Charlotte v. Schiller.
Reise nach Dresden.
Am 12. Juni zogen wir im schönsten Wetter von Jena durch Lützen und stiegen auf der Landstraße einen Augenblick ab, um den mit Pappeln umringten Stein in der Nähe zu betrachten, wo der große Gustav Adolph gefallen war. In Leipzig aßen wir Lerchen, besuchten die schönen Spaziergänge und das Grab des guten Gellert.
Mit uns waren zwei Juden, die auf dem Wege sehr andächtig beteten. Wir kamen an einem Galgen vorüber; in Folge dessen äußerte der eine Jude mit größter Bitterkeit seine Indignation über die übertriebene Gerechtigkeit. „Sie sind froh“ — sagte er — „wenn sie Einen zu hängen kriegen; damit die Gerechtigkeit nicht vergessen werden soll.“
Wir übernachteten in der Stadt Oschatz, welchen Namen August II. der Stadt gegeben, weil er daselbst ein hübsches Mädchen gesehen hatte.
Durch Meißen kamen wir an den herrlichsten Elbgegenden entlang nach Dresden, und hier traf ich wieder eine anmuthige Natur, wie ich sie, seitdem ich Dänemark verließ, nicht gesehen hatte; denn der Garten in Weimar war wohl schön aber klein; die Gegend bei Halle kann nicht mit der seeländischen verglichen werden, und Berlin liegt in einer Sandwüste.
Paßverdrießlichkeit.
In Dresden verlangte der Wirth meinen Paß. Ich hatte von Kopenhagen meinen Rathhauspaß mitgenommen, weil ich damals noch nicht wußte, ob ich das Reisestipendium bekommen würde. Als ich den Brief von der Direction des Fonds ad usus publicos erhielt, hätte ich gleich einen ordentlichen Paß von Hause verlangen sollen; aber das hatte ich vergessen. Ich war von Halle nach Berlin, von Berlin nach Weimar und Jena gereist, ohne daß Jemand verlangt hätte, meine Legitimation zu sehen. Ich sagte also dem Wirth in Dresden, daß ich nur einen dänischen Rathhauspaß hätte, daß ich aber gleich zu unserm Minister gehen, und ihn um ein paar Zeilen zur Aushülfe so lange bitten wolle, bis ich einen französischen oder lateinischen Paß von Kopenhagen erhielte.