Eines Vormittags, als ich nach Hause kam, erzählte das Mädchen, daß ein gewisser Herr Ludwig Tieck dagewesen sei, der mich besuchen wollte. Ich lief gleich wieder in die Galerie hinauf, denn ich hoffte ihn dort zu finden. Ich traf daselbst Herrn von Rumohr, seinen Reisegefährten, der mich in die Bibliothek hinaufführte, wo Tieck über einem alten Manuscript des Heldenbuches saß. Er eilte mir freundlich entgegen. Wir sprachen vertraulich mit einander, wie Brüder, die lange von einander getrennt gewesen waren. — Sein hübsches characteristisches Gesicht, sein schönes Organ, seine bewundernswerthe Beredtsamkeit, seine geistvollen braunen Augen nahmen mich gleich persönlich für ihn ein, und ich gefiel ihm auch. Ich dachte an das schöne Verhältniß zwischen Franz und Sebastian, zwischen Albrecht Dürer und Lucas von Leyden, in seinem Sternbald; und in den wenigen Tagen, die wir hier zusammen waren, lebten wir auch ganz so wie jene Künstler miteinander. Ich las meinen Hakon Jarl, einen Theil des Aladdin und das Evangelium des Jahres vor. Er zollte mir seinen herzlichen Beifall, und beklagte, daß Novalis nicht lebte, um das Evangelium hören zu können. Ich aß eines Mittags mit ihm und Rumohr; Tieck und ich tranken Brüderschaft. Er las mir Holberg's „Hexerei oder blinder Allarm“ in der alten deutschen Uebersetzung vor; ich bewunderte sein Talent zum Vorlesen; es gefiel mir, daß er den Holberg etwas anders auffaßte, als wir Dänen gewöhnt sind; es klang mir, wie meine Muttersprache im Munde eines schönen, fremden Mädchens, anmuthig, obgleich mit einem etwas ausländischen Accent. Wir disputirten zuweilen auch ein wenig aber freundlich, ohne Bitterkeit. Ich gestand ihm, daß mir seine Liebe und Bewunderung für die altdeutsche Poesie etwas übertrieben erscheine; daß die alte Zeit wohl sehr poetisch geworden sei, aber keine großen Poeten hervorgebracht habe. Stoff zum Dichten gäbe sie vollauf; die alten Dichtungen seien merkwürdig, hätten schöne Stellen und seien voll herrlicher Motive. Auch meinte ich, daß man nicht allzusehr die Sache der Aristokratie und Hierarchie reden und nicht zu sehr auf Aufklärung schelten sollte. — Tieck billigte übrigens gar nicht die modernen Uebertreibungen, und das dumm andächtige Wesen ärgerte ihn auch. Wir waren beide beim Abschiede gerührt.
Bekanntschaft mit der Familie von Zeschwitz.
Kurz nach Tieck's Abreise fragte mich ein Herr von Zeschwitz, dessen Bekanntschaft ich gemacht hatte, ob ich mit ihm hinauswolle und seinen Bruder, den Amtshauptmann besuchen, der eine Meile von Dresden wohne. Ich nahm das Anerbieten gern an, und der joviale Amtshauptmann kam mir sehr freundlich entgegen. Er war unverheirathet und bewohnte ein großes Haus mit seinen Leuten. Munter und geradezu fragte er mich gleich, ob ich mit ihm eine Reise nach Teplitz machen wollte? „Ich habe meinen eigenen Wagen,“ sagte er, „wenn Sie mir das Vergnügen bereiten wollen, mein Gast zu sein, und mit mir zu reisen, so wird mir die Reise einen doppelten Genuß bieten.“ — Ohne mich lange zu bedenken, entgegnete ich: „„Sehr gern, aber ich muß erst nach Dresden, um meine Sachen zu holen.““ — „So lasse ich gleich anspannen,“ rief er, „Sie fahren nach Dresden, holen Ihre Sachen, kommen zurück, bleiben die Nacht bei mir und Morgen begeben wir uns auf den Weg.“ — „„Mit Vergnügen!““ entgegnete ich. — Und als ich kurz darauf nach Dresden hinrollte, dachte ich: „Das ist etwas Anderes! So will ich die sächsische Schweiz gern sehen! War es nun nicht gut, daß ich mich von den fußreisenden Landsleuten nicht verführen ließ?“
