Die Dresdner Bildergalerie.

O wie gern sah ich 1817 die Galerie in Dresden wieder! Wie bewundernd denke ich nicht noch der herrlichen Bilder Correggio's, von denen die in seiner ersten Manier mir doch kräftiger und raphaelischer vorkamen, als die berühmte Nacht. Wie erfreute mich der strenge und unterrichtende Christus von Giovanni Bellini, ein herrlicher Gegensatz zu dem süßen Christusantliz von Carlo Dolce, das sich in Harmonikatönen aufzulösen scheint. Ich sehe noch das schöne, klare Bild von Holbein, wo die fromme Bürgermeisterfamilie die Mutter Gottes anbetet. Ich entsinne mich sehr wohl der Gemälde von Raphael's herrlichen Schülern Francesco Penni, Giulio Romano und Andräa del Sarto. Und nun all' die niederländischen und flämischen Herrlichkeiten einer muntern und treu aufgefaßten Natur, deren wir viel ähnliche in Kopenhagen haben.

Raphael's Madonna.

Das erste Mal besuchte ich die Galerie in Dresden mit einer Freundin, einer herzensbraven Dame in mittleren Jahren, einem Fräulein Alberti, die aber im hohen Grade von der neuen Schwärmerei angesteckt war. Mit ihr trat ich vor Raphael's Madonna hin. Ich erstaunte über die übernatürliche Schönheit und Wahrheit in diesem Bilde; aber als ich meine Freundin weinend und fast knieend vor dem Heiligenbilde sah, und sie mich in einem Bekehrungstone fragte: „Nun, Oehlenschläger, was sagen Sie jetzt?“ antwortete ich kalt: „„Es ist sehr hübsch!““ — „Gott im Himmel!“ rief sie seufzend, „Sie nennen Raphael's Madonna hübsch?“ — „„Liebe Freundin,““ entgegnete ich, „„sagen Sie mir nur Eins: Glauben Sie, daß Raphael im Stande gewesen wäre, solch ein Bild zu malen, wenn er so dagestanden und geweint hätte?““

Ich trat später allein vor das herrliche Bild hin und begriff nicht, wie so viel jungfräuliche Geistesruhe, Schönheit und naive Kindlichkeit zu Zerknirschung und wehmüthigen Betrachtungen Veranlassung geben konnte. Daß Maria mit dem Jesuskinde von der Erde zum Himmel emporzuschweben schien, war ja auch lustig; das thut jede reine und unschuldige Seele. Als ich nach Hause kam schrieb ich ein dänisches Gedicht über diesen Gegenstand, das ich später in meiner Novelle „die Mönchbrüder“ angebracht habe.

Polemische Gedichte.

Noch ein paar andere kleine deutsche Gedichte verfaßte ich in Dresden, um meinem Herzen Luft zu machen; denn mir war wirklich unter den Kunstkennern wie einem Manne zu Muthe, der zwischen einem glühenden Ofen und einem offenem Fenster sitzt, wo es stark zieht, so daß ihm die eine Seite ganz heiß, die andere ganz kalt wird. Das herzlose Demonstriren nach spitzfindigen, einseitigen, abstracten Regeln, war mir eben so zuwider, wie eine kränkliche Schwärmerei.

Künstlers Morgen- und Abendlied.

O heiliger Gott, was Dir gehört
Tief in der menschlichen Brust,
Nicht die gesunde Freude stört,
Ist nicht Schmerz, ist Lust;
Aeußert in That sich und frischer Kraft,
In blühender Schönheit Schein,
Nicht die Blüthen weg es rafft,
Liebt nicht Grab und Gebein.
Christus verließ das düstre Grab,
Fuhr zur Hölle nur kurz hinab;
Jetzt des Vaters Rechte ziert,
Dort nun thätig mit ihm regiert.
Weg, Du trüber, papistischer Dunst!
Seufzen und weinen ist keine Kunst,
Wirken und weben,
Nehmen und geben,
Und tüchtig streben,
Das ist Leben!
So wollen wir leben
Und etwas leisten!
Mehr, als die Meisten!
Es ist Gottesdienst, ein Werk zu vollenden,
Wieder bilden muß Gottes Bild.
Das wollen wir führen in unserm Schild'.
Teufel noch 'mal! so wollen wir enden.