Eines Tages war ich mit Steffens bei einem andern Professor, ich weiß nicht mehr, welchem, in Gesellschaft. Dort war ein dicker, lustiger Mann, der eigentlich den Mittelpunkt für die gesellschaftliche Unterhaltung bildete; er erzählte viele Anecdoten sehr gut (doch nicht so gut, wie Rahbek), war überhaupt sehr gesprächig und fidel mit den Meisten der Gesellschaft. Aber Steffens verhielt sich ziemlich schweigend, obgleich er zuweilen lachte, wenn dieser Mann etwas Schnurriges sagte. Ich konnte es demselben auch ansehen, daß er sich vor Steffens verlegen fühlte, daß dieser ihm nicht behagte und er sich deshalb auch nicht an mich als Steffens' Freund wandte. Ich nahm Steffens bei Seite und fragte: „Wer ist der Mann?“ „Das ist Lafontaine“, war die Antwort. Lafontaine! der Romandichter, der mir in meiner frühesten Jugend so viele Thränen gekostet hatte! in dessen Erzählungen ich in jenem Alter ebenso verliebt war, wie viele Jahre darauf in Walter Scott's! der meine sentimentalen, erotischen Gefühle entwickelt, gepflegt, genährt und übertrieben hatte! — Dieser Mann, den ich vergöttert — und später nach echter Jünglingsart verachtet hatte, als ich einen andern poetischen Glauben annahm und zur Fahne der romantischen Schule schwor! dieser Mann saß hier als ein lustiger, lauter Gesellschaftsbruder, aß gut, trank gut, ohne daß man die leiseste Spur jener Geistesrichtung fand, die in seinen Erzählungen so monoton hervortritt! — Aber wie sollte sie auch hervortreten? für wen sollte der altmodische, dicke, rothwangige Prediger seufzen, in wen verliebt sein, mitten in einer Herrengesellschaft? Doch machte er keinen vortheilhaften Eindruck auf mich, obgleich ich, wie bereits bemerkt, kein so eifriger Romantiker und Anhänger der neuen Schule war, wie einige Jahre vorher. Dieses Doppelwesen gefiel mir nicht, und die Unmöglichkeit, im wirklichen Leben den Ton fortzusetzen, der in seinen Schriften so vorherrschend war, zeigte handgreiflich, wie unnatürlich und überspannt er sei. Denn wenn gleich das Ideale und das wirkliche Leben sehr verschieden von einander sind, so braucht sich ein schöner und großer Geist doch niemals in der Gesellschaft der Menschen so zu verleugnen und zu verwandeln, wenn das Ideale, was er sucht, nicht aus der Luft geholt ist.
In spätern Jahren habe ich es wieder versucht, einige von Lafontaine's Romanen zu lesen, aber sie waren mir zu sehr Milch und Wasser. Nicht das Gefühlvolle darin mißfiel mir, sondern gerade das Laue, Schlaffe, das Alltägliche im Gefühl. Es ist ein prosaisch knabenhaftes, kein poetisch männliches Gefühl. Später habe ich seine Lebensbeschreibung gelesen und diese schien mir eben so matt und schlecht erzählt wie die Iffland's. Ich besuchte ihn also nicht, obwohl sein hübsches Haus recht anmuthig auf einer Höhe vor Halle lag. Aber oft ging ich hinaus und setzte mich in Hölty's Stuhl, einen Steinsitz im Felsen an der Saale und dachte an die schönen Lieder: „Wer wollte sich mit Grillen plagen“ und „Ihr Freunde hängt, wenn ich gestorben bin, die kleine Harfe hinter dem Altare auf,“ in denen sich tiefe Wehmuth mit einem liebenswürdigen Streben nach Munterkeit und einer schönen Seelentiefe vereinigt.
Halle selbst war mir nur ein schwacher Ersatz für Kopenhagen. Die schmalen, schlecht gepflasterten Straßen, die vielen Braunkohlen gaben dem Ganzen ein trauriges, finsteres Colorit, und ich konnte das blaue Meer und die seeländischen Buchenhaine nicht vergessen.
Oft betrachtete ich im Vorübergehen dass große Rolandsbild aus Carl's des Großen Zeit, das auf dem Markte wie ein steinernes Gespenst aus dem dunklen Alterthume dastand und menschlicher Größe spottete. Hätte ich damals daran gedacht, daß der unglückliche Struensee in Halle geboren und erzogen war, so würde auch dies seine Wirkung gethan haben.
Schleiermacher.