Vorher hatte ich von der Gegend rund um Dresden nur das schöne Tharand gesehen, welches von doppeltem Interesse für mich war, weil Steffens daselbst ein merkwürdiges Jahr seines Lebens zugebracht hatte. — Nun fuhr ich mit meinem muntern zuvorkommenden Amtshauptmann nach Teplitz, und bekam dabei zugleich Etwas von Böhmen zu sehen. Wir kamen an unzähligen großen Crucifixen und Heiligenbildern vorüber. In Teplitz war ein hübscher Park voller Herren und Damen, ein nettes Theater, gute Musik und ein gutes Wirthshaus. In Außig gingen wir in die Kirche. Eine Mutter trat gerade mit ihrer kleinen Tochter zu gleicher Zeit mit uns ein; sie sprengte dem Kinde etwas Weihwasser aus dem an der Thür stehenden Becken ins Antlitz. Die Kleine wußte noch nicht, was es sei, blinzelte mit den Augen und rieb sie mit den kleinen, niedlichen Händchen: Ein schönes Bild zwischen den Kirchenpfeilern während die Sonne ihre Strahlen vom Fenster schräg durch die kühle Halle sandte. — Wir segelten auf der Elbe nach Schandau, kamen aber post festum; es waren nur etwa noch ein Dutzend Badegäste dort. Auf Königstein, einer unüberwindlichen Bergveste von der großen Baumeisterin Natur aufgeführt, erstaunten wir über den tiefen Brunnen, der 900 Ellen senkrecht durch den Porphyr hinunter geht. Um uns die Tiefe begreiflich zu machen, senkten die Leute erst einen Kranz mit angezündeten Lichtern hinab. Der Schein verlor sich mehr und mehr und schien zuletzt ganz zu schwinden; aber plötzlich fing es wieder von neuem zu leuchten an und dies war der Widerschein auf der tiefen Wasserfläche des Brunnens; darauf wurde ein Eimer Wasser heraufgeholt und in einem alten Glase, auf dem Verse eingegraben waren, überreichte man uns das demantklare Wasser, eine Gabe von der Unterwelt, das eiskalte Blut des Riesen Ymer. Dann wurde ein Eimer Wasser hinuntergegossen; ich lauschte vergebens, wandte mich zu meinem Reisegefährten und sagte: „Ich habe Nichts gehört, hörten Sie Etwas?“ — „„Still!““ flüsterte er, und in demselben Augenblick fiel das Wasser erst mit rasselndem Tone hinab. — In solchen Augenblicken redet die ewige Naturkraft aus der Ferne mit großen Telegraphenbuchstaben zu unserer Seele.
Reise nach der sächsischen und böhmischen Schweiz.
Auf der Elbe segelten wir nach Dresden zurück und wenn ich die drückende Mittagshitze ausnehme, so hatten wir eine sehr angenehme Reise und sahen die herrlichsten Aussichten und Gebirgsgegenden.
Ich saß bereits mehrere Tage wieder ruhig an meinem Schreibtische, als meine Landsleute von ihrer Fußreise zurückkehrten und sonnenverbrannt, wie die Zigeuner, eintraten. — „Ei,“ rief ich, „seid Ihr endlich wieder da? Allmächtiger Gott, wie seht Ihr aus! Rübezahl hat Euch zu Mohren verwandelt.“ — „„Aber dafür haben wir auch etwas gesehen!““ antwortete Bröndsted mit stolzem Selbstbewußtsein. — „Und wenn ich nun eben so viel gesehen hätte, wie Ihr, obgleich ich bereits seit mehreren Tagen wieder an meiner Arbeit sitze?“ Ich erzählte ihnen meine Abenteuer. „„Je größer der Schelm, je größer das Glück!““ riefen sie Alle. — Kurz darauf reiste Engelbreth nach Dänemark, und ich, der ich zuerst die Absicht gehabt hatte, nach Wien und Italien zu gehen, beschloß, über Weimar mit Koës und Bröndsted nach Paris zu eilen, um in ihrer Gesellschaft zu bleiben.
Briefe aus der Heimath.