Reise nach Gotha.
Wir speisten noch einmal bei Göthe zu Tische und verließen darauf Weimar, das aus einem Musensitze in ein Lazareth verwandelt war, und wo das hübsche Theater, das so viele Jahre hindurch ein Tempel für Göthe's und Schiller's Meisterstücke gewesen, nun ein Hospital für sterbende Krieger und verwundete Krüppel bildete.
Wir reisten nach Gotha, sobald wir Pferde bekommen konnten. Oft fuhr der Postillon uns über gepflügte Aecker, und wenn wir ihm das vorwarfen, antwortete er: „Ha! 's ist Krieg!“ Wir holten mehrere Colonnen preußischer Kriegsgefangner ein, die nach Frankreich geschafft wurden. Wir zeigten unsere Pässe und man erlaubte uns höflich, weiterzufahren. Nur einmal wollte ein betrunkener Husarenunteroffizier von Darmstadt es nicht erlauben; er ritt uns auf den Leib, schwang seinen Säbel und drohte, uns die Köpfe zu spalten, wenn wir einen Schritt an der Colonne vorüberführen. Andere Unterofficiere kamen hinzu und riefen: „Fahren Sie nur! er ist betrunken, er thut Ihnen Nichts!“ — Aber gerade weil er betrunken war, glaubten wir, daß er vielleicht erst recht Lust bekommen könne, uns Etwas zu thun. Wir fuhren Schritt für Schritt hinterher und so kamen wir endlich nach Gotha. Hier standen wir nun in einem friedlichen Lande, denn der Herzog hatte keinen Theil am Kriege genommen. Wir waren also in vollständiger Sicherheit und nicht mehr der Willkür der Gewalt ausgesetzt. — O, wie wohl that es mir, alte Bücher aus einer Leihbibliothek zu holen, und mich bei dem vertraulichen sichern Theetische mit meinen Freunden nach so vielen überstandenen Mühseligkeiten und Gefahren in den idyllisch ruhigen Zustand meiner Kindheit hinzuzaubern.
Ankunft in Frankfurt.
Nun rollte ich also mit meinen Landsleuten davon; wenn ich zuweilen Heimweh fühlte, so tröstete ich mich damit, ihre lieben nordischen Gesichter anzusehen. Sie waren sehr verschieden und doch wahre Freunde. Koës, (der später in Griechenland starb) war ein geistvoller, lebhafter Jüngling, obwohl bleich und mager; Bröndsted, der später durch sein gelehrtes Werk über Griechenland berühmt wurde, war damals, was er bis zu seinem Tode blieb, baumstark, geschmeidig, untersetzt, voller Jovialität und Vertrauen, freundlich und theilnehmend. Koës war mehr still, verschwiegen und zurückhaltend; man mußte ihn gut kennen, wenn er sich aussprechen sollte. Sein mildes, sinniges Wesen war nicht weniger angenehm.
In Göthe's Geburtsstadt, dem muntern Frankfurt, blieben wir einige Tage. Den guten Rheinwein genossen wir sowohl in ungepreßtem Zustand als Trauben sowie in gepreßtem, als vortrefflichen „Dreiundachtziger“; denn „der Elfter“ konnte von uns noch nicht genossen werden, da er erst fünf Jahre später wuchs.
P. A. Heiberg.
In einer kleinen deutschen Grenzstadt mußten wir einige Stunden auf frische Pferde warten; es war schwierig welche zu bekommen, denn Talleyrand fuhr gerade durch die Stadt. Er sollte nach Berlin, um das nördliche Deutschland in Ordnung zu bringen, da es jetzt wie eine eroberte Provinz behandelt wurde. Ich sehe zum Fenster hinaus und sage verwundert zu Bröndsted: „Entweder betrügen mich meine Augen, oder P. A. Heiberg steht unten auf der Straße.“ So war es. P. A. Heiberg war im Gefolge Talleyrand's. Ich hatte große Lust, einmal mit diesem talentvollen Manne zu sprechen; seine komisch dramatische Laune hatte mich oft amüsirt; als politischen Schriftsteller kannte ich ihn wenig. Ich ging ihm freundlich entgegen; aber er war kalt, und ich merkte gleich, daß wir nicht sympathisirten. Er stand sowohl politisch, wie auch ästhetisch ganz auf der französischen, ich auf der deutschen Seite des Rheins. Zehn Jahre darauf sprach ich doch zuweilen mit ihm in Paris. In der revue encyclopédique hat er mich später oft getadelt. In einer Vorrede zu seinen dänischen Schauspielern sagt er, daß ich seine dramatischen Verdienste geringgeachtet haben solle, was nie der Fall war. Ich habe im Gegentheil oft mit ihm selbst darüber disputirt, daß er ein guter komischer Dichter sei, was er leugnete. Aber das muß er vergessen haben. Besonders hat er es mir übelgenommen, daß ich in einem Gedicht: „Das Gypsbild“ in meiner Langelandsreise (gewiß zu voltairisch übertrieben) Voltaire angetastet hatte. In einer spätern Ausgabe wollte Herr Heiberg durchaus keine Veränderung sehen, obgleich ich die Ausdrücke sehr gemildert hatte.