe Hufe beredet, Ihnen zu schreiben, da ich überzeugt bin, daß sein Besuch bei Rosings Sie amüsiren wird. Ich hatte wirklich nicht geglaubt, daß Rosing das Stück so gut vorlesen würde, wie er es that; ich halte es viel leichter, eine Rolle, die man auswendig gelernt hat, auf der Bühne zu spielen, als im Zimmer Etwas vorzulesen, das man gar nicht kennt. Aber Alles, was dies betrifft überlasse ich Hufe und Christiane, und will nur hinzufügen, daß Polekum froher und stolzer war, als er hätte sein können, wenn er selbst der Verfasser gewesen wäre, was Rahbek sehr geistreich so erklärt hat, daß er sich als der Verfasser des Verfassers fühlte. Für den Fall, daß Hufe es vergessen sollte, will ich Ihnen doch sagen, daß Polekum's Rührung über Ihren Hakon Jarl gestern damit endigte, daß er wollte, Sie sollten, sobald Sie nach Hause kämen, gleich wieder als Legationssecretair fortgehen. A propos, wenn Sie mich ein andermal bitten, Ihnen Etwas sorgfältig aufzubewahren, so vergessen Sie doch nicht den kleinen Umstand, mir Das zu schicken, was ich Ihnen aufbewahren soll. — Ich hätte wirklich nicht geglaubt, daß Sie so gut zeichnen könnten, wie es der Fall ist. Ich habe E*** niemals gesehen, aber Alle sagen, daß das Portrait vortrefflich ähnlich sei und jedenfalls ist es gut gezeichnet, wenn es auch nicht im Geringsten ähnlich wäre. Ihr Vater hätte zu Ihnen hinreisen, und sich malen lassen sollen, Sie würden es gewiß besser gemacht haben, als der Kerl, der ihn vor Kurzem so schmählich zugerichtet hat. Können Sie auch begreifen, wie es Polekum einfallen konnte, sich von H*** einen Miniaturmaler empfehlen zu lassen. Jetzt ist er das schlechte Machwerk losgeworden und hat sein Geld wiederbekommen. Polekum war im Anfange unschuldig genug, das Bild für gute Waare zu nehmen, und wenn Hufe und ich ihm versicherten, daß es nicht im Geringsten gleiche, sagte er vom Maler: „Er sagt doch, daß es ähnlich sei!“
Kritik über Hakon Jarl.
Obgleich nun Hakon Jarl viel Glück machte, so fehlte ihm doch ebensowenig, wie jedem meiner andern Werke, eine tadelnde Kritik. Einer meiner Freunde, ein tüchtiger Kopf, der viel Geistesbildung besaß, und mir sehr ergeben war, schrieb mir unter Anderem Folgendes:
„Eine Scene, von der ich bemerken konnte, daß sie großes Interesse für die Andern habe: Olaf's Zusammentreffen mit Hakon in der Bauernhütte, hatte es nicht für mich; sie macht Hakon so klein und er ist doch wirklich so groß. Er ist ebenso tapfer wie Olaf und gottesfürchtiger.“ — In einem spätern Briefe als Antwort auf einen, welchen ich gesandt hatte, fährt derselbe Correspondent fort: „Du hast Recht, Hakon ist auch groß; aber so groß, daß ich Lust haben könnte, Olaf, der über den unglücklichen Hakon triumphiren will, mit all' seiner Moral zur Thüre hinauszuwerfen u. s. w.“ In einer folgenden Antwort hatte ich meinen Freund wahrscheinlich darauf aufmerksam gemacht, wie natürlich es sei, wenn Olaf darüber zürne, daß Hakon ihm vor Kurzem meuchelmörderisch tödten lassen wollte, und daß es doch edel von ihm sei, sich in diesem Augenblicke nicht seiner Jugendkraft dem alten Hakon gegenüber zu bedienen, sondern seinen Vortheil aufzugeben und ihm wieder auf offenem Felde zu begegnen. — Ein anderer meiner Jugendfreunde, auch ein vortrefflicher Kopf und ein gebildeter Mann, der später etwas philiströs und böse auf mich geworden war, weil die neue romantische Schule mich begeistert hatte, hatte auch, wie verschiedene Andere später, Freia's Altar schlecht gefunden (ich rechne es noch zu meinen besten Stücken); von Aladdin und Vaulundur hatte er Nichts gesprochen, aber über den Hakon Jarl sagte er: „Ich nahm es mit der festen Ueberzeugung in die Hand, daß ich nicht eine Seite lesen würde, ohne auf eine von Oehlenschlägers gewöhnlichen Lapsereien zu stoßen; aber ich gestehe, daß ich's bis zu Ende las, ohne eine einzige zu treffen!“ — Ein großes Lob für Hakon Jarl. Später wurde dieser Mann wieder mein wahrer Freund, ich liebte ihn, denn er war ein vortrefflicher Mensch. Aber — so sind die Menschen, selbst die besten! auf diese Weise werden die Werke der Kunst immer beurtheilt; die wahre kräftige Stimme dringt aber selbst durch. Wehe dem wahren Künstler, der nicht Festigkeit genug hat, sich nicht erschüttern, sich von Dem nicht ablenken zu lassen, was seine Muse ihm in den besten Augenblicken lehrt; ohne dieses Selbstvertrauen, daß auch von Vielen für einen großen Fehler angesehen wird, wäre er verloren. Auch Göthe hat dies gefühlt, wo er sagt:
„Solcher Fehler, die Du, o Muse, so emsig gepflogen,
Zeihet der Pöbel mich, Pöbel nur steht er in mir.
