Theodor Körner.
Körner war Schiller's Jugendfreund gewesen. Auf seinem Weinberge hatte der unsterbliche Dichter seinen Don Carlos geschrieben. Die ganze Familie hatte sehr viel Sinn für Poesie. Theodor, der spätere Held und Tyrtäus war damals, als ich sie besuchte, ein hübscher vierzehnjähriger Knabe, der sehr fromm und aufmerksam zuhörte, wenn ich meine Gedichte vorlas. Seine Schwester Emma malte schön; ein Fräulein Kunze, welche dort im Hause war, sang vortrefflich. Der muntere, geniale Italiener Paër, den Napoleon später als Kapellmeister nach Paris berief, kam häufig in Körners Haus und ich hörte ihn oft selbst mit den Damen aus seinem Sargino singen. Fräulein Stock, eine vortreffliche Pastellmalerin, Frau Körner's Schwester, war munter und witzig und amüsirte sich zuweilen damit, mich meiner allzugroßen Jugendlichkeit und Vorliebe für das Blühende wegen zu necken.
Ansichten über Kirchenmusik.
Es freute mich, Musik in der katholischen Kirche zu hören, doch war die Musik hier nicht immer nach meinem Sinn: sie war mir zu sinnlich, zu lärmend. Ich vermißte die ernste würdige Erhebung, das treue innige Gefühl; und obgleich ich über die starken Diskantstimmen der Sänger staunte, konnte ich doch nicht umhin, an das Schicksal dieser armen Menschen zu denken, und dies störte mein religiöses Gefühl vollständig. Ich sprach einmal mit einem Landsmanne, der sich in Dresden niedergelassen hatte, über diese Sänger und äußerte ihm mein Mißvergnügen. Er war ein sehr tüchtiger Kopf und selbst ein guter Künstler; aber paradox und scharf in seinen Ansichten. „Sind Sie auch so ein nordischer Barbar, der der großen Kunst nicht einmal ein kleines Opfer gönnt?“ — „„Man sollte solche Virtuosen, wie die Baßgeigen, in Futterale hinstellen, wenn man sie gebraucht hat,““ entgegnete ich; „„es schneidet mir ins Herz, einen so aufgeschwollenen, schwammigen Halbmann zu sehen. Es widert mich an, daß ein armes Geschöpf, an dem die Menschen sich versündigt haben, als Wortführer für die Menschen auftreten und Bravourarien zu Gottes Ehre krähen soll. Das kann weder rühren, noch stärken, noch erheben; und was ist Kirchenmusik, wenn sie das nicht kann?““ — Der bewundernde Kenner zuckte die Achseln und hatte wahrscheinlich Mitleiden mit meinen Ansichten. Ein anderes Mal stand ich mit einem klugen Mann vor einem Portrait von Göthe, welches Buri gemalt hatte, und vor einer Copie von Leonardo da Vinci's Christus, wo er sagt: Gieb dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist. „Welch ein Unterschied,“ sagte ich, „auf diesen beiden Gesichtern!“ — „„Ja gewiß,““ entgegnete der Andere: „„Hier ist ein Antlitz voller Hoheit und Unschuld, und dort ein Mensch, der, wenn er in sein eigenes Herz blickt, lauter schwarze Flecken findet.““ — „Flecken finden alle Menschen in ihren Herzen,“ antwortete ich. „Das Andere ist ein Ideal; aber es erscheint mir trotz seiner Schönheit doch zu weibisch für einen Christus.“ So mußte ich mich größtentheils durchschlagen; denn ich hörte oft übertriebene, einseitige Ansichten, nicht der Modeansichten zu gedenken. Ich habe mich immer über jede Mode geärgert, die die Menschen in eine einseitige Richtung hineinziehen will. Nun sollte Alles katholisch, altdeutsch oder italienisch sein, und was nicht so war, das war vom Uebel. Ich fühlte einen Trieb in mir, mich der verschmähten Gegenwart und ihrer guten Leistungen anzunehmen. In diesem Vorsatz war ich durch Göthe, der dies Franz-Sternbaldisiren, wie er es nannte, auch nicht leiden konnte, bestärkt worden.
