Aber auch zum Arbeiten war ich hingekommen; die eine Kunst bedarf der andern. Wenn der