Ich traf den Minister nicht zu Hause; aber um mich zu legitimiren, sandte ich ihm einige Briefe, und unter diesen den Brief von der Direction des Fonds ad usus publicos.
Der Minister von Bülow ließ mich rufen. Ich kam. Er trat mir langsam mit den Papieren in der Hand entgegen und sagte sehr ernst: „Ich sehe, Sie reisen auf Menschenkenntniß, und Sie haben keinen Paß? Wie soll ich das verstehen?“ Ich antwortete: „„Ew. Excellenz! gerade weil ich noch keine Menschenkenntniß habe, reise ich, um sie zu erlangen.““ „Ja, mein Herr,“ entgegnete er, „das ist ganz schön! Sie schicken mir Ihre Papiere, um mir Ihre Persönlichkeit zu beweisen; aber ich will Ihnen Etwas sagen! lassen Sie uns den Fall setzen: Sie verlieren diese Briefe, ein Anderer findet sie, und giebt sich für Sie aus (wir haben vor Kurzem einen solchen Fall gehabt); soll ich ihn deshalb gleich für Sie halten?“ — Ich entgegnete: „„Ich verdenke es Ew. Excellenz nicht, daß Sie an meiner Ehrlichkeit zweifeln; aber Sie können es mir auch nicht verdenken, wenn mir dies sehr unangenehm ist. Doch ich will Ihnen einen Vorschlag machen““ — fuhr ich lustiger fort — „„Sie hören doch, daß ich ein Däne bin; geben Sie mir ein Thema, welches Sie wollen; geben Sie mir Feder, Dinte und Papier; dann will ich Ihnen gleich einen Vers darüber machen. Es wäre doch wunderlich, wenn es sich so träfe, daß der unrechtmäßige Finder der Briefe auch ein dänischer Dichter wäre. Doch ich weiß ein besseres Mittel,““ sagte ich ernster, „„unten auf der Straße begegnete ich dem Herzog von Weimar; er hat mich bei seiner Frau Mutter der Herzogin Witwe gesehen; ich will Se. Durchlaucht um ein paar Zeilen bitten, durch die ich mich legitimiren kann, bis mein Paß von Kopenhagen kommt. Ich habe bereits darum nach Hause geschrieben.““ Nun fragte der Minister, ob ich mich nicht setzen wolle, es ließe sich wohl noch Alles in Ordnung bringen; aber ich verbeugte mich und empfahl mich gehorsamst.
Zusammentreffen mit Landsleuten.
Mehr Unannehmlichkeiten bereitete mir diese, freilich unverzeihliche Vergeßlichkeit nicht. Ich brachte dem Appellationsrath Körner einen Brief von Göthe; meine Landsleute Bröndsted und Koës kamen kurz darauf nach Dresden; Engelbreth war bereits mit mir angekommen. Bald traf auch Bischof Münter ein; und so wurde es mir leicht, meine Persönlichkeit, und daß ihr nichts Ungesetzliches anhafte, zu beweisen. Der Minister, der durchaus Nichts gegen mein Ich einzuwenden, sondern nur an dessen wirklicher Existenz gezweifelt hatte, lud mich später zu sich zu Tisch. Aber ich entschuldigte mich ehrerbietigst. Es war mir unangenehm, einen Mann wiederzusehen, der einen Augenblick an meiner Ehrlichkeit gezweifelt hatte. Es nützte Nichts, daß die Andern mir sagten: „Aber er kannte Dich ja nicht!“ — Mit jugendlichem Uebermuth antwortete ich: „„Er hätte mir auf mein ehrliches Gesicht hin glauben müssen.““ — Seine Töchter traf ich später zuweilen bei Körner's; sie waren sehr liebenswürdig und geistreich; wir sprachen oft freundlich mit einander und eines Abends begleitete ich sie bis an ihre Hausthür.
Komische Scene mit Bischof Münter.
Mit dem Bischof Münter traf in Dresden eine komische Szene ein, die ich, so unschuldig sie auch war, während seines Lebens doch nicht veröffentlichen wollte. Nun kann sie mit als ein Beitrag zu den nicht wenigen Anekdoten dienen, welche von den Zerstreutheiten dieses gelehrten gutherzigen Mannes erzählt wurden, deren doch viele erdichtet sind, oder ihn nicht betrafen.
Er hatte gehört, daß ich meinen „Baldur den Guten“ vollendet, und darin Trimeter, Anapäste und mehrere griechische Versformen angebracht hatte; als ein großer Freund und Vertrauter der Griechen, als ein Jugendfreund von Ewald, der auch einen Balder geschrieben hatte, wünschte er nun, das Stück zu hören. „Besuchen Sie mich morgen Nachmittag!“ sagte er, „und lesen Sie mir Ihren Baldur vor, dann wollen wir eine Tasse guten Thee zusammen trinken. Hier in Dresden giebt es keinen guten Thee, aber ich habe solchen von Kopenhagen mitgenommen.“ — Ich kam zur bestimmten Zeit, doch als ich ins Zimmer trat, fand ich den Bischof von einem Dampf umgeben, der ihn fast unkenntlich machte, und der mir, der ich aus der frischen Luft kam, so drückend auf die Brust fiel, daß mein erstes Wort war: „Um Gottes Willen, Ew. Hochehrwürden! wie können Sie das aushalten?“ worauf ich, ohne um Erlaubniß zu bitten, hineilte und beide Fenster weit aufriß. — „„Ja, ich kann es gar nicht begreifen, es raucht hier drin auch mitten im Sommer, wenn man gar nicht einheizt.““ — Nun entdeckte ich mitten im Rauch einen Theekessel auf einem Feuerbecken mit Kohlen, die noch nicht ausgebrannt waren und einen tödtlichen Qualm verbreiteten. „Das kommt vom Feuerbecken!“ rief ich. — „„Ja wahrhaftig,““ sagte der Bischof, „„das glaube ich auch, da hat Johann wieder (oder wie der Diener hieß) einen dummen Streich begangen. Johann! Johann! nimm gleich das Feuerbecken hinaus. Wie ungeschickt benimmst Du Dich?““ — Johann kam herein, setzte den Theekessel auf die Ofenplatte und nahm das Becken mit sich hinaus. Nun fing der Bischof an, mich sehr eifrig über den Baldur zu fragen. Als eine geraume Zeit darüber vergangen war, nahm ich mir die Freiheit, ihn daran zu erinnern, daß wir ja guten Thee trinken wollten. „Das ist wahr!“ rief er, „das hätte ich beinahe vergessen.“ Darauf warf er eine große Hand voll von dem guten Thee (es war grüner Thee) in die Kanne, goß sie voll lauwarmen Wassers (denn das Wasser im Kessel hatte zu kochen aufgehört), und ohne einen Augenblick zu zögern (da er sich darnach sehnte, das Stück zu hören), schenkte er die Tassen voll. Die grünen zusammengerollten Blätter hatten nicht Zeit gehabt, sich zu entfalten, und da die Theekanne eine große Oeffnung hatte, kamen mehrere Blätter in demselben Zustande in die Tassen, in dem die Hand sie in die Kanne gebracht hatte. So bekam ich also „guten Thee“ zum ersten Mal in Dresden, so wie man ihn in China selbst trinkt: mit den Blättern darin; aber wenn meine Dichterblätter dem Bischof nicht besser geschmeckt haben, als seine Theeblätter mir, so wäre es schlimm gewesen.
Das ließ ich mir damals nicht träumen, daß ich später zwölf Jahre im Hause dieses edeln Mannes wohnen, und daß er fast in meinen Armen sterben würde.