Ja sogar der Bessere selbst, gutmüthig und bieder,
Will mich anders, doch Du, Muse befiehlst mir allein.“
Brief von Sophie Oehlenschläger.
Einen Tag bevor Hakon Jarl bei A. S. Oersted vorgelesen wurde, schrieb meine Schwester mir, der ich freundliche Vorwürfe gemacht hatte, weil sie mir noch die Antwort auf einen Brief schuldig war, Folgendes:
Kopenhagen, den 8. März 1806.
„Gott segne Dich, lieber Adam, daß Du so gut gegen mich bist. Ja Du hast Recht, Du sammelst glühende Kohlen auf mein Haupt; aber Du hast Unrecht, wenn Du sagst, daß ich Dir aus Gleichgültigkeit nicht geschrieben hätte; nun sollte ich Dir eigentlich beweisen, daß es nicht Gleichgültigkeit gewesen ist; aber das thue ich nicht. Du hast das doch wohl nie von mir geglaubt, nicht wahr? O nein, Du glaubtest nur, es zu glauben. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie oft ich Dir schreiben wollte, wie oft ich angefangen habe, aber dann immer meinte, es sei doch zu elend, was ich geschrieben hatte, so daß ich stets hoffte, daß mir etwas Neues, um nicht zu sagen Amüsantes begegnen würde; aber es blieb doch immer beim Alten. Wir haben, seitdem Du fort gereist bist, so so gelebt, Anders ist nie recht gesund, er arbeitet und leidet mit der ihm eignen milden Geduld. Gott im Himmel gebe ihm bessere Tage, er verdient sie gewiß. Ich war in der letzten Zeit ziemlich wohl und soll wie in meinen gesunden Tagen aussehen. Ich habe angefangen Clavier zu spielen. Es geht langsam, aber ich verliere den Muth nicht; denn meine Lust dazu ist zu groß; ich bedarf der Musik so sehr, sie thut mir so wohl. Mein guter Oersted wußte auch meine Lust zu erhöhen, er hat mir ein herrliches Pianoforte geschenkt. Etatsrath Heger war so gut es zu kaufen, und wenn ich Dir sage, daß er es ausgezeichnet gut findet, so kannst Du es gewiß glauben. Du hast keinen Begriff davon wie gut Heger gegen mich ist; er interessirt sich so sehr für mein Spiel, bringt mir seine Musik, schreibt Choräle für mich aus, stimmt mein Instrument und erzählt mit viel Nützliches, kurz wir sind die besten Freunde und ich habe den alten Mann recht lieb. Wenn er spielt, singe ich zuweilen mit; seitdem Du fortreistest, habe ich nicht viel gesungen; es war so wunderlich mit mir, ich fing so oft an, hörte aber stets mitten im Stücke auf, ohne es selbst zu bemerken; aber nun geht's besser, doch recht gut wird es nicht gehen, ehe Du wieder nach Hause kommst, und ich wieder singen kann: „Kennst Du das Land“, und Du sagen kannst: „Ja Sophie, ich kenne es“, und dann von dem schönen Lande erzählst. Wenn Gott mich so lange leben läßt, werde ich recht viele Freude haben. Ich habe im Winter meine Zeit auf eine herrliche Weise ausgefüllt; wir lesen Winkelmann's Geschichte der Kunst. Christian und Gierlew haben Beide gesucht, mir all' den Kunstgenuß zu verschaffen, den man hier haben kann. Ich habe die Sammlungen gesehen, die hier zu sehen sind. Das ist nun nichts gegen Das, was Du siehst; aber ich danke Gott dafür ebenso wie die Finnen für ihre Tannenbäume, wenn die Sonne sie bescheint; ist es doch ein freundliches Grün, das das suchende Auge stärkt und das sehnende Herz mit Hoffnung tröstet. Gierlew brachte mir einen Gruß von Dir. Du kannst nicht glauben, wie es mich freute, mit einem Menschen zu sprechen, der Dich gesehen und mit Dir gesprochen hatte; ich hatte ihn so viel zu fragen, ich hätte beinahe gefragt was für einen Rock Du anhattest, als er Dich sahe.“