Jena. — Frommann. — Göthe.
Um Göthe's Gesellschaft noch acht Tage zu genießen, ging ich nach Jena, wo er sich etwas aufhielt, ehe er seine gewöhnliche Sommerreise nach Carlsbad machte. Es war ein schwüler Tag, als ich von Weimar nach Jena wanderte; ich war warm und löschte meinen Durst rasch an einer vorüberfließenden eiskalten Quelle. Als ich nach Jena kam, fühlte ich eine Engbrüstigkeit, die mich im Anfang ängstigte und ich dachte: „Solltest du dir durch das Trinken des kalten Wassers, als du erhitzt warst, geschadet haben?“ — Ich war mit Göthe bei dem Buchhändler Frommann; ich konnte mich aber nicht recht darüber freuen, weil mir so beengt war. Doch sagte ich es Niemandem. — Da sah ich zum Fenster hinaus und entdeckte einen großen strahlenden Regenbogen, in dem hauptsächlich der grüne Streifen, die Farbe der Hoffnung, vorleuchtete. Bei diesem Anblick schwand meine Furcht; und ein paar Tage darauf athmete ich wieder leicht, nachdem mir ein alter Arzt dort in der Stadt Kampfertropfen gegeben. Aber das Gefühl jenes Tages und das Bild des Regenbogens schwebte mir vor der Seele, als ich drei Jahre darauf den fünften Act von Correggio dichtete.
Bei Frommann's war ich wieder wie zu Hause. Sie waren Göthe's Gastfreunde, besuchten ihn in Weimar, und wenn er nach Jena kam, war er täglich bei ihnen, das heißt am Abend nach der Arbeit. Er bewohnte mit Riemer einige alte, kühle Zimmer ganz allein auf dem alten Schlosse. Hier saß der Poet in Ruhe und ließ indessen den Minister in Weimar zurück.
Dieses öde Schloß war wirklich ein vortrefflicher Aufenthaltsort zum Dichten und Schreiben; auch mußte es ja wohl schön sein, einen gebildeten gelehrten Freund bei sich zu haben. Aber das Dictiren, das Göthe anwandte, ist mir stets ein unbegreiflich Ding gewesen. Es giebt Augenblicke, meine ich, wo der Mensch mit sich und Gott allein sein muß, ebenso wie im Gebete, und der Augenblick des Dichtens ist ein solcher. In der Gegenwart eines Andern scheuet man sich doch immer etwas seine Gefühle zu äußern und sein Herz zu öffnen. Und kann man es nicht an Göthe's Schriften aus der spätern Periode sehen, daß er solch' einen Aufpasser im Augenblick der Empfängniß gehabt hat? Die ruhige, klare Darstellungsweise, Besonnenheit und Billigkeit haben vielleicht dadurch gewonnen; aber auch Begeisterung, kräftiges Gefühl, aufrichtige, herzliche Mittheilung? — Und soll wirklich der Dichter darnach streben, bei seiner Kunst kalt zu bleiben? Ist es eine Vollkommenheit mehr, daß seine Individualität sich in der Allgemeinheit verliert? In der Dichtkunst ist und bleibt meiner Ansicht nach das Subjective doch die Hauptsache. Je genialer ein Dichter ist, desto vielseitiger ist er gewiß auch; desto mehr verschiedene Objecte kann er durchdringen und darstellen. Aber die Poesie besteht gerade in diesem schönen Empfangen und Darstellen. In den Werken eines Dichters bewundern wir ganz besonders seinen Geist. Wenn wir den Straßburger Münster sehen, oder das Leben des alten Ritters Berlichingen oder das Mährchen vom Faust lesen, so wirkt das Alles ganz anders auf unsere Seele ein, als wenn wir Göthe's Beschreibungen und Bearbeitungen lesen. Deßhalb muß der Dichter, meine ich, sich ebensowenig allzusehr in dem Gewimmel der Objecte zerstreuen, als sich zu einseitig bei dem einzelnen Objecte aufhalten; er darf auch nicht suchen durch Kunst die Eigenheit seines Wesens (Originalität) in Allgemeinheit zu verwandeln. Er ist und bleibt doch eine schöne Ausnahme; das soll er sein und sich davor hüten, ein Sonderling zu werden. — Daß der große Göthe, obgleich er in späteren Jahren seine Gedichte dictirte, uns doch noch viel Schönes schenkte, das danken wir seinem mächtigen, durch keinen Zwang ganz zu fesselnden Genius. Aber ich bin überzeugt, er würde bis ans Grab noch mehr von seinem humoristischen Jugendfeuer, von jener schönen Leidenschaft eines gefühlvollen Herzens ohne Nachtheil für seine Kunst bewahrt haben, wenn er nicht dictirt hätte. Man brauchte ihn ja nur reden zu hören, um sich hiervon zu überzeugen.
