Erster Eindruck von Paris.
Wir kamen über den schönen Rhein, nach der unschönen Champagne, wo die Natur, wie ich glaube, so viel mit dem lieblichen Wein zu thun hatte, daß ihr nicht Zeit blieb, an andere Vollkommenheiten zu denken. Nach Chalons kam ich noch an meinem Geburtstage, dem vierzehnten November; und als die guten Genossen meine Gesundheit bei einer Flasche Champagner von der besten Sorte getrunken hatten, hielten wir Dänen am nächsten Tage unsern Einzug in Paris, wo die große steinerne porte St. Martin, wie ein freistehender Triumphbogen, uns zu den schönen Boulevards hinwinkte.
Als wir durch die Vorstadt kamen, wunderte ich mich fast darüber, daß diese häßliche armselige Stadt Paris sein sollte; ich glaubte, der Kutscher hätte sich im Wege geirrt und uns in eine verfallene Provinzialstadt geführt. Wie verschieden ist der Eindruck von dem, den viele andere Städte machen, wo schöne Alleen mit herrlichen Lusthäusern und Gärten die Erwartung spannen und sie zuweilen überspannen, wenn man die Schale besser findet, als den Kern. Hier geht es entgegengesetzt: Paris liegt, wie eine Wallnuß in der großen äußern schmutzigen Schale, die die Finger befleckt, wenn man sie angreift; aber kaum kamen wir durch die harte Schale — ich meine die Ehrenpforte, die Ludwig XIV. sich selbst gebaut hat, so fanden wir den Kern angenehm. Es kam mir vor, als wenn ich von allen Seiten den Chor aus meinem Sct.-Hans-Abendspiel hörte:
„Allons, Allons, Courage!
Schöne Raritäten, Scherz und Spiel u. s. w.“
Deutsches Studium in Paris.
Paris ist so oft und so gut beschrieben, daß es eine Thorheit wäre, es von Neuem zu thun. Es giebt Reisende, die aus keinem andern Grunde reisen, als nur um zu beschreiben. Viele, die bequem sind und sich nicht rühren mögen, setzen sich gleich, wenn sie nach einem so merkwürdigen Orte kommen, mit allen Büchern, die sie erwischen können hin und schreiben nun einen Auszug Dessen, was sie gelesen haben; was ungefähr so ist, wie die Ragouts, die man in sparsamen Haushaltungen am Sonnabend von den Ueberresten der ganzen Woche bekommt. Andere — und besonders die Engländer — laufen wie toll mit der Zunge zum Halse heraus, um Alles zu sehen; nicht, um es zu genießen, zu fühlen, sondern um mit beruhigtem Gewissen sagen zu können: „Wir haben es selbst gesehen!“ was doch eine Lüge ist; denn was wie ein Blitz vorübereilt, sieht man nicht mit dem Auge der Seele! — Ich fing es hier auf eine ganz andere Art an. Ich hatte beschlossen, eine geraume Zeit in Paris zu bleiben. Zwei Dinge wollte ich ordentlich lernen: erstens Französisch zu verstehen; denn ich verstand nicht ein Wort, wenn man rasch sprach, und hatte nicht viel mehr gelernt, als was Herr Horslund mir in der Schule für die Nachwelt einprügelte, nämlich: Fenelon's Telemaque, Marmontel's contes moreaux und das schwierigste aller Zeitwörter: s'en aller, fortgehen. Nun war ich fortgegangen und hoffte, daß das Andere Alles von selbst kommen würde. Darauf wollte ich es dahin bringen, gut Deutsch zu schreiben, d. h. — in dieser Sprache auf eine Weise dichten, die sich der der Besten nähern konnte. Dies schien mir viel leichter. Ich hielt es für leichter, Deutsch, wie ein eingeborner deutscher Dichter zu schreiben, als soviel Französisch zu lernen, daß ich mich, sowie viele tausend Fremde, in der gewöhnlichen Conversation mit Leichtigkeit ausdrücken könne. Meine erste und wichtigste Beschäftigung in Paris war also, Deutsch zu dichten. Es gab Deutsche genug dort, mit denen ich täglich umgehen und mich üben konnte. Ich hatte