„Sag' wer lehrte Dich selbst den Verstand romantisch zu machen?“
Bei diesem Verhältniß war es um so merkwürdiger, daß Steffens nicht verstimmt gegen mich wurde und mich etwa durch Lauheit gegen meinen Hakon Jarl bestrafte. Im Gegentheil, er legte großen Werth darauf und dies war ein Zug seines guten Herzens; denn ein Anderer von seiner Klugheit, ohne sein Herz, würde genug zu tadeln gefunden haben, wenn er einmal Den tadeln wollte, der ihm oft genug schroff widersprach.
Aufnahme Hakon Jarl's.
Ehe ich weiter reise wird es meine Leser vielleicht interessiren, Etwas über die Wirkung, welche Hakon Jarl in der Heimath hervorbrachte, und über die Annahme des Stückes zu hören. Ich war im hohen Grade gespannt, ehe ich Etwas von dem Schicksal des Stückes wußte und fürchtete, daß es ebenso, wie Freia's Altar verworfen werden würde. Schleiermacher tröstete mich an dem Abend, wo Steffens uns das Stück vorlas und sagte, daß er, obgleich er sich nicht große Begriffe von der Theaterdirection mache, doch 4 Groschen gegen 10 Louisd'or wetten wolle, daß das Stück angenommen werde. Dies war mir um so wichtiger, als mein Reisestipendium, 500 Thaler, forderte, daß ich mir durchaus Etwas dazu verdienen müsse, wenn es genügen sollte. Ich hatte durch H. C. Oersted zwei Exemplare an die Gräfin Schimmelmann geschickt und hoffte, daß sie es für mich einreichen würde; die Gräfin aber, welche wahrscheinlich fühlte, wie komisch es sei, wenn Hakon Jarl einer Dame seine Einführung auf der Bühne verdanke, sandte Oersted das eine Exemplar zurück; er ließ es mich wissen und ich schrieb nun gleich einen Brief an die Direction. Hierauf erhielt ich die Antwort, daß sie das Stück zur Aufführung angenommen habe, selbst wenn der Verfasser dieselbe unbedingt ohne Veränderung fordere; da das Stück aber viel zu lang sei, so wolle sie mir sagen, was sie weggelassen wünsche, ohne, wie sie glaube, dadurch dem Ganzen zu schaden. Hierunter war nun: „Die Scene, in der Grib König spielt“, die Nichts mit der Haupthandlung zu thun habe, und eines so langen Zwischenraumes bedürfe es nicht, damit Bergthor seine Tochter einschließen könne. Eine Scene mit Karker brauche auch nicht so lang zu sein, „um Karker's Dummheit zu schildern, die ja so schon deutlich genug sei.“ „Einar's und Hakon's Scene würde Schwierigkeit bei der Aufführung finden, wenn der sichere Schuß gesehen werden solle, wo nicht, so würde die Scene ohne Effekt auf der Bühne sein.“ Auden's Offenbarung wünschte man auch weggelassen, die große Masse der Zuschauer würde sie uninteressant finden. Es würde dem Theater auch höchlich conveniren, und das Interesse des Publikums für den Helden nicht verringern, wenn Thora's letzte sentimentale Scene fortbliebe. Endlich ließ man mich wissen, daß vor Hakon Jarl ein anderes Originalstück (Die Danen-Frauen, von Möller) eingeliefert sei, welches gleich diesem einen Theil Unkosten erfordere; daher müsse die Aufführung des Hakon Jarl ausgesetzt bleiben, bis die Theatercasse im Stande sei, so viele Ausgaben zu machen.
So kam ich doch noch ziemlich gnädig davon. Der Geist, — wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen soll — in diesem Schreiben der Theaterdirection war Prof. Kierulf, ein sehr braver, gelehrter, in vielen bürgerlichen Dingen vernünftiger Mann, aber kein Schöngeist. Er konnte es wohl nicht vergessen, daß ich vor 10 Jahren als Knabe auf der Schulbank saß, wo er mich in der Geschichte examinirte. Daß er damals sehr zufrieden mit mir war, hatte er dagegen wahrscheinlich über den tollen Verfasser des tollen Freia's Altar vergessen. Ich fand es sehr natürlich, und habe in viel spätern Jahren ähnliche Schulmeistereien und Zurechtsetzungen von einem jüngern ähnlichen Kritiker geduldet, der später selbst zugestand, daß meine Schriften viel zu seiner Bildung beigetragen hätten.
Daß Hakon Jarl in meinem Familien- und Freundeskreise Freude und Begeisterung hervorrief, kann man sich denken. Christiane schrieb mir:
„Donnerstag kamen alle Deine Herrlichkeiten an; am Abend war ich bei Oersted, um Sophie Deinen Brief zu zeigen. Wir beschlossen gleich, daß Hakon Jarl am Sonntag Abend vorgelesen werden solle. Ich übernahm es sofort, nach dem Hügelhause hinauszuschreiben, um zu hören, ob es Rahbek Recht sei, und bekam die Antwort, die ich längst geahnt hatte: daß Rahbek auf eine so lange Reihe von Abenden keine Zeit habe, daß wir uns den Gedanken aus dem Kopf schlagen müßten, das Stück von ihm lesen zu hören. Karl schwor Stein und Bein, daß er es nicht lesen könne; aber nachdem er sich lange besonnen hatte, sagte er, daß er es verteufelt gern möchte. Ich bereitete ihn darauf vor, daß Vater mit zu Oersteds kommen wolle; da erschrak er sehr und meinte, daß Vater sagen würde, er lese jämmerlich vor; da aber Karen Margrete und ich ihn trösteten, so faßte er Muth. Er ging gleich zu Doctor Oersted hin, um das Stück durchzusehen um so bekannt damit zu werden, daß er wenigstens die Handschrift ohne Stockung lesen könne; Du kannst Dir aber leicht denken, daß, je mehr er las, ihm umsomehr angst und bange wurde, und er an demselben Abende ganz den Muth verlor. Von dem Augenblicke an, wo er versprochen, es uns vorzulesen, hatte er nichts Anderes im Kopfe, als die schwere Arbeit, die er übernommen hatte. Jeden Augenblick schlug er einen andern Menschen vor, von dem er schwur, daß er das Stück tausend Mal besser lesen könne als er selbst. Rosing lag ihm immer im Kopfe.“
Hier will ich Carl Heger's eigenen Brief mittheilen:
„In einem beständig steigenden Freudenrausch über Alles, was ich nun seit drei Tagen über Dich und von Dir gehört habe, Du herrlicher Junge! habe ich gelebt, und lebe ich, so zu sagen, noch jetzt. In solcher Verfassung kannst Du Dir leicht meine Unfähigkeit vorstellen, Dir Etwas mitzutheilen und zu schreiben, in dem Verstand wäre. Einen kleinen Anfang aber, um mich Dir ein Wenig zu zeigen, will ich diesmal doch mit Karen Margrete's Brief folgen lassen. Sie bittet mich auch so dringend darum. Und wenn es Dir lieb ist, daß ich zuweilen fortfahre, so soll es geschehen. Gott weiß, wie gern ich es thue.