Bekanntschaft mit Hegel.
In Jena machte ich die Bekanntschaft des Philosophen Hegel auf eine schnurrige Weise. Er war damals noch nicht so berühmt und vergöttert, wie er es viele Jahre später wurde, obgleich er bereits ein Mann in seinen besten Jahren war. Wir waren zusammen in Gesellschaft, wo ein Fremder eine sentimentale Arie beim Clavier singen wollte. Hegel und ich standen hinter dem Stuhle des Sängers; es wollte ihm nicht recht gelingen und die Verlegenheit, die in jedem Augenblicke das zarte Gefühl unterbrach, das dann wieder von Neuem angeknüpft werden mußte, war so komisch, daß weder Hegel noch ich uns des Lachens erwehren konnten. Nun mußten wir noch höflich sein, und daraus entsprang der komische Zustand, den man oft bei Kindern sieht, die nicht lachen dürfen und dadurch nur noch stärker dazu gereizt werden. Es amüsirte mich, mit dem tiefen Denker in dieser komischen Situation mich zu befinden. Das brachte uns gleich in eine Art Vertraulichkeit zu einander, und so lange ich in Jena war, erwies Hegel mir stets Freundschaft. Wir gingen täglich mit einander um, er war lustig und gutmüthig, ich bewunderte seinen Scharfsinn, und er achtete meine Ansichten und Gedanken, obgleich ich kein theoretischer Philosoph war oder sein wollte. Ich disputirte auch mit ihm, weil er Göthe's Götz von Berlichingen durchaus nicht leiden konnte.
Eine Landpartie.
Mit ihm, mit Major Knebel, Professor Schelfer und Doctor Seebeck bestieg ich eines Tags den Berg Gensich bei Jena. Knebel erzählte mir auf dem Wege Viel aus Göthe's Jugend. Es war ein warmer Tag und wir waren durstig. Am Abhange des Berges lag ein Garten, von wo Schelfer uns einige Hände voll Kirschen und Johannisbeeren holte. „Was wagen Sie da?“ fragte ich lachend. „„Es ist freilich Diebstahl!““ antwortete er, den Mund voll von Kirschen. „Ach,“ — sagte Hegel, „Schelfer ist Botaniker! daraus folgt, daß alle Kräuter und Früchte der Gegend ihm unterthänig sind. Wenn ihn Jemand mit seinem gestohlenen Gute treffen sollte, so braucht er nur zu sagen, daß er botanisirt und Alles ist in Ordnung.“ Auf dem Rückwege plagte uns wieder der Durst. Nun fanden wir zwar keine Johannisbeeren, dagegen aber einen klaren Bach, um den wir uns Alle niederlegten und Wasser durch Strohhalme einsaugten. Dies muß eine sehr malerische Gruppe abgegeben haben; aber sie war zugleich allegorisch: so saugen Helden, Philosophen, Gelehrte und Dichter Erquickung durch das kleine Saugrohr des Lebens aus der stets vorüberfließenden Lebensquelle ein, und vergessen nicht die schönen Augenblicke, wo sie es in brüderlicher Eintracht mit einander thaten.
Gedicht an Charlotte Schiller.
Göthe reiste bald nach Carlsbad, Frommann nach Gotha, ich wartete nur auf meinen Wechsel; er blieb vierzehn Tage zu lange aus. Indessen verlor ich den Muth nicht; ich brachte drei Acte meines Aladdin's in deutsche Jamben. Frommann wollte den Verlag übernehmen, wenn das Manuscript fertig sei, welches ihm dann gleich zugesandt werden sollte. Göthe hatte mir versprochen, den Hakon Jarl auf den besten deutschen Theatern zur Aufführung zu bringen. Endlich kam der Wechsel und zugleich mit ihm mein Landsmann, der Probst Engelbreth. Ich besuchte erst den Superintendenten Marezoll, dessen Predigten ich in Kopenhagen gern gehört hatte; ich grüßte ihn von seinen Freundinnen, Frau Rahbek und Christiane Heger; darauf reiste ich mit Engelbreth nach Dresden. Frau Schiller hatte mir die lyrischen Gedichte des seligen Schiller zum Geschenk gesandt; ich schickte ihr dafür folgendes Gedicht, welches an der Spitze meiner gesammelten deutschen Gedichte steht.