Hakon Jarl.

Dein „Hakon Jarl“ wurde uns also, wie Du nun schon weißt, von Rosing vorgelesen. Ich glaube es wird Dich unterhalten, wenn ich Dir erzähle wie es zuging, und wie liebenswürdig und zuweilen komisch er sich bei der ganzen Geschichte benahm. Zugleich erfährst Du, was mir zur Entschuldigung dienen muß, wenn Du, was mich sehr schmerzen würde, unzufrieden damit sein solltest. Da wir es nicht aufschieben konnten bis Rahbek Zeit hatte, so hattest Du mich ja in Ermangelung seiner zum Vorlesen ausersehen. Du kannst Dir selbst denken, wie lieb mir das war. Aber, liebster Oehlenschläger! Du dachtest natürlich nicht daran, daß ein Fremder in dem Kreise sein könne, in dem es vorgelesen werden sollte, und Deine Freundlichkeit und gute Meinung über mich, die besser ist, als ich sie verdiene, täuschen Dich, so daß Du glauben konntest, ich sei im Stande, einer solchen Aufgabe auch nur einigermaßen zu genügen. Es wurde indessen bestimmt, daß ich es lesen sollte. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto schwerer wurde mir die Aufgabe. Die erste Nacht schlief ich nicht. Ich habe mich nie profaner gefühlt. Den Abend vorher fand ich mich bei Hans Christian ein, um erst das Stück für mich selbst durchzulesen. Ich las ihm den ersten Act vor, überzeugte mich aber nun, daß ich meine Aufgabe ganz bestialisch lösen würde, wenn aus keinem andern Grunde, so doch, weil meine Furcht unüberwindlich sein würde. Auf dem Heimwege beschloß ich, den nächsten Morgen früh zu Rosing hinauf zu gehen und ihn zu bitten, daß er mich erlösen möchte. Er und seine Frau hatten mir vor langer Zeit eine Artigkeit erwiesen, für die ich versprochen hatte, mich mündlich zu bedanken, was aber doch vielleicht nie geschehen wäre, wenn mich dieses nicht veranlaßt hätte, obgleich ich ihm seit langer Zeit nicht das Geringste mehr nachtrug. Ich wußte, welch' einen enthusiastischen Freund und Bewunderer Du in ihm hast, und daß Du ihm „Freia's Altar“ vorgelesen hattest, ehe es eingereicht wurde; ich war überzeugt, daß Du ihm auch „Hakon Jarl“ vorgelesen haben würdest, wenn Du hier gewesen wärest; ich kannte ihn als einen Mann, der Geheimnisse zu bewahren weiß; kurz und gut, ich fand nicht die geringste Bedenklichkeit. Ich kam hinauf, und im Augenblick war die alte Bekanntschaft erneuert. Er war ganz so, wie ich es wünschte, und mir war gleich so zu Muthe, als ob ich den Tag vorher dort gewesen wäre. Ich benahm ihm gleich den einzigen Vorwand, den er hätte benutzen können, wenn er aus gleicher Furcht, wie ich, mir eine abschlägige Antwort geben wollte, indem ich nämlich innig seine stete Unpäßlichkeit beklagte, worauf er mir natürlich versicherte, daß er sich an diesem Tage sehr wohl befände. Ich rückte nun gleich mit meiner eigentlichen Bitte vor, und ersuchte ihn um ein Gespräch unter vier Augen. „Geht hinaus Kinder! und Du auch, Mutter!“ Nun fing ich an, und war eine Zeitlang sehr beredt. Als ich fertig war, strömte er von Deinem Lobe über und sagte zuletzt: „Ich bin so froh, so froh, Dich bei mir zu sehen, mein guter, guter Carl, daß ich wahrhaftig nicht weiß, was ich Dir abschlagen könnte, wenn Du mich darum bätest.“ Doch wünschte er einen Aufschub; da ich ihm aber versicherte, daß es unmöglich sei, ließ er seinen Schülern absagen und wir setzten uns gleich hin, um es zu lesen, wobei sie zuhören durfte. Als der erste Act gelesen war, rief er aus: „Das ist ein vortreffliches Stück! o, das ist ein göttliches Stück!!“ — „„Wird's angenommen?““ fragte ich. — „Ja, freilich wird's angenommen.“ Wir lasen weiter, aber als er mit Olaf näher bekannt wurde, brach bisweilen, wenn wir unterbrochen wurden, in den Pausen, eine etwas stürmische Aufregung los, er bekam nämlich Lust, den Olaf zu spielen. Wo Grib sagt: „Er segelt auf Elivaga's Wogen nach Niffelheim“, rief er aus: „Gott, welche Verse! Nein, die sind zu schön! Ich sehe ihn, weiß Gott, segeln!!“ Von Auden sagte er: „O, was ist das für eine schwierige Rolle.“ Einmal sagte ich ihm vom Hakon: „Das ist ein nordischer Heide, Rosing!“ — „Ja, ein schrecklicher — entsetzlicher Götzendiener!“ — Glaube nicht, guter Oehlenschläger, daß ich, der oft zur Unzeit scherzt, dies Alles schreibe, über das Du auch lachen wirst, etwa weil das Komische, das während der Lectüre vorfiel, mein Inneres jetzt mehr erfüllt, als Dein Stück. Nein: ich habe nichts Anderes im Kopfe und werde wahrscheinlich lange an nichts Anderes denken, als an Dein Stück. Welchen Eindruck die Scene in der Höhle, der sublime Epilog, kurz jeder einzelne Theil und das Ganze auf uns machte, als wir fertig waren — das kann ich Dir unmöglich ausdrücken. Was er gesagt hat, als wir den ersten Act gelesen hatten, wiederholte er mit noch erhöhterer Extase, als er das ganze Stück beendigt hatte. Sie war nicht weniger davon entzückt als er. Wie froh wir uns Alle am Nachmittage bei Oersteds versammelten, wie wir überhaupt Dein Fest begingen, dass muß Karen Margrete und Christiane Dir sagen und haben es Dir bereits gesagt. Ich will jetzt nur noch hinzufügen, daß er meinem Urtheile nach das Stück im Ganzen gut, und Hakon und vieles Andere, was Du Dir selbst sagen kannst, ganz vortrefflich gelesen hat. Ich wollte wünschen, Du hättest ihn sagen hören: „Goldharald, Graufell! — Was wollt Ihr, Mädchen! u. s. w.“ Ich sagte endlich zu ihm: „Nun Rosing! wird ein anderer Sterblicher als Sie, den Hakon spielen?“ — „„Nein,““ sagte er, „„ich glaub's bei Gott nicht!““

