Glücklicherweise hatten wir sehr ordentliche Soldaten in unser Haus bekommen, die uns halfen, das Thor gegen die Menge zu vertheidigen, welche eindringen wollte. Ein abscheulicher Marodeur wollte sich gerade zu uns hinschleichen, als unser braver Unterofficier ihn in den Nacken faßte und mit den Worten in den Rinnstein hinauswarf: „Brigand! je t'écraserai la tête!“ Nun versperrten wir das Thor mit Steinen und Balken. Draußen auf dem Platze bivouaquirten Soldaten, die in den Häusern nicht Platz gefunden hatten, zu Hunderten. Ihre Gewehre standen in Piramiden aufgestellt; sie selbst lagen in ihren Mänteln und es brannte Feuer, an dem sie sich erwärmen konnten. Müde von der Spannung und Angst des Tages, warfen Koës und Bröndsted sich auf das Bett und ich mich auf das Sopha. Wir hatten im obersten Stockwerk ein paar kleine Zimmer bekommen; die Franzosen schwelgten unten in der Stube und ließen sich in ihrer Freude nicht durch den jungen schlesischen Officier stören, der neben ihnen auf einer Bank mit dem Tode kämpfte. — Ich war endlich eingeschlummert, als mich ein Laut wieder weckte; es kam mir vor, als ob ich Katzen miauen hörte. Ich schlage die Augen auf, es ist ganz hell in der Stube; ich trete ans Fenster: die Stadt brennt! Ich höre wieder das eigenthümliche Geschrei — es sind heulende Frauen und Kinder!

Einen gräßlicheren Augenblick habe ich nicht erlebt. „Gott!“ rief ich und rang meine Hände, „zu welchem Entsetzen sind wir hier leichtsinnig hergeeilt.“ Magdeburgs Zerstörung stand klar vor meiner Phantasie. — Glücklicherweise wurde das Feuer gleich gedämpft, das einige Schurken angezündet hatten, um dabei besser plündern zu können. Unser Haus blieb verschont. Streng genommen wurde doch die Stadt geplündert; außerdem geschahen keine Verbrechen. Der Vater unsres Wirthes hatte aus seinem Keller eine eiserne Kiste verloren, in der er 600 Thlr. hatte. Mochte es nun sein, weil wir in den Bodenkammern wohnten, oder unsere dänische Neutralität, oder, wie gesagt, das reine Glück, das uns beschützte, genug: wir verloren Nichts von dem in unsere Halstücher eingebundenen Golde. Den Tag nach der Schlacht kamen die Generale Augereau und Berthier in den „Elephanten“; sie nahmen freilich das ganze Haus in Besitz mit Küche und Keller, ließen uns aber doch unsere Bodenkammer. Nun mußten wir uns den ganzen Tag mit einer Brotrinde und einem Glase Wein begnügen, während die französischen Officiere unten prassten und schwelgten. Aber wir hatten den Trost, eine Schildwache als sauve-garde vor dem Hause zu sehen. Sobald Napoleon kam, hörte das Plündern auf; leider aber zu spät. Es war nicht mehr viel zu nehmen. Die Räuberei wurde streng verboten, und wir hörten täglich sieben, acht Mal in Garten die Büchsen knallen, wo die Diebe gleich erschossen wurden. Als der Kaiser kam, soll er der Herzogin, die ihn im Schloßportale empfing, zugerufen haben: „Eh bien! Vous avez voulu la guerre! La voilà!“ Aber bald gewann sie ihn durch ihre Milde und ihren Verstand. General Schmettau wurde ein paar Tage darauf von den Franzosen mit allen militärischen Ehren begraben; es war den tief gebeugten Deutschen, welche zugegen waren, als ob Deutschlands Freiheit und Selbstständigkeit mit dem Gefallenen zugleich begraben würde.

Napoleon in Weimar. — Schmettau's Beerdigung.

Ein junger, halberwachsener Mensch, Boie, von Voß's Bekanntschaft, war lustig und guten Muths und da er etwas Französisch konnte, gebrauchte man ihn als Dolmetscher. Wir gingen eines Tages mit ihm zum Hause hinaus, wo die Schildwache stand. „Qui êtes vous?“ fragte der Soldat stolz. „Je suis un espion!“ antwortete der Jüngling lustig. — „Comment!“ rief der erzürnte Franzose und fällte das Gewehr. Wir baten ihn um Gotteswillen, die „mauvaise plaisanterie“ des jungen Mannes nicht übelzunehmen. Mit Mühe beruhigten wir den Kriegsmann, der den Spion arretiren wollte; endlich glückte es uns doch, ihn zu befreien. Wir verbaten uns solch' dreiste Späße für die Zukunft.


Göthe's Verheirathung.

