Ehe ich von Dresden fortreiste, erhielt ich einen Brief von meiner Schwester:
— — „Seit meinem letzten Schreiben habe ich zwei Briefe für Dich angefangen, aber ich war so unzufrieden damit, daß ich sie in Stücke riß, was ich auch gern mit diesem thäte, denn ich bin nie mit Dem zufrieden, was ich schreibe; es steht nie da, was stehen sollte — und kurz — ich kann nur schlecht schreiben. — In diesem Sommer haben wir keine Zimmer auf Frederiksborg, aber der Vater hat mir dagegen eins von den seinigen überlassen. Oersted kommt jeden Abend heraus und geht am Morgen wieder zur Stadt zurück. Mir geht es so sehr gut; ich lebe gerade so, als da ich zu Hause war; ich sitze in dem kleinen Garten und nähe, gehe im Südfelde umher und komme nur zwei Mal in der Woche zur Stadt, wenn ich Klavierunterricht habe. Jeden Sonntag Vormittag ist Anders bei mir und liest mir aus dem Fichte vor. Wir sitzen dann gern im Garten, um es recht ruhig um uns her zu haben; er erklärt mir, was ich nicht verstehe, und ich kann Dir nicht sagen, wie glücklich ich bin, wenn ich es fasse und begreife; dann ist mir so, als ob ich eine Offenbarung hätte. Ich schrieb Dir das letzte Mal, daß ich Winkelmann las, und daß das natürlich meine Sehnsucht, Kunstwerke zu sehen, verstärken müsse. Ich habe eine schwache Copie von Raphael's atheniensischer Schule und eine Menge Zeichnungen seiner herrlichen Köpfe bei dem Maler Kabot, eine Copie von Christi Grablegung und eine kleine Madonna gesehen, von der er behauptet, daß sie wirklich von Raphael sei. Bei einem Maler Hansen, der vor Kurzem von Rom gekommen ist, habe ich eine Copie von Correggio's schöner Magdalena gesehen, die er selbst gemalt hat[5]. Sie liegt in einem Walde und liest. Ich wurde ganz entzückt über das bezaubernde Spiel von Licht und Schatten. All' das, lieber Adam, sind Dinge von großem Werth für mich, aber nichts im Vergleich mit Dem, was Du sehen kannst.
Ich habe Dir noch nicht für Deinen Hakon Jarl gedankt. Wie kann ich es? Ich habe im Stillen Gott gedankt, daß Du ihn geschrieben hast. Ich spreche nur mit Einzelnen davon; denn ich meine, die Meisten sollten sich nicht unterstehen, darüber zu schwatzen; ihr Lob scheint mir seiner unwürdig; kurz — ich meine, sie sollten schweigen. Ich habe ihn nun vier Mal gehört und kann ihn so ziemlich auswendig. In diesem Sommer habe ich zum ersten Male mehrere von Seelands schönen Gegenden kennen gelernt. Wir sind in Helsingör, Fredensborg, Frederiksborg, Hirschholm und Frederiksdal gewesen. Früher kannte ich ja nichts Anderes, als Frederiksborg; und ob mir dies gleich ebenso schön scheint, wie irgend ein anderer Ort, so hat die Verschiedenheit der Situationen mich doch innig erfreut. Es ist wohl herrlich, von unserm Frederiksborg auf alles Das hinabzuschauen, was uns umgiebt; aber es ist auch unendlich schön, sich in dem ruhigen Fredensborg gleichsam von der ganzen Natur umschlungen zu fühlen; und als Frederiksborg plötzlich aus dem Walde hervortrat, fiel die Stelle mir ein:
„Ein herrlich alter Held ist Hakon Jarl,
Er sieht so hoch u. s. w.“
Ich habe nie so viel Lust und Lebenskraft gefühlt, wie auf dieser Reise; ich war recht glücklich und dachte oft an Dich. Lebe ich, bis Du nach Hause kommst, so wollen wir diese Tour zusammen machen. „Lebe wohl! Gott segne Dich!“
In diesem Brief lag ein kleines Blättchen von meinem Vater in deutscher Sprache, in der er seit vielen Jahren nicht geschrieben hatte. Es heißt darin:
„Es freuet mich, daß es Dir so wohl geht, und daß Deutschlands Apoll Dich so liebreich aufgenommen hat. Nun bist Du in Deinen männlichen, kraftvollen Jahren; fliege mit Adlersflügeln, Deiner Kraft gemäß, damit Du der Sonne so nahe kommst, wie die Natur der Dinge es erlaubt. Ich sehe aus Christiane's Brief, daß Du jetzt ein ganzer Deutscher geworden bist. Darum habe ich dieses Mal diese Sprache gewählt.“
Paris in Weimar.
Wie wir aber bereits in Weimar Paris trafen, das wird der Leser in dem Folgenden erfahren.