An Charlotte Schiller.
Der Sänger geht am schmalen Stege,
Im Schatten blühender Natur;
Verschmäht die gar zu breiten Wege.
Gepflastert durch des Haufens Spur;
Da muß er Vieles überwinden,
Durch manchen Dorn er dringen muß;
Wo er gehofft, den Bach zu finden,
Trifft er den brausend wilden Fluß.
Doch kämpft er gern sich, unverdrossen,
Selbst durch den tiefsten Tannenwald;
Wird er mitunter rund umflossen —
Es muß sich ja doch enden bald!
Wo Dornen stechen, blühen Rosen;
Das Dickicht führt zu einer Au',
Es endigt sich der Wolke Tosen,
Sie flieht und läßt den Himmel blau.
Und steht er endlich dann im Haine,
Im dunkelgrünen Buchenhain,
Röthlich beglänzt im Abendscheine,
Dann ist er länger nicht allein.
Wie durch der Aeolsharfe Töne
Die Lüfte gaukeln, voller Lust,
So zittert auch durch ihn das Schöne,
Und klingt hinaus durch seine Brust.
Und durch die Bäume drängt sich leise
Zum breiten Heerweg der Gesang:
Da kommt das Rad aus seinem Gleise,
Dem Fuhrmann wird's im Herzen bang';
Zum grünen Tempel der Gesänge
Fühlt er zu lenken sich geneigt;
Besinnt sich aber, folgt der Menge,
Glaubt, daß sich dort die Elfin zeigt.
Der Sänger wandert über Hügel.
Er steigt getrost, und kommt der Fluß,
Dann schwimmt er kühn; mit losem Zügel
Auf Abenteu'r er reiten muß.
Und Alles, was ihm so begegnet,
Dringt in sein Herz gewaltig ein;
Und ob es stürmet oder regnet,
Muß er doch wohl zufrieden sein.
Nichts Endliches kann ihn beglücken,
Nichts Endliches vernichtet ihn.
Und jede Kraft muß ihn entzücken
Und durch sein ganzes Wesen glühn;
Im Schauen muß er sich vertiefen,
Was ihn verhindert, merkt er kaum;
Es ist ihm, als wenn Viele schliefen;
Selbst freut er sich im schönsten Traum.
Doch hat er lange so mit Wonne
Den schönen Weg zurückgelegt,
Dann kommt der Abend, sinkt die Sonne,
Und kalt sich jedes Blatt bewegt,
Dann ist er Mensch; und er begehret
Nach dem, was wieder ihn belebt;
Was ihm der Augenblick verwehret,
Weil er nicht klug danach gestrebt.
Doch kommen Bauern her im Walde,
Und speisen ihn mit Obst und Brot.
Er ißt, trinkt aus der Quell', und balde
Vergißt er die verschwundne Noth.
Und mit der frühen Morgenröthe
Erwacht er bei dem ersten Schall,
Blickt um sich, greift und bläs't die Flöte,
Wetteifernd mit der Nachtigall.
Es kommen aber viele Tage,
Wo nicht die Sonn' im Walde scheint;
Es tobt kein Sturm; in stummer Klage
Nur Gras und Blatt und Hügel weint;
Es ist nicht Kampf, kein kühnes Ringen,
Ist lebenlose Trauer nur;
Die Harfe selbst kann hell nicht klingen;
Sie ist so schlaff, wie die Natur.
Dann sehnt er sich wohl nach den Mauern
Und in den lichten Saal hinein,
Wo Gäste sitzen ohne Schauern,
Bei schönen Frauen, gutem Wein.
Dann denkt er auch, wenn fern er schauet
Ein schönes, reichbegabtes Haus:
Warum ist es nicht Dir erbauet?
Und warum schließt Dich Alles aus?
Und weil er fühlt im tiefsten Herzen,
Was auf die weiche Seele fällt,
Müßt' ihn auch tief und bitter schmerzen
Die Stumpfheit, Blödigkeit der Welt,
Und die Verschmähung seiner Lieder,
Der Hohn, der Trotz, der Frevelmuth,
Wenn die Natur nicht freundlich wieder
Das Unheil machte immer gut.
Am Wege, dort wo er gesungen,
Neugierig horchten sie, im Flug;
Kaum aber war das Lied verklungen,
So hatten sie daran genug!
Er sang von Ceres Aehrenhaufen,
Die in den goldnen Garben stehn.
Sie gehn das Korn nur zu verkaufen;
Im Gelde nur das Gold sie sehn.
Jetzt singt er laut in ernsten Liedern
Von der verschwundnen Menschen Thun,
Erzählt von den verstorbnen Brüdern,
Die tief im moos'gen Grabe ruhn.
Er singt: Wie durch des Grabes Hügel
Sich hebet frisch der Rosmarin,
So hebt sich auf der Zeiten Flügel
Das Leben auch zum neuen Blühn.
Sie hören's nicht. Doch Ein'ge kommen,
Und sie verlassen ihren Weg;
Sie haben gern das Lied vernommen
Und folgen ihm auf seinem Steg.
Und hurtig wird der Bund geschlossen;
Die Seele kennt die Seele bald.
Und öfter folgen unverdrossen
Sie ihrem Freund durch seinen Wald.
Doch Männer sind zur That berufen,
Und That verhindert der Verein;
Sie müssen steigen ihre Stufen
Und mit sich selbst beschäftigt sein.
Das Lied giebt ihnen Muth und Leben,
Ermuntert gehn sie wieder fort.