Und nun guter, theurer Oehlenschläger! ich war der Unbedeutendste von allen Denen, die Deinen Hakon hörten, aber doch weiß ich, daß Du meinen Dank nicht verschmähst. Habe also tausend Dank! Ich war der Unbedeutendste, und doch schien es mir bei der Lektüre, als ob ich viel besser geworden wäre. Ich weiß nicht, welche Talente, oder, wie viel ich besitzen könnte, und nicht bereitwillig eilen würde, Dir den Kranz um die Schläfe zu winden. Ich muß doch wohl auch etwas Kunstsinn haben, ob ich gleich, wenn ich mich auszudrücken versuche, gewöhnlich etwas Ungeschicktes sage.

Karen Margrete treibt mich an, ich muß also schließen. Habe Dank für die schönen Verse, in dem Briefe an meine Schwester, für das Lebewohl an Giebichenstein! Lebewohl! Habe Dank, daß Du meiner so liebevoll gedenkst, und behalte mich immer lieb, wie vorher!

Dein

C. Heger.“

Es war sehr hübsch von ihm, daß er Rosing veranlaßt hatte, den Hakon Jarl zu lesen. So konnte dieser große Künstler, an den ich, als ich das Stück dichtete, gedacht, und ihm die Rolle bestimmt hatte, den Hakon Jarl doch wenigstens im Kreise meiner Freunde vorlesen, wenn gleich Krankheit und darauf folgende Schwäche ihn verhinderten, jemals in dieser Rolle vor dem Publikum aufzutreten. Ein alter Zwiespalt, der zehn Jahre lang Carl Heger von Rosing getrennt hatte, mit dem er in seiner Jugend in innigster Freundschaft lebte, hörte bei dieser Gelegenheit auch auf.

Christiane setzt ihren Brief fort:

„Solch' einen Abend habe ich nie gehabt, mein guter Oehlenschläger; so ist mir noch nie zu Muthe gewesen! Rosing bat uns, Nachsicht mit ihm zu haben, da ihm Deine Handschrift ganz fremd sei. Er wurde zwischen Carl und mich placirt, damit wir ihm im Nothfalle helfen konnten, was doch selten nöthig war. Er las uns den Hakon Jarl meisterhaft, mit unglaublichem Enthusiasmus vor; jedes Wort that seine Wirkung; und ich mußte ihn küssen und umarmen, da ich Dich nicht hatte. Als ich allein war, äußerten sich meine Freude und mein Erstaunen in Thränen!“

Brief von Frau Rahbek.