Erwachende Lust Deutsch zu dichten.
Noch hatte ich außer einigen Kleinigkeiten nichts Deutsches geschrieben; aber ich fühlte doch bald, daß es nicht lange dauern würde, bis ich in den Besitz einer Sprache käme, die meinen Leserkreis auf 40 Millionen Menschen mehr ausdehnte und mir die Freude bereitete, ausgezeichneten Männern wieder Etwas von den Producten meines Geistes mitzutheilen, um einigermaßen all' das Herrliche zu vergelten, das ich von ihnen empfangen hatte. Ja, ich fühlte mich bald so begeistert, auch Deutsch, das zwar nicht meine Muttersprache, aber doch meiner Mutter Sprache und die meiner Väter war, zu schreiben, — daß ich zwei Jahre darauf meinen Aladdin übersetzte.
Hakon Jarl.
Darüber vergaß ich aber doch nicht das Vaterländische. Der stille Herbst und der Anfang des Winters in dem einsamen Halle trieb mich im Gegentheil mit dem Gefühle, welches ich in meinem Heimweh ausgesprochen hatte, wieder nach dem Norden hoch hinauf. Glücklicherweise fand ich in der Universitätsbibliothek von Halle ein Exemplar von Schiönning's Folio-Ausgabe von Snorro Sturleson's Heimskringla! Ich fing gleich an, sie mit so großem Eifer zu lesen, wie man aufbewahrte Briefe von einem lieben Jugendfreunde, den man verlassen hat, liest; und kaum war ich etwas über Harald Schönhaar's Geschichte gekommen (an der ich ein paar Jahre früher hängen geblieben war), so fand ich in Hakon Jarl's Sage einen Stoff, der sich mir vortrefflich zur Bearbeitung zu eignen schien. Ich hatte diesen Stoff bereits einmal als Romanze behandelt, aber es schien mir als verdiene er mehr. Steffens und ich saßen in einem Zimmer bei einem Ofen. Er arbeitete in dem einen Winkel bei seinem Schreibtische an einem philosophischen Werke, — ich hatte mir einen kleinen Tisch ans Fenster hingeschoben, wo ich schrieb. Jedes Mal wenn wir, er einen Paragraphen seiner Abhandlung, und ich eine Scene fertig hatten, lasen wir uns das Ausgearbeitete gegenseitig vor. Auf diese Weise wurde Hakon Jarl in sechs Wochen gedichtet. Er gefiel Steffens sehr.
Schiller's Jungfrau von Orleans.
Schiller's Braut von Messina.
Ich hatte zum Theil gefürchtet, daß Steffens nicht mit meiner Tragödie zufrieden sein würde, da er damals Schiller verwarf. Als tragischer Verfasser war es mir Pflicht, Nothwendigkeit, Bedürfniß geworden, diesen großen Tragiker von Neuem zu studiren. Die eine Zeitlang stark glänzende Autorität der neuern Schule hatte mich — gegen die Stimme meines Herzens — dahin gebracht, Schiller zu verlassen. Es ist bekannt, daß weder Tieck, Novalis, noch beide Schlegel ihn für einen wahren großen Dichter gelten ließen, — obgleich er — als Göthe's und Wilhelm von Humboldt's Freund und als Schriftsteller von so großer Popularität — stets mit einer gewissen Achtung behandelt wurde, die doch hauptsächlich darin bestand, daß man ihn nicht tadelte, sondern größtentheils ganz still von ihm schwieg, während man jeden Augenblick Göthe vergötterte und Tieck lobte. Zum Theil war wohl Schiller selbst Schuld daran, indem er sich zu sehr von den Neueren entfernte. Und doch, obgleich er die romantische Richtung in der Poesie verwarf, hatte diese, ohne daß er es merkte, Einfluß auf ihn; er schrieb eine Tragödie, die er selbst romantisch nannte: „Die Jungfrau von Orleans“, und noch mehr — er brachte in seiner „Maria Stuart“ im Mortimer eine mißglückte Copie von Tieck's Golo in der Genovefa. Das