Zuweilen machte ich lange Wanderungen. Mit Steffens, Schleiermacher und den beiden Raumers ging ich an einem heißen Sommertage auf den hohen Petersberg. Als wir uns der Ruine oben näherten, wunderte ich mich über einen seltsamen Laut; es war mir, als hörte ich viele Menschen einen Kirchenpsalm in der Burgruine singen. Und es war wirklich so. Mitten in der Ruine stand eine Kirche, die voll von Menschen war, da es gerade Sonntag war und Gottesdienst abgehalten wurde. Ich hörte einen mir aus meiner Kindheit wohlbekannten Psalm, den sie über die alten Marmorsärge der entschlummerten Landgrafen dahin sangen; und diese Verbindung der Vergangenheit und Gegenwart rührte mich außerordentlich. Mit dem verständigen Schleiermacher verlebte ich angenehme Tage. Er bekam Lust Etwas von meinen dänischen Gedichten kennen und Dänisch zu lernen. Ich fing an, ihm Vaulundurs Sage und Freia's Altar zu übersetzen und er war der Erste, der mich aufmunterte, ein deutscher Dichter zu werden. Er wiederum las etwas Griechisch mit mir; er las mir den ganzen Oedipus in Kolonos vor, um mich mit dem characteristischen Wohlklang der Sprache vertraut zu machen; er übersetzte mir das Stück Wort für Wort und lehrte mich das griechische Silbenmaß recht kennen und verstehen; wovon ich später, als ich Solger's Sophokles fleißig studirt hatte, in meinem: Balder der Gute, Gebrauch machte.
Diese Strenge der Uebersetzung in der Form, die oft an Pedanterie streift, welche dem gewöhnlichen Leser mißfällt, nützt gerade dem Dichter, der der griechischen Sprache nicht mächtig ist, und doch gern so viel als möglich ihren Klang, Tact und ihre Formen kennen lernen will. Für den wahren Dichter ist es leicht, sich alles dieses in einer lebhafteren und schöneren Natürlichkeit zu denken. Solger war gewiß ein besserer Philolog als Philosoph. Seinen Erwin, in dem er der Ironie als dem Höchsten der Poesie huldigt, habe ich nie verstehen können, und ich sehe nun aus Hegel's Aesthetik, daß dieser ihn angreift und tadelt.
Ich hörte in Halle Steffens' Vorlesungen über Naturphilosophie, Schleiermacher über Ethik und den berühmten Wolff über Archäologie. Mit Schleiermacher ging ich oft spazieren.
Es amüsirte ihn zuweilen, meinen allzukühnen Behauptungen mit schelmischer Ironie zu begegnen; er übersetzte gerade damals an seinem Plato. Er war mein Sokrates und ich beschuldigte ihn im Scherz, er wolle mich zu seinem Alcibiades machen; obgleich ich diesem weder in dem Heroischen noch in dem Schlechten glich. Schleiermacher war ein kleiner, hagerer Mann. Ein jugendliches Wesen fand man bei ihm nicht; aber er war edel. Als er mir auf seinem alten Klaviere einmal den Herrenhuter Psalm vorspielte: „Mach' uns unschuldig, wie die kleinen Blumen in des Frühlings Heiligthum“, gewann er mein Herz und behielt es seitdem immer. Die Tochter des gelehrten Professors Wolff, Wilhelmine, eine schöne, große, blühende Blondine, hatte ein freundliches Wesen; sie konnte, wie gesagt, etwas Dänisch, und da sie eine Freundin der Frau Steffens war, sah ich sie oft im Hause bei uns. Mit ihrem Vater entsinne ich mich nur einziges Mal gesprochen zu haben. Merkwürdig ist's, daß er, der große Philolog, der es so weit in fremden Sprachen gebracht hatte, der einzige war, der mir davon abrieth, Deutsch zu schreiben; er meinte, man könne nur in einer Sprache Dichter sein. Abstract genommen, werden die Meisten ihm gewiß Recht geben, und Wolff, bei dem doch eigentlich das Griechische und Lateinische stets im Gegensatze zu seiner deutschen Muttersprache war, und der vom Dänischen gar nichts verstand, mochte sich wohl zu einer solchen Meinung befugt fühlen. Er wußte, daß er mit all' seiner Gelehrsamkeit und seinem philosophischen Genie doch niemals Grieche oder Römer werden könne. Er wußte, daß ein großer Unterschied zwischen einem Deutschen aus dem 19. Jahrhundert und einem Griechen aus Perikles', einem Römer aus Augustus' Zeit stattfand. Aber er vergaß, daß der Däne und Deutsche Germanen, sie beide Brüder eines Hauptstammes sind, mit fast gleichen Characteren, Neigungen, Gefühlen und Ansichten, daß sie in demselben Zeitalter, einander nahe und in steter, geistiger Verbindung leben.