Göthe machte während der Schlacht mit Fräulein Vulpius Hochzeit. Er hatte wohl lange schon an diesen Schritt gedacht, um seinem Sohne verheirathete Eltern zu geben; aber um dem Komischen zu entgehen, das darin liegt, daß ein älteres Paar mit dem Anfange endigt (le commencement de la fin, wie Talleyrand es nannte, als Napoleon zu fallen begann), hatte er es wohl aufgeschoben, und um, wie Tell bei Schiller, den Apfel vom Haupt des Sohnes abzuschießen, während Geßler stritt, ging er mit einer alten Haushälterin in die Kirche, während die Kanonen mit ihren entsetzlichen Glocken auf Jenas Fluren läuteten, und kehrte mit ihr zurück, ohne daß es die geringste Veränderung in Etwas machte, außer daß sie nun Frau Geheimräthin von Göthe hieß. Wenn man sie sah, konnte man nicht begreifen, wie sie Göthe's Geliebte geworden war. Sie glich weder Lotten, noch Klärchen, noch Gretchen, weder den Leonoren, noch der Iphigenie; wenn sie überhaupt einer der Göthe'schen Gestalten glich, so glich sie der Braut von Korinth, aber in entgegengesetzter Bedeutung, denn nicht der Geist sondern der Körper spukte. Für Poesie hatte sie durchaus keinen Sinn, und Göthe sagte einmal selbst im Scherz: „Es ist doch wunderlich, die Kleine kann gar kein Gedicht verstehen.“ In ihrer Jugend war sie frisch gewesen, voll und rothwangig war sie noch, aber ganz aus der niederländischen Schule; obgleich, wie gesagt, durchaus kein Klärchen. Sie war eine Schwester des berühmten Verfassers des Rinaldo Rinaldini und Rinaldo Rinaldini hatte eine Zeitlang wohl mehr Bewunderer in Deutschland gehabt, als Wilhelm Meister. Die Neuvermählte erwies ihrem Manne stets Ehrerbietung und nannte ihn immer „Herr Geheimrath.“ Das thaten wir andern auch. Als ich ihn im Anfange Excellenz nannte, sagte er gutmüthig: „Lassen Sie es beim Geheimrath bewenden!“ und dieser Titel klingt in Deutschland sehr bürgerlich; Frau Göthe war von einer raschen beweglichen Natur und hielt nicht viel von dem stillen Leben, das ihr Mann führte. „Der Herr Geheimerath und ich“ — soll sie einmal gesagt haben — „wir sitzen immer und sehen einander an. Das wird am Ende langweilig.“ Das Schauspielerpersonal huldigte ihr übrigens mit vieler Aufmerksamkeit und setzte so Eins oder das Andere durch. Göthe war nämlich Chef des Theaters und das merkte man. Obgleich der Herzog nicht die Mittel hatte, große Talente zu belohnen, so wußte Göthe doch meisterhaft zu benutzen, was er hatte. Man sah nichts Schlechtes, nichts Geschmackloses; die Affectation, die in Deutschland so oft verletzt, war hier verbannt; die Provinzialdialecte verschmolzen zu einer gebildeten Sprache. Schiller's Wallenstein's Lager und Wallenstein's Tod wurden edel aufgeführt, und selbst das Lied von der Glocke, das Göthe wunderlicherweise auf die Bühne brachte, wurde so natürlich, als es möglich ist, gegeben, wenn man die subjectiven lyrischen Ergüsse eines Dichters als dramatische Scene verschiedenen Menschen in den Mund legt. Als ein Beweis dafür, daß die Achtung, in der Göthe stand, selbst stark genug war, um den Uebermuth der jenensischen Studenten zu zügeln, mag Folgendes dienen: Kurz vorher waren sie en masse im Schauspielhause in Weimar gewesen und hatten tüchtig gelärmt. Göthe erhob sich in seiner Loge und rief ihnen laut zu: „Still! still! bedenkt, wo Ihr seid!“ und es wurde still; nicht weil der Minister sie daran erinnerte, daß sie in einem fürstlichen Theater seien, sondern weil der große Dichter sie daran erinnerte, daß sie sich im Tempel der Musen befänden. Man spielte Schiller's Räuber. Wenn auf andern Theatern das Lied: „Ein freies Leben führen wir,“ gesungen wurde, pflegten die Studenten im Parterre oft mitzusingen. Nun aber sandten sie zuerst sehr ehrerbietig eine Deputation an Göthe in seine Loge, und baten um die Erlaubniß dazu, die sie auch erhielten. Aber Göthe mußte immer lachen, wenn er sich später dieses Liedes erinnerte; denn imponirt durch seine erste Ermahnung, hatten sie die Courage ganz verloren und sangen „Ein freies Leben führen wir“ so langsam und zahm, wie man beim Begräbniß singt: „Wer weiß, wie nahe mir mein Ende.“

Göthe und die Jenenser Studenten.

Ich sah zuweilen Falk bei Göthe. Eines Mittags hielt er uns eine lange Vorlesung und ich wunderte mich über die Geduld, mit der ihn Göthe angehört hatte. „Nun,“ entgegnete Göthe, „wenn ein Mensch so mit einer Tafel auf der Brust zu mir kommt, auf die er Alles geschrieben hat, was in ihm wohnt, so kann ich mich wohl einmal darein finden, zu lesen, was darauf steht.“ — Er war nicht immer so geduldig; es mußte auch Etwas auf der Tafel stehen. Ein junger Baron kam ihm einmal mit erschrecklich großen Lobreden entgegen, aber auch mit sehr eingebildeten Erklärungen über Göthe's Genie, die kein Ende nahmen. Als er fertig war, sagte Göthe: „Sie hören sich gerne selbst reden, Herr Baron!“ und kehrte ihm den Rücken zu. Göthe haßte die Affectation. Er saß einmal bei einer Mittagstafel zwischen zwei Fräulein vom Lande. Das eine war sehr ästhetisch, das andere geradezu und prosaisch. Das ästhetische hatte ihn lange mit ihren närrischen Entzückungen und sublimen Affectationen ermüdet. Als eine Ananas gegessen wurde, rief es: „Ach, ach, Herr Geheimerath! so eine Ananas riecht doch ganz göttlich!“ — „Hm!“ sagte Göthe, „woher wissen Sie denn eigentlich, wie die Götter riechen?“ Drauf wandte er sich an das andere und fragte: „Wie viel Kühe hat Ihr Vater, Fräulein?“