Kaum hatten wir uns häuslich wie gute Kinder im Hôtel des bons enfans eingerichtet, als Jeder sich in seinem Winkel fleißig an die Arbeit setzte; Bröndsted und Koës bereiteten sich auf ihre griechische Reise vor, jener besonders, indem er Villoison's Papiere studirte. Ich schrieb bald Deutsch, bald dichtete ich Dänisch und bald las ich Französisch. Mittags aßen wir größtentheils bei Grignon, und am Abend war ich im Theater; Koës kam auch oft dahin, aber Bröndsted seltener; er liebte es mehr, in den Abendstunden bei einer Pfeife Tabak zu musiciren.

Französische Lehrstunden.

Ich hatte einen sehr guten Lehrer im Französischen, Depping, bekommen, später durch sein Werk über die Normannen, seine interessante Lebensbeschreibung und viele andere Schriften bekannt. In dieser Lebensbeschreibung, in der er meiner übrigens sehr freundschaftlich und schmeichelhaft erwähnt, scherzt er darüber, daß ich nur langsam Fortschritte im Französischen machte; daß wir die Stunden oft mit Gesprächen zubrachten, in denen er mehr von mir, als ich von ihm lernte; daß ich das Französische nicht als eine richtige Sprache gelten lassen wollte &c., und darauf ruft er scherzend aus: „diem et oleum perdidi!“ — Aber auf demselben Blatte erzählte er auch, daß ich Frau Staël's Improvisation der Corinna in deutsche Verse übertrug, daß ich ganze Scenen des Corneille parodirte &c., welches doch nicht hätte geschehen können, wenn ich nicht in seiner Stunde einige Fortschritte im Französischen gemacht hätte.


Umgang mit dem dänischen Minister Dreyer.

Wir besuchten oft unsern Minister Dreyer, einen freundlichen alten Mann, groß, gut gewachsen, gesund und frisch, einen klugen, muntern Kopf mit vieler Menschenkenntniß. Napoleon achtete ihn höher und konnte ihn besser leiden, als viele andere Minister. Er lud uns oft zu Tisch, war nicht kleinlich eitel, und schämte sich durchaus nicht seiner bürgerlichen Herkunft; im Gegentheil amüsirte es ihn, mit uns von seiner Jugend, den damaligen Sitten und davon zu sprechen, auf welche Weise er unter Struensee sein Glück gemacht hatte. In meiner Jugend hatte ich zuweilen mit meinen Eltern einen Kupferschmied, einen Vetter von ihm, besucht, und deshalb, glaube ich, konnte mich der Minister noch besser leiden; er nannte mich: „Unsern dänischen Voltaire.“ Wir waren oft bei ihm. Ein Mal nahm er uns mit zur Stadt hinaus und tractirte uns da. — Es traf sich gerade, daß ich ihn Excellenz nannte, während der Aufwärter zugegen war; „Ei,“ flüsterte er mir munter ins Ohr, „lassen Sie die Excellenz hier aus dem Spiele, sonst müssen wir mehr bezahlen.“

Das erste Mal, wo wir ihn besuchten, fragte er uns sehr gutmüthig: „Weshalb sind sie denn eigentlich nach Paris gekommen? um sich zu amüsiren, nicht wahr?“ Bröndsted und Koës fingen an, die gelehrten Gesichter etwas zu verziehen und schienen Einwendungen machen zu wollen, aber ich ergriff das Wort, ehe sie anfingen, und rief sehr eifrig: „„Ja, Ew. Excellenz! ganz richtig! nur um uns zu amüsiren. Ich wenigstens komme hauptsächlich deshalb.““ Ich hielt es nämlich immer für meine Dichterpflicht, das Vergnügen zu vertheidigen und es zu Ehre und Würde zu bringen, so wie es meine Pflicht war, es durch Kunst zu veredeln. Eine Periode, die in meine Jugendzeit fiel, laborirte an dem Aberglauben des Nutzens. Genie, Kunst, Schönheit, Phantasie, Gefühl wurden verachtet und einem guten, gewöhnlichen, hausbackenen Verstande untergeordnet; tägliches Arbeiten wurde mehr gelohnt, als eine ausgezeichnete That. Sclaventhum war etwas Reelles, Heldenthat etwas Phantastisches. Sonderbar genug, daß ein Krieg oder die Folgen eines Krieges die Veranlassung zu diesem Aberglauben im Norden gaben; denn im Süden konnte Liebe und Achtung vor der Kunst und vor dem Schönen nie so vollständig verdrängt werden, wenn daselbst auch lange keine Genies entstanden. Ich nenne es sonderbar; denn sonst stehen Held und Dichter ja in naher Sympathie. Mars kann nicht den Apoll, Thor nicht den Bragi entbehren; Olaf der Heilige mußte alle seine Skjalden im innern Kreise der Schlacht haben, um zu verewigen, was sonst gleich dem Donner im Fluge der Wolken in ewiges Vergessen sinken würde. — Auch Napoleon achtete die Dichtkunst und sagte: „Wenn Corneille lebte, würde ich ihn zum Herzoge machen.“

