Ich las damals noch keine Zeitungen. Es ist unbegreiflich, wie junge Leute, welche die Geschichte lieben, sich so wenig um die politischen Begebenheiten bekümmern können, da diese doch die Geschichte des Tages bilden. Weitläufige diplomatische Tiraden und Reden in Friedenszeiten, mit denen die Zeitungen oft angefüllt sind, schrecken davon ab, bis es zur Gewohnheit wird, sich um solche Dinge nicht zu bekümmern; und geschieht dann eine wichtige That, so weiß der junge Mann im Anfange sich nicht recht zu orientiren. Dies ist das Extrem von Dem, in das viele Aeltere verfallen, die vor lauter Zeitungsstudiren oft nicht Zeit haben, ein vernünftiges Wort zu lesen. Nun wußte ich zwar, daß Preußen und Frankreich Krieg mit einander führten; daß aber Napoleon seine Heere zwischen der Elster und Saale zusammenziehen, und so die vereinigten Armeen von der Elbe abschneiden würde, wußten nicht einmal die deutschen Generale, wie konnte es da ein junger dänischer Poet wissen. Besser wäre es freilich gewesen, nach Wien zu reisen, aber Bröndsted und Koës, die eifrige Zeitungsleser waren, versicherten mir, daß es keine Noth habe. Ich fügte mich also, um mich nicht von den lieben Landsleuten zu trennen, und um Göthe noch ein Mal zu sehen. Als wir nach Weimar kamen, trafen wir ihn im Schauspielhause in seiner Loge. „Nun seid Ihr,“ sagte er, „wo Ihr billig nicht sein solltet; weil Ihr aber hier seid, so seid willkommen!“ Diesen Abend und den nächsten Mittag brachte ich noch in der Annehmlichkeit des Friedens bei ihm zu. Wir fanden es nicht rathsam, weiter zu reisen; wir beschlossen in Weimar zu bleiben, um den Ausfall des Kampfes abzuwarten und sahen ihn denn auch bald in der Nähe.
Die Schlacht bei Jena.
Das preußische Hauptquartier kam nach Weimar; auch der König und die Königin. An jedem Tage sahen wir die Straßen voll hübsch gewachsener preußischer Officiere, die sehr Wichtiges mit einander verhandelten und in Schriften hinein blickten. Es wurde an jedem Abend Theater gespielt. Das Lager war außerhalb Weimar aufgeschlagen; ich durchwanderte es mit Göthe und dachte an Wallensteins Lager in Schiller's Drama. Welch' wunderbare, große bewegliche Stadt voll kleiner Hütten, woselbst die wildesten Krieger doch täglich einige Stunden Frieden halten müssen, während sie essen, trinken und schlafen. Die Marketenderinnen sind ein eigenthümlicher Menschenschlag. Der Krieger bedarf noch der Pflege des Weibes und ein Marketender ist Nichts gegen eine Marketenderin. Ich dachte an die vortrefflich geschilderte in Wallensteins Lager, auch an den leichtfertigen Courage in dem alten Roman von Simplicissimus; und endlich an die cimbrischen Frauen, die sich verzweifelt an die Roßschweife hingen, wenn ihre Männer aus der verlorenen Schlacht flohen.
Nun näherte sich der 14. October 1806. Bereits einige Tage im Voraus hörten wir die Kanonen in weiter Ferne donnern. Jetzt kamen sie näher. Man hatte im Anfange gar keine Idee, wo die Schlacht sein würde. Ich lief vom Gasthofe zum Elephanten, wo ich wohnte, nach Göthe's Haus. Da gab man mir den Trost, daß der Kampf sich von unserer Gegend weggezogen habe; als ich aber nach Hause ging, stand der Satyriker Falk bleich und unbeweglich, wie eine Bildsäule auf der Straße. Er versicherte mir, daß Alles verloren sei! — Kurz vorher hatten wir preußische Reiter auf dem Markt eroberte französische Pferde verhandeln sehen, nun flohen Preußen haufenweise aus der Schlacht mit verhängten Zügeln in gestrecktem Galopp durch die Stadt. „Wo führt der Weg in die Berge?“ riefen sie, indem sie an uns vorübereilten. — „Hier giebt es keine Berge!“ — „Wo giebt es dann einen Weg, wo keine Franzosen sind?“ fragten sie und verschwanden wieder, ohne die Antwort abzuwarten, wie ein Zugwind aus der Stadt.
Es wurde ein junger schlesischer verwundetet Officier in unsern Gasthof gebracht. Eine Kanonenkugel hatte ihm ein Stück Fleisch aus dem Schenkel gerissen und er war ausgeplündert. Bröndsted lieh ihm eine nicht unbedeutende Summe Geldes. Ein Feldscherer, ein närrischer Gesell, der uns in Friedenszeiten amüsirt haben würde, mißfiel uns nun im höchsten Grade. Er lief in bloßen Hemdsärmeln, mit einem großen, dreieckigen Hute umher, und kaum hatte er den armen Menschen verbunden, als er den Verband wieder auflöste, um es besser, oder — schlechter zu machen. Der Verwundete starb ein paar Tage darauf; und es hätte wohl keine Hülfe für ihn gegeben, selbst wenn er in bessere Hände gefallen wäre. Ein Jahr darauf bekam Bröndsted sein Geld von Schlesien geschickt, mit großem Dank von den Eltern, daß er ihren Sohn in der Todesstunde erquickt habe.
Die neutralen Dänen in Weimar.