Ansichten über die Malerkunst.
Ich besuchte gern die Bildergalerie. Ich habe den Lesern erzählt, daß ich nicht unbewandert in der Zeichnenkunst war; und Alles, was die Malerei an Poesie in sich aufnehmen kann, konnte natürlich einem mit Worten malenden Dichter nicht fremd oder gleichgültig sein. — Aber das war bei Weitem nicht genug; das nannte man jetzt etwas Untergeordnetes. Mit dem religiösen Gefühle sollte man nun die Werke auffassen; nur so könne man ein Eingeweihter der Kunst werden. Ich dachte: Auch gut! Alles Poetische gründet sich ja zuletzt auf ein religiöses Gefühl; ich kann auch fühlen. Aber wieder vorbeigeschossen! Dies wurde trivial und sentimental genannt! Eine erhitzte Phantasie mußte mit mystischen Bildern ausgeschmückt werden; wenn diese Bilder auch zuweilen apocalyptisch sein mochten, so war das um so besser.
Wie leicht es war, einen solchen Kunstsinn, bei geistlosen ungebildeten jungen Männern zu wecken, ist leicht zu begreifen; und deßhalb traf ich auch jeden Augenblick Kunstkenner, welche nicht wußten, wie eigentlich ein Arm oder ein Bein aussehen müsse; die nie in ihrem Leben ein menschliches Antlitz mit Aufmerksamkeit betrachtet hatten, die kaum blau von grün unterscheiden konnten, aber doch sehr tief und vornehm über alte Meisterstücke redeten, und mit Verachtung auf Alles herabblickten, was während ihrer Lebenszeit geschaffen war, wenn es nicht einen gewissen Zuschnitt hatte. — Wenn ich von pecus imitatorum rede, so meine ich natürlich nicht die geistreichen Männer, die durch ihre Schriften Veranlassung zu dergleichen Uebertreibungen gegeben haben. Ich habe vor jedem genialen Blicke Achtung, vor jeder originellen Idee, selbst wenn sie übertrieben ist. Die neuere Schule hatte das Verdienst, die Welt mehr als früher auf die zu wenig bekannten Kunstwerke des Mittelalters aufmerksam zu machen; und ich glaube, daß die Gemälde jener Zeit mehr verdienen, Meisterwerke genannt zu werden, als die Gedichte. Welcher Mensch mit Geist und Herz sieht nicht ein, daß eine poetische Composition schöner characteristischer Gesichter, ein lebhaftes frisches Colorit meisterhaft genannt zu werden verdienen, wenn selbst das matteste Auge in unserer Zeit einzelne technische Fehler entdecken kann? Welcher verständige Kenner verachtet nicht eine oberflächliche, flüchtige, coquette Manier bei vielen neueren französischen und italienischen Malern, unter der sich eben soviel technische Fehler, wie in jenen Bildern verbergen; wo aber weder Geist noch Gefühl oder Phantasie die Fehler ersetzen.
Ich schreibe hier keine Kunstkritik, und werde mich wohl hüten, dieses Buch, wie die Mode ist oder war; mit weitläufigen Gemäldebeurtheilungen anzufüllen. Ich habe immer gesucht, Sinn und Auge für malerische und plastische Gegenstände zu bilden, wie es sich für einen Dichter und einen Lehrer in den schönen Wissenschaften ziemt; aber um ganz in die Einzelnheiten solcher Dinge einzudringen, muß man selbst ausübender Künstler sein. Winkelmann, Lessing und Göthe haben vortrefflich über Kunstwerke im Allgemeinen gedacht; Wackenroder und Tieck haben Bilder empfunden und schön darüber phantasirt; und ich habe gern und oft diese Abhandlungen und Herzensergießungen gelesen. Auch Fiorillo und Fernow habe ich gelesen.