Während der Schlacht las ich Smollet's Peregrine Pickle, der mich unendlich langweilte; und ich begriff nicht, wie man poetisch so trivial sein könnte, wenn es in der wirklichen Welt so feierlich zugeht. Nun fingen die Franzosen an, mit Kanonen in die Stadt zu schießen. Bei dem ersten Schuß, durch den das Haus zitterte, ging ich unwillkürlich hin, und schloß das offenstehende Fenster. Ich mußte über meine Vorsicht lachen, als ich ihrer bewußt wurde. Ich setzte mich auf die Treppe in den Kellerhals um nicht verwundet zu werden, und als Bröndsted und Koës sahen, daß ich Muth genug hatte, meine Furcht vor den Kanonenkugeln einzugestehen, folgten sie meinem Beispiel.
Wir sahen voraus, daß, wenn die Preußen in die Stadt flüchteten, es hier so gehen würde, wie in Lübeck. Dies war ein entsetzlicher Gedanke. Ich fing auf der Kellertreppe auch an, einen kleinen Krieg gegen meine Landsleute zu führen, und ihnen Vorwürfe zu machen, daß sie die Zeitungen nicht besser gelesen hatten, da sie sich doch damit abgaben, und da sie mich davon abgehalten hatten, auszuführen, wozu der gesunde Verstand mir gerathen. Sie vertheidigten sich, so gut sie konnten; wir fanden es bald rathsam, unter einander Frieden zu schließen und trösteten uns damit, daß unsere dänische Neutralität uns beschützen würde. Die Kanonenschüsse hörten nach und nach auf. Das Geld, von dem wir alle drei den ganzen Winter in Paris leben sollten, hatten wir gerade aus Leipzig in guten Napoleond'ors geholt. Wir theilten die Summe in drei gleiche Theile und banden sie in unsere Halstücher, hinten im Nacken, wo die Franzosen sie leicht gefunden haben würden, wenn wir nicht mehr Glück als Verstand gehabt hätten.
Artige Franzosen.
Plötzlich wurde es in Weimar still, wie in einem Grabe. Alle Läden waren geschlossen, keinen Menschen sah man auf der Straße, und die Octobersonne schien durch den Pulverdampf, der die Lust erfüllte, wie ein bleicher Nachtmond. Nun ritten die Franzosen im Anfange ganz ordentlich haufenweise in die Stadt und quartirten sich in den Häusern ein. Unser Wirth war ganz verdreht im Kopf, umarmte einen kleinen Jungen, der schiefe Beine hatte, und, rief: „Ach mein liebes Kind, wenn sie Dir nur Nichts zu leide thun!“ Ich dachte an den Apotheker in Aladdin. Wir riethen dem Wirth, alle Schränke aufzumachen, und den Husaren, die sich näherten, mit Herzensstärkungen entgegen zu kommen. Acht hübsche, sonnenverbrannte Männer, ganz außer Athem und heiß vom Kampfe, hielten an der Thür „Bourgeois!“ riefen sie von ihren Pferden, „du vin! de l'eau de vie! du Kirswaser!“ Der Wirth kam mit Flaschen heraus: sie setzten sie an den Mund und leerten sie mit langen Zügen. Drauf stiegen sie ab und gingen ins Zimmer; größtentheils Unterofficiere. Wir zeigten ihnen unsere Pässe und beriefen uns auf unsere dänische Neutralität. Sie versicherten uns höflich, daß wir Nichts zu fürchten hätten. Von den Preußen sagten sie: „Ils se battent bien, mais ils ne comprennent pas la guerre.“ Der eine Unterofficier wollte sich eine warme, wollene Nachtjacke kaufen. Wir ließen gleich einen Krämer holen, der Kriegsmann bekam die Jacke und fragte nach dem Preise. Wir zupften den Krämer am Rock; er verstand uns und versicherte, daß er nicht einen Pfennig dafür nehmen würde. „Ah, monsieur! vous êtes très honnete!“ sagte der Franzose, und der Krämer eilte fort, um nicht mehrere Jacken auf diese Art zu verkaufen.
Nun setzten die Franzosen sich zu Tisch, und trotz der außerordentlichen Menge, die in die Stadt eingedrungen war, und alle Häuser füllte, herrschte in den ersten Stunden doch die vollständigste Stille und Ruhe; worüber man sich nicht wundern darf: sie kamen Alle aus der Schlacht und waren müde, hungrig und durstig.
„Aber nachdem die Begierde der Speis' und des Trankes gestillt war“
und als sie sich „im Wechselgespräch mit einander über die gewonnene Schlacht erfreut hatten,“ — da gingen sie auf Abenteuer aus, um Beute zu suchen, und da fing das Unglück an.
Plünderung in Weimar.