Fichte schlief eine Nacht auf dem Friedrichsberger Schloß bei meinem Vater, und hier zeigte sich wieder ein Zug seiner Naivetät, indem er sich einen ganzen Abend mit dem Alten, der einen gesunden Menschenverstand hatte, aber nichts weniger als Philosoph war, über die verschiedenen philosophischen Ansichten und seine Streitigkeiten mit Schelling einließ. Er lieh auch meinem Vater eins seiner Bücher zum Durchlesen. Mit diesem Buche saß er gerade in der Hand, als Frau Rahbek ihn Tags darauf besuchte. „Was für ein Buch liest Du da?“ fragte sie ihn in ihrem gewöhnlichen scherzenden Ton; und er antwortete in demselben Ton, aber mit einem gewissen Stolz: „„Laß liegen Kind! es ist Fichte. Er war gestern Abend bei mir; wir sprachen bis in die späte Nacht zusammen; Du kannst glauben, da ging's auf die Systeme los!““


Erste Ereignisse in Berlin.

Aber ich kehre wieder nach Berlin zurück. Reichardt reiste im März nach Giebichenstein, und ich wohnte allein. Mein Wirth war ein alter Friseur, der mir gleich bei meiner Ankunft einen schlechten Streich gespielt hatte. Meine Haare mußten nämlich geschnitten werden, da sie seit einem halben Jahre keine Scheere berührt hatte; ich fragte ihn, ob er das Haar nach Berliner Mode schneiden könne? — „Das versteht sich,“ sagte er, „lassen Sie mich nur machen.“ Nun fing er an zu schneiden; aber da er ein alter Perückenmacher war, der nur mit todten Haaren zu thun gehabt hatte, so verstand er sich gar nicht darauf, mit den lebendigen umzugehen. Er machte einen Fehler nach dem andern, die er alle damit gut machen wollte, daß er noch mehr wegnahm; und so schor er mich ganz entsetzlich, so daß ich zuletzt nur einen kleinen Schopf auf der Stirn hatte. Mit dieser Coiffüre mußte ich alle meine Besuche mit Reichardt in der großen Welt, als dänischer Dichter machen. Die Leute glaubten vielleicht, daß das Mode in Kopenhagen sei und das verdroß mein patriotisches Gefühl. Indessen versöhnte ich mich doch bald mit dem armen Perückenmacher. Sein Sohn, der ein wirklich guter Friseur und Reichardts Diener war, wurde kurze Zeit nach Reichardt's Abreise krank und starb. Eines Abends, als ich spät nach Zwölf nach hause kam, sagte der Vater, indem er mir die Treppe hinaufleuchtete: „Sie haben wohl Nichts dagegen, daß ich nur für heute Nacht die Leiche meines Sohnes in das Zimmer des Herrn Kapellmeisters gestellt habe?“ — „„O nein,““ antwortete ich langsam. Er setzte das Licht auf den Tisch und ging. Reichardt's Zimmer grenzte dicht an das meinige. Ich fing an, mich auszukleiden und wollte so thun, als wenn Nichts geschehen wäre. Seit langer Zeit hatte ich, in dem bunten Treiben bei den vielen Gesellschaften, keine melancholischen Gedanken gehabt. Nun sollte ich Thür an Thür mit einer Leiche schlafen; das hatte ich nie gethan; nach dieser Nachbarschaft sehnte ich mich durchaus nicht.

Eine unruhige Nacht.

Die alten halbvergessenen Gespenstergeschichten erwachten wieder in meiner Erinnerung; und obgleich Hoffmann noch Nichts der Art gedichtet hatte, so begannen die berliner Theezirkel doch in meinem Gehirne sich mit dem Uebernatürlichen und Grausigen zu vermischen. Endlich konnte ich es nicht länger aushalten, kleidete mich wieder an, nahm meinen Hut, ging zu dem Vater des Verstorbenen hinunter und sagte: „Obgleich ich nicht abergläubisch sei, müsse ich mich doch davor hüten, meine Phantasie zu sehr aufzuregen, es sei mir zuwider bei einer Leiche zu schlafen, daher wolle ich in den goldenen Adler gehen und da bis morgen bleiben.“ Als ich aber dahin kam, war es zu spät und ich konnte kein Zimmer mehr bekommen. Ich versuchte es noch an ein paar andern Orten, immer später und vergebens. — Die Märznacht war sehr kalt. Ich lief die Straßen auf und ab, bis ich vor Müdigkeit und Schläfrigkeit nicht länger konnte. Es blieb mir nun nichts Anderes übrig, als wieder nach dem Leichenhause zurückzukehren. Ich that es, klingelte und der Alte, der nicht zu Bett gegangen war, leuchtete mir unverdrossen wieder die Treppe hinauf. Nun war das Gaukelspiel der Phantasie vorüber, wie auf einer Bühne, wenn die Lichter gelöscht worden sind. Ich sah nur den alten niedergeschlagenen Vater und ärgerte mich über meine vorherige egoistische Schwärmerei, die ein leerer Traum im Vergleich zu der wirklichen Trauer des alten Mannes war. Ich legte mich rasch zu Bett und schlief gleich ein.


