Liebster, bester Sohn!
Als ich Deinen lieben Brief bekam, erwachte der böse Gedanke in mir, Dich eben so lange warten zu lassen, wie ich hatte warten müssen; aber leider trat das Vaterherz gleich dazwischen, und so schwand auch dieser Vorsatz. Wie unendlich es mich freut, daß es Dir gut geht, brauche ich Dir wohl nicht zu versichern. Wenn Du nur ebenso zufrieden mit Deinem Stipendium sein könntest; aber guter Adam! Du weißt ja wohl, daß viele der hohen Herren Vorsteher in dieser Gemeinde wollen, daß die Natur sich mit Wenigem begnügen soll, und sie mögen ihre triftigen Gründe haben; denn, wo Nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Von mir sollst Du bekommen, was ich Dir versprochen habe, nämlich 100 Thaler jährlich. Ich wollte, ich könnte mehr thun, aber in diesen theuren Zeiten, wo ich doch auch eine Haushaltung führen muß, ist es mir ohne einen Glückszufall, der mich doch noch nie betroffen hat, unmöglich[3]. Uebrigens mußt Du, bester Junge! zuweilen an Deiner Lampe reiben, und, wie ich höre, hast Du es bereits gethan. Wenn nur nicht die Theaterdirection hinten ausschlägt, und Du einen Schlag vor die Stirn bekommst, wie weit Du auch entfernt sein magst. Daß Du Dich nach Deiner Heimath sehnst, ist natürlich, und, guter Adam! das natürliche Liebesband zerreißt erst im Tode. Wenn ich zuweilen allein dasitze, zum Fenster hinausschaue und des Morgens die Sonne aus dem Meere aufsteigen sehe, da bete ich mit gerührtem Herzen zu dem Allgütigen, und danke ihm, daß ich noch Dich und Sophie habe; und dann rollt oft eine Thräne der Liebe für Euch über meine Wangen, und besonders für Dich, Du Armer! der so allein, fern von mir dahin ziehen muß. — Gleich nachdem ich Deinen Brief erhielt war ich bei dem guten alten Etatsrath Heger und der kleinen Christiane und las ihnen denselben vor, was große Freude verursachte. Als ich fortging, liebkoste sie mich; ich drückte sie an mich, und sie sagte: „Du bist jetzt der einzige Oehlenschläger, den ich noch habe.“ — Das liebe Mädchen! aber Du, mein guter Sohn, darfst nicht eifersüchtig werden; das würde Dir Nichts helfen. Karen Margrete ist noch immer der Schelm, der sie stets war; wir kommen zusammen und machen uns gegenseitig zum Narren. — Ich lebe hier, wie ein altes Uhrwerk, einen Tag wie den andern, außer wenn die verwünschten Bêtes im l'Hombre bei alten Freunden des Abends etwas lange dauern. Daß ich viel zärtliche Grüße für Dich von Deinem leiblichen Vater, Deiner Schwester und allen Verwandten und Freunden habe, kannst Du Dir wohl denken. Aber vor allen Dingen sage Professor Steffens und seiner Frau meinen Dank für ihre Güte gegen Dich und sage Ihnen, daß ich wünschte, ihrem Sohne, wenn er herkommt, dieselbe Freundschaft bezeugen zu können; was nicht unmöglich ist, da ich noch zwanzig Jahre zu leben hoffe[4]. Na, guter Adam! habe ich nun nicht genug mit Dir geplaudert? Aber ich höre Dich sagen: man spricht gern mit alten Freunden; und darin hast Du Recht; denn wir Zwei kennen uns doch am längsten. Lebe wohl, guter Junge! Der Allmächtige bewahre und erhalte Dich, das wünscht Dein Vater
J. C. Oehlenschläger.
Achim von Arnim.
Achim von Arnim besuchte Reichardts auch in diesem Herbst. Er hatte kurz vorher mit Brentano sein Wunderhorn herausgegeben, aus welcher Sammlung Reichardt uns Abends oft Etwas vorlas. Er las gut, besonders trug er die Fischpredigt des heiligen Antonius vortrefflich vor. Achim's edle Gestalt und sein schönes Gesicht, seine Liebe zum Mittelalter und sein Vertrautsein mit demselben machten ihn mir lieb, obgleich seine eigenen Arbeiten mir nicht schmecken wollten; sie waren mir noch zu inhaltlos. In seinem reifern Alter hat er in mehreren Erzählungen ein schönes Talent an den Tag gelegt. Ich entsinne mich noch eines herrlichen Herbstabends, wo wir in Giebichenstein zusammen auf den Kirchhof gingen und die alten Grabsteine betrachteten, und als wir zum Thee nach Hause kamen, Reichhardt mich erfreute, indem er mir Klopstocks: „Willkommen, o silberner Mond!“ zu dem er eine seiner besten Melodien geschrieben hatte, vorsang.
Nun sing ich aber auch wieder an, mehr in der gegenwärtigen und in der jüngstvergangenen Zeit zu leben. Ich sah nicht ein, warum die Phantasie nur bei dem Mittelalter weilen sollte. Jetzt liebte ich auch wieder die Lessing'sche Verstandes- und die darauf folgende Gefühlsperiode. Denn hatte man damals auch viele verknöcherte Vorurtheile Verstand, und später viel Fades Gefühl genannt, so lebten wir nun wieder in einer Zeit, in der jede elende Phantasterei, wenn sie nur einen Rittermantel über die schwachen Schultern warf, für Poesie gelten wollte, und in der man, ziemlich barbarisch, jedes weiche Gefühl als eine moderne Affectation auszuschelten und zu verachten begann.
Lafontaine.