Romantische konnte Schiller nicht glücken. Die Mischung von Naivetät, Schwärmerei, Ausgelassenheit, Sinnlichkeit, in der das Erotische und die Phantasie das Triebrad ist — lag außerhalb seines Wesens. Große Charactere konnte er schildern, tiefen Ernst, hohes Gefühl vermochte er darzustellen, originale Situationen und dramatische Handlungen zu erfinden, herrliche Gedanken entstanden in seinem Kopfe und sein edles Menschenherz konnte sie mit hinreißender Begeisterung ausdrücken; ruhiger, männlicher Tiefsinn erfüllte seine Werke; aber — es ging ihm eben so wie Michel Angelo im Verhältniß zu Correggio — in den romantischen Farbentopf konnte er seinen Pinsel nicht tauchen. Wollte er sich auf diese Weise bewegen, so war es als ob der Ritter im Harnisch Jäger werden, vom Pferde springen und mit schweren Stiefeln auf Abenteuer durch den Wald streifen wollte. Das Lustige, das eigentlich Erotische, Geschmeidige fehlte Schiller. Die Tragödie, die Jungfrau von Orleans ist nicht romantisch; daß sie auch keinen Anstrich von französischem Colorit hat, mußte die Folge davon sein, daß ein Deutscher mit Schiller's tief-ernstem Character den Gegenstand behandelte. Und doch wurde sie von allen geistvollen, poetischen Lesern und Zuschauern — die nicht durch die Vorurtheile einer Schule verblendet waren — für ein Meisterstück erklärt und ist auch ein solches. Die Jungfrau von Orleans selbst, Jeanne d'Arc, ist mit ihrer idyllischen Umgebung in ihrer prächtigen Heldennatur unvergleichlich gezeichnet. Schiller hat die Ehre der edlen Jungfrau gerettet, hat dem Bilde in der Geschichte den Geistesadel wieder gegeben, den Voltaire — einem frechen Satyr gleich — sich nicht entblödete, in seinem hohen Alter mit leichtfertigem Spotte zu besudeln. Und doch schämte A. W. Schlegel sich auch nicht, Shakespeare's Schilderungen der pucelle in Heinrich VI., wo er den schmählichen Lügen englischer Chronikenschreiber blind folgt, über Schiller's Raphael'sche Heldenmadonna zu stellen. — Die neuere Schule nannte also die Jungfrau von Orleans einen mißglückten romantischen Versuch, ohne die großen Schönheiten zu achten, die weder Tieck, Novalis, noch selbst Göthe im Stande gewesen wären hervorzubringen. Wahrscheinlich durch dieses Verkennen zu einer entgegengesetzten Richtung geführt, schrieb Schiller später eine Tragödie in theils griechischen Formen: „Die Braut von Messina“, wobei er sich in eine schiefe Theorie verirrte, wie der Dichter stets thut, wenn er die Reflexionen und den kalten Begriff über dem Genie und dem natürlichen Gefühle herrschen läßt. Hätte er einen Heldenstoff aus dem germanischen Alterthume auf diese Weise behandelt, so würden der griechische Chor und die einfache Anordnung in der Handlung ihre Wirkung gethan haben; es wäre natürlich erschienen; denn die alten griechischen, germanischen und skandinavischen Heldenzeiten gleichen einander. Aber hier verband jene Form sich mit einer modernen Intrigue; es wurde eine unnatürliche Vermischung von Alterthum und Gegenwart (sowie in der Jungfrau von Orleans der Aberglaube des Mittelalters sich mit dem Verstandselement der Gegenwart auch nicht recht amalgamirte) — und dies genügte der herrschenden Schule, dieses Werk als verunglückt zu verwerfen, — obgleich es in der Nation seine Wirkung durch unvergleichliche Characterschilderung und einen Dialog hervorbrachte, der dem Dichter den Rang