Krittlers Litanei.
(Am großen Bußtage zu singen)

Ach, lieber Herr Gott, laß mich nie
Urtheilen, wie ein hölzernes Vieh!
Laß' mich nicht in gemalten Personen
Nur sehn mathematische Dimensionen!
Lege mir etwas in den Ofen, lieber Herr Gott.
Es friert mich, lieber Herr Gott und Vater!
Blase mir ein wenig mehr Geist in die Nase hinein,
Es soll Dein Schade nicht sein.
Ich will Dich dafür in den Werken erkennen,
Auch wohl bisweilen mit Ehrfurcht nennen.
Amen! —
Aber wenn's nicht anders werden kann,
Ach, so hilf mir armen Mann,
Daß ich einsehe bald und ganz haarklein:
In's Parterr' kommt Keiner ohne Zettel hinein.
Laß' mich die thörichte Lust verlieren,
Treibe fort den eiteln Dunst;
Lehre mich, statt Werke der Kunst,
Tuch oder Leder zu penetriren.
Die Welt wird dadurch nichts verlieren,
Die Kunst wird dadurch nicht krepiren.
Ich bitte darum auf allen Vieren.
Kyrieleison. Amen!


Die Bedeutsamkeit der Kunst.

Daß aber diese herrlichen Werke meine Seele nicht allein zu polemischen Ausbrüchen hinführten, zeigt das Fragment eines Briefes, welchen ich, gleich nachdem ich in der Bildergalerie gewesen war, meiner Christiane schrieb:

„Gestern war ich zum ersten Mal in der Bildergalerie. Was soll ich Dir von den zwei Stunden Aufenthalt unter all diesen Herrlichkeiten sagen? Es ist wie der erste süße Kuß der Geliebten. Wahrhaftig ich kam

in ein' Galerie
Voll Menschengluth und Geistes;
Mir ward es da, ich weiß nicht wie,
Mein ganzes Herz zerreißt es,
O Maler! Maler! rief ich laut,
Belohn' Dir Gott Dein Malen;
Und nur die allerschönste Braut
Kann Dir für uns bezahlen.„

Und damit sind sie auch bezahlt. Denn das schönste aller Mädchen, die Unsterblichkeit, hat sie in ihren Armen emporgehoben und sie mit ewigem Lorbeer bekränzt. Wenn man so in wenigen Momenten mit einem flüchtigen Blicke die concentrirte Kraft der Genialität und des Fleißes von Jahrhunderten betrachtet, so wird Einem zu Muthe, als ob Gott in einer Offenbarung die Geschichte zurückgehen und sich vor uns zeigen ließe. Und das thut er. Die großen Mirakel des Lebens äußern sich durch die Kraft und das Gebet der Zauberer und diese Zauberer sind die Künstler. O, wie dankte ich Gott, daß ich auch ein Künstler bin, als ich mit bebendem Schritte den Tempel der Kunst durchwanderte, daß auch ich Bilder geschaffen hatte und schaffen sollte, die die Brust kommender Geschlechter mit Freude und Andacht erfüllen würden, wenn die meinige längst ihren letzten Saft einer kleinen bald dahinwelkenden Grabesblume gegeben, und mein Staub sich mit dem Staube meiner Mutter Erde gemischt hätte. Lebe wohl, meine beste Christiane!“


Der Maler von Kügelgen.