Der Aberglaube des Nutzens.

Also: jener prosaische — nicht Krieg, denn der war poetisch und schön — aber die prosaische Folge jenes Krieges war, wenn ich es so nennen darf, die nordamerikanische Denkungsweise, die großen Eingang in Europa fand. Als die guten Bürger sich eine freie Existenz geschafft hatten, mußten sie daran denken, die Wälder zu lichten, die Sümpfe auszutrocknen, ihre Häuser und Schiffe zu bauen, Mühlen und Schleusen anzulegen, kurz sich ökonomisch einzurichten. Ein großes Genie und ein großer Mann in dieser Richtung, der Sokrates der neueren Zeit, Franklin, gab den Ton an, und sein Wort und Beispiel hatten einen segensreichen Einfluß auf den Wohlstand der Nordamerikaner. Es war auch ganz gut, daß andere Nationen sich in vieler Beziehung in dieser Richtung bildeten — aber dadurch erhielt das Zeitalter auch ein ganz ökonomisches Gepräge, das Genie und Kunst verachtete. Andere vorhergehende Kriege hatten bereits den Grund gelegt. Nachdem der dreißigjährige Krieg wie ein Scirocco fast jedes poetische Hälmchen ausgedürrt und verbrannt hatte — so daß das ganze geistige Norddeutschland der lüneburger Haide gleich — vollendete der siebenjährige Krieg das Werk, in welchem Werberei, militärischer Despotismus, die Fuchtel, Spießruthen, das Unterofficierwesen dem Asathor den Helm vollständig abriß, den dreieckigen Filzhut tief in die Augen drückte, und ihm den Haselstock in die Hand gab. Statt daß Held und Dichter früher Bruder und Freund gewesen waren, kämpfte nun Jakob von Thybo lächerlicherweise mit Stygotius; und wir konnten Holberg's satyrischer Geißel danken, daß jene Tollheit früher bei uns als an vielen anderen Orten, namentlich in Deutschland, aufhörte, das immer entsetzlich lange Zeit braucht, um aus seinen alten Falten zu kommen. So wild, toll und grausam die französische Revolution auch wurde, war sie in ihrem Anfange doch edel und poetisch. Nun hatte ein mächtiger Genius die verwirrten Massen zusammengezwungen, Ordnung in die Ausschweifungen gebracht, die Kräfte zu mächtiger Wirkung gesammelt; es konnte doch trotz der ungeheuren jährlichen Menschenopfer, (die zuletzt auch den Opferpriester trafen) Etwas gedeihen und blühen. Diese letzten Kriege, in denen Landesvertheidigung und Eroberungslust gegen einander ankämpften, waren poetische Kriege, und der Sturm vertrieb den Nebel des Sumpfes. Ich war in eine Stadt gekommen, die der Sammelplatz für Alles war, was es Wichtiges und Großes in Europa gab, wo der Alexander oder Caesar der Gegenwart Hof hielt. Karl der Große lebte wieder in Paris. Paris fühlte seine Macht, sein Uebergewicht. Die Vergnügungen, die hier stets geblüht hatten, erhielten einen mehr poetischen Character; — und war es also ein Wunder, wenn der junge Dichter hauptsächlich hingekommen war, um sich zu vergnügen?

Apologie des Vergnügens.