den Aladdin bereits in Weimar und Jena übersetzt; hatte das Manuscript an Frommann in Jena verkauft und hatte es bei Dr. Riemer, Göthe's allersecretestem Secretair (d. h. der nach dem Dictat alle Werke Göthe's schrieb) zurückgelassen. Aber ich erhielt den Aladdin mit einem sehr freundlichen und hübschen Briefe wieder, in dem ungefähr stand: „Als Du uns den Aladdin vom Blatte übersetztest, wußtest Du mit einer gewissen naiven, schelmischen Laune selbst den Sprachfehlern etwas Poetisches, Angenehmes zu geben, das sowohl Göthe, wie mich bestach; nun aber, da die todten Buchstaben vor uns liegen und wir die Worte corrigiren sollen, sehen wir, daß es eine Unmöglichkeit ist. Es wäre Sünde, wenn dieses Werk nicht all' die Vollendung in der Sprache haben sollte, die möglich ist; und die kann ihm Keiner geben, als Du selbst. Du hast nun größere Fertigkeiten erlangt, und mußt Deinen Aladdin von vorn bis hinten ganz umarbeiten.“ Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen. Kaum war ich etwas heimisch in Paris, als ich mit größter Lust und mit Fleiß von vorn wieder anfing; und ein paar Monate darauf hatte ich Aladdin wieder fertig, so wie er bei Brockhaus in Amsterdam erschien. Dr. Koreff half mir freundschaftlich dabei, die Sprachfehler zu corrigiren, und erst nachdem er und andere geschmackvolle Deutsche mich versichert hatten, daß Aladdin im „Genius der Sprache“ gedichtet sei, sandte ich das Manuscript zum Druck fort.
Ich ließ Bröndsted und Koës für alle weltlichen Dinge sorgen, was unsere Haushaltung betraf. Wir waren in das Hôtel de Strassbourg, rue de la loi, wie die rue Richelieu damals hieß, gekommen, aber wir merkten bald daß es zu theuer sei, und zogen deshalb in das Hôtel de Hollande, rue des bons enfans, wo es auch zu viel billigerem Preise sehr gut war und wo wir neben einander wohnten.
Eine Pariserin.
Während wir uns in den ersten Tagen noch im Hôtel de Strassbourg aufhielten, ereignete sich eine komische Begebenheit, die ich als Beweis für meine Unwissenheit im Französischen, so wie für Koës' und Bröndsted's Unerfahrenheit, wenn auch nicht gerade in der Sprache, so doch in der Lebensweise, erzählen will. Wir bekamen ein Billet von einer Dame, welche uns gegenüber in einem Hôtel wohnte, ob wir ihr die Ehre erweisen wollten, sie zu besuchen, sie hätte mit uns über einige Bekannte, die uns nahe ständen, Etwas zu sprechen. Wir glaubten Nachrichten von der Heimath oder aus Deutschland zu erhalten, gingen also gleich hinüber und kamen in hübsche Zimmer, wo eine ältere Dame, die aber noch recht hübsch und außerordentlich elegant gekleidet war, uns mit einer Grazie empfing, die der Pariserin eigen ist, und uns bat, am Kamine Platz zu nehmen, und mit Bröndsted und Koës ein Gespräch begann, da sie gleich bemerkte, daß ich nur als stumme Person mitgekommen sei. Was sie sagte, konnte ich gar nicht verstehen, da sie sehr rasch sprach; nur machte es mir Vergnügen, ihre liebenswürdige Virtuosität im Vortrage zu bewundern. Nachdem sie fertig war, erhoben sich Bröndsted und Koës, — der Letztere mit einem Lächeln, das characteristisch für ihn war, wenn Etwas vorfiel, was ihm nicht gefiel, wo er sich aber aus Höflichkeit doch nicht weiter einlassen wollte. — Sie begleitete uns sehr anmuthig bis zur Thür; ich verbeugte mich mehrere Male ehrerbietig vor ihr auf der Treppe — und erst als wir auf die Straße gekommen waren, sagte mir das Lachen der Andern, was ich gleich hätte begreifen und verstehen sollen, wenn ich nicht so unwissend und unerfahren im Französischen gewesen wäre.