Sie danken ihm, weil er gegeben —
Und — einsam steht er wieder dort.
Wer sitzet auf der Wolken Rande,
Den Lorbeerzweig in weißer Hand,
In himmelstrahlendem Gewande,
So fremd und doch so wohlbekannt?
Entfernet von dem Erdgetümmel,
Vernimmt sie doch das Lärmen gern;
Vergißt darüber selbst den Himmel;
Es klingt ihr wie ein Lied von fern.
Es ist die Muse. Freundlich schauet
Sie ihren vielgeliebten Sohn.
Ihr sanftes Auge sich bethauet;
Sie sinnt auf einen würd'gen Lohn;
Sieht, wie nach ihrem Götterbilde
Er strebt so treu, bei Tag und Nacht;
Und — eine Jungfrau — schön und milde,
Begegnet sie ihm auf der Jagd.
Erröthend nähert sich die Schöne
Verschämt dem vielgeliebten Mann;
Und — wie Telemachos Athene —
So staunet sie der Jüngling an.
Er kannte längst das holde Wesen,
Sieht sie doch jetzt zum ersten Mal.
Er kann in ihren Blicken lesen
Und fühlt der Göttin Liebestrahl.
Da singt sie: Jede schöne Blume
Hebt sich mit ihrer Blätterschaar
Vom Staub hinauf zum Heiligthume,
Und reichet Gott die Krone dar.
Doch stehn die Wurzeln tief im Grunde,
Worin der Lebenssaft sich regt;
Daß sie gedeih', daß sie gesunde,
Ist nöthig, daß sie Liebe pflegt.
Ich will die Gärtnerin im Garten
Dir werden, denn Du liebest mich!
Entwickle Blumen aller Arten!
Ich hege, Freund, ich pflege Dich.
Nie sollst Du Dich allein befinden;
Scheint nicht die Sonne länger warm,
Wenn Strahlen, Tag und Farben schwinden,
Dann ruhe süß in meinem Arm. —
Er sieht der Mittlerin des Lebens
Entzückt in's lichte Augenpaar.
Er überredet sich vergebens,
Daß dieß ein irdisch Mädchen war!
Er fühlt sich neubegeistert wieder,
Der Weg ist länger nicht so hart.
Er singt sein Heil, — und schöne Lieder
Verkünden ihre Gegenwart.
Sie hat mit Lorbeern ihn bekrönet,
Und durch ein wundersam Geschick
Sieht er sich plötzlich ausgesöhnet
Jetzt mit der Zeit, dem Augenblick.
Nun will er nichts von Trennung wissen!
Das Glück steht ihm nicht länger fern.
Was Lieb' erst hatte wild zerrissen,
Vereinigt Liebe wieder gern.
Ein jeder Sänger, dessen Leier
In Waldes Einsamkeit ertönt,
Trifft seine Muse, die ihn, freier,
Bald mit der ganzen Welt versöhnt.
So schmücktest Du dem großen Sänger
Den Weg mit lichtem Lebensmai;
Du machtest ihm den Busen enger,
Und dadurch ward der Busen frei.
Du lindertest so hold sein Leiden,
Da war das Leben nicht vergällt;
Beglücktest ihn mit Vaterfreuden
Und zeigtest heiter ihm die Welt.
Da ward er ruhig und geduldig,
Er fühlte sich von Gott bestrahlt.
Wir sind ihm, ach, so Vieles schuldig!
Doch Du hast ihm für uns gezahlt.
Drum nimm auch dieses Lied zum Danke,
Das treu aus meinem Herzen bricht;
Wohin ich in der Welt auch wanke,
Vergeß' ich Deiner Milde nicht.
Ich seh' im heil'gen Abendschauer,
Wenn düster die Cypressen wehn,
Dich, eine Blum', in Liebestrauer
Am Grabe des Geliebten stehn!
Antwort darauf.
Als Antwort auf dieses Gedicht erhielt ich folgenden Brief von ihr:
Weimar, den 14. Juli 1806.
„Ich fühle wohl, daß es mir nicht gelingen kann, Ihnen auszusprechen, was mein Herz bewegt, und doch möchte ich Ihnen sagen, wie tief mich Ihr Gedicht ergriffen!
Ich danke Ihnen, daß Sie mich verstanden haben, daß es Ihnen klar wurde, den Wunsch aufzulösen, der mich durch mein Leben begleitete. Ich danke Ihnen, daß Sie es ausgesprochen, was ich Schiller sein wollte.
Doppelt heilig ist mir dieses Gedicht, es wird mir ein süßes Andenken meiner Liebe bleiben, und ich werde immer mit Wehmuth bei dem Geiste verweilen, dessen schöne Phantasie in so reichen Formen die Gefühle meines Herzens ansprach.
So lange ein Herz fähig ist, sich vor den ungefälligen harten Eindrücken einer ungleichartigen Welt zu verwahren, so lange wird auch auf jedes Gemüth alles Große und Schöne, was Sie so tief zu fühlen vermögen, und mit solcher Wärme aussprechen, tief wirken. Ich hoffe, daß der Genius der Dichtkunst mir hold bleiben wird bis ans Grab, und mir solche freundliche Erscheinungen noch schenken, wie mir die Ihrige war.
Ich hoffe auch, wir sehen uns wieder, mein Antheil und meine Dankbarkeit werden stets Gefühle für Sie bleiben, die ich mir gern im Herzen aufbewahre. Möge die Welt immer Ihrem Geiste in einem hellen Glanz erscheinen und die Freude Sie begleiten! Leben Sie wohl und glücklich!“