Bekanntschaft mit Himmel.

Einige Tage darauf traf ich an der table d'hôte den Kapellmeister Himmel. Wir saßen zufälliger Weise neben einander. Er ließ sich in ein Gespräch mit mir ein und an einigen Aeußerungen merkte ich, daß er mich kenne. „Habe ich die Ehre, von Ihnen gekannt zu sein?“ fragte ich. „„Ja,““ entgegnete er, „„ich weiß, daß Sie ein guter, junger dänischer Dichter sind; und ich würde bereits früher ihre Bekanntschaft gemacht haben, wenn Sie nicht stets in der Gesellschaft eines Mannes gewesen wären, den ich für den Tod nicht leiden kann.““ — „Nun,“ antwortete ich, „da ich mit ihm umgehe, so zeigt das, daß ich ihn gut leiden kann.“ „„Nun, so wollen wir nicht mehr von ihm sprechen,““ sagte Himmel, indem er mein Glas füllte! — Er war sehr aufgeräumt und gesprächig, erzählte mir von seinen Reisen, und als wir gegessen hatten, fragte er, ob ich ihn nicht nach Hause begleiten wolle, er wohne gerade in der Nähe. — Da ich nun wußte, daß er kurz vorher eine Oper „Die Sylphiden“ componirt hatte, von der ich gern etwas hören wollte, so ließ ich mich nicht zwei Mal bitten. Er wohnte sehr hübsch und in seinem Zimmer waren elegante Möbel; aber Alles lag in größter Unordnung drüber und drunter. Die mediceische Venus stand mitten in der Stube. Rund umher lagen Guitarren, Bücher, Pomadenbüchsen, Eaudecologneflaschen, Stiefel u. s. w. Kaum traten wir ins Zimmer, so rief er: „Peter, Champagner!“ — Mit unglaublicher Schnelligkeit kam der Diener mit Wein und Gläsern auf einem Präsentirteller und öffnete die Flaschen, so daß der Champagnerschaum der Venus gerade ins Gesicht sprützte. „Herr Gott, Herr Kapellmeister, wie können wir jetzt trinken,“ fragte ich, „wir kommen ja eben vom Tisch?“ — „„Champagner kann man immer trinken, das ist ein unschuldiger Saft; thun Sie mir den einzigen Gefallen und trinken Sie noch ein Glas mit mir!““ — „Wohlan!“ entgegnete ich, „aber dann müssen Sie mir auch einen Gefallen thun und mir etwas aus Ihren Sylphiden vorspielen.“ „„Sehr gern!““ „„aber erst muß ich etwas still sitzen und wieder in Ordnung kommen; jetzt kann ich unmöglich spielen. Wollen Sie einmal sehen!““ — Er ging ans Pianoforte und seine außerordentliche Dicke verhinderte ihn wirklich daran die Tasten zu berühren; denn sein Leib ragte fast weiter hervor, als seine Arme reichen konnten. „„Das giebt sich Alles,““ sagte er, „„wenn wir nur einen Augenblick Geduld haben.““ Und kaum war eine Viertelstunde verlaufen, so hatte er wirklich so viel Raum gewonnen, daß er das Klavier mit den Fingerspitzen erreichen konnte. Welche Fertigkeit! welcher Vortrag! welche Grazie! So wie der Elephant seine ganze Geschmeidigkeit im Rüssel hat, so hatte Himmel sie in seinen Fingerspitzen. Alles, was er spielte, war schön, melodienreich und originell. Ich hatte bereits früher seine Fanchon gehört, in der sein Character sich treu abgespiegelt: keine Tiefe, kein wahrer Ernst; aber schöne Sinnlichkeit, anmuthige Liebe, und behagliches, munteres Wohlleben. Er konnte es doch nicht lassen, auf Reichardt zu sticheln, den er den Herrn „Salzdirector“ nannte, weil Reichardt die Aufsicht über die halle'schen Salinen hatte. Himmel meinte (mit Unrecht) daß er hiezu mehr Genie, als zur Musik habe; denn war Reichardt auch kein eigentlich dramatischer Componist mit kühner Einbildungskraft und Feuer, so hat er doch in andern Compositionen, besonders in den herrlichen Melodieen zu Göthe's Gedichten ein schönes Gefühl, einen feinen Geschmack und Sinn für Poesie gezeigt. Himmel's Bildung schien nur musikalisch zu sein; doch hatten die Welt und sein munteres sanguinisches Temperament ihm eine Politur als angenehmer Gesellschafter gegeben.