eines großen Dichters gegeben haben würde, wenn er nie etwas Anderes als die Braut von Messina geschrieben hätte. Glücklicherweise schrieb Schiller vor seinem Tode sein Meisterstück: „Wilhelm Tell“, in dem weder das Romantische noch das Antike ihn verlockte — sondern wo er einen vaterländischen Stoff auf die historisch gründliche und doch poetische Weise behandelte, mit der er in seinem Wallenstein begonnen hatte. Daß auch Wilhelm Tell von Vielen getadelt wurde, weil man meinte, der fünfte Akt sei ein hors d'oeuvre, da er nicht die Handlung fortsetzte, sondern (was hier gerade von höchster Wichtigkeit war) den Gegensatz zwischen einem verbrecherischen Meuchelmörder (Parricida) und Einem, der einen Todtschlag aus edlem Beweggrunde begeht, (Tell) — in einem herrlichen dramatischen Verhältniß zu einander zeigte — das war ganz in der Ordnung, und gehörte mit zur Tadelsucht der damaligen Zeit gegen so vieles Schöne, die einer Periode folgte, in der man so vieles Unschöne bewundert hatte.
Steffens als Gegner Schiller's.
Auch mein lieber, höchst poetischer Steffens theilte damals noch die Vorurtheile der poetischen Schule gegen Schiller, was mir sehr leid that; besonders als er einmal anfing Wilhelm Tell in der Gegenwart eines jungen Schweizers, eines seiner Zuhörer, vorzulesen, das Buch aber mitten während der Vorlesung, so daß es auf den Boden hinfiel, mit den Worten fortwarf: „Das kann ich nicht länger aushalten.“ Ich konnte es auch nicht länger aushalten und ging auf mein Zimmer. Steffens folgte mir auf dem Fuße. Sein Zorn gegen Schiller galt eigentlich mir, weil er wußte, daß ich großen Werth auf Wilhelm Tell legte, und da er sich noch nicht von der alten Gewohnheit losreißen konnte, meinen Geschmack beherrschen zu wollen, so betrachtete er meine stumme Mißbilligung als einen vermessenen Aufruhr und verfolgte mich. Ich hatte vorausgesehen, daß dieß geschehen würde, und um eine heftige Scene zu verhüten, schloß ich die Thüre ab; aber unglücklicherweise war es eine Glasthür. Als er nicht gleich herein kommen konnte, schlug er die Scheiben ein, öffnete die Thür von innen und fragte mich nun erbittert, ob ich ihn aus seinem eigenen Hause ausschließen wollte? Dies war der Culminationspunkt des Zornes; denn kaum hatte ich ihm einige freundliche Worte gesagt und ihn daran erinnert, er möge sich hüten, seine Frau zu erschrecken, die hochschwanger war, so umarmte er mich brüderlich, schwamm in Thränen und küßte mich. Eine so wunderbare, leichtbewegliche Natur war Steffens, aber höchst liebenswürdig, poetisch, gedankenreich, originell. Ich habe keine ähnliche Natur gekannt. In Manchem glichen wir uns; ich war auch hitzig, hatte aber doch mehr von dem, was die Franzosen gros bon-sens nennen. Die augenblickliche Inspiration strömte stets über seine Lippen, ich verschloß meine Begeisterung mehr für meine Werke; in muntern Einfällen und poetischen Phantasieen begegneten wir uns unablässig, und dies gab unserm Zusammenleben einen großen Genuß und eine sehr angenehme Erquickung. Aber in seine Einseitigkeit konnte ich mich nicht länger finden. Auch Lessing's Nathan und Voß' Louise vertheidigte ich aufs Neue mit vielem Eifer, Lessing hatte ich niemals aufgegeben und gegen den Tadel der romantischen Schule, daß man ihn zu kalt verständig fand, hatte ich bereits in meiner Langelands Reise Etwas an Lessing mit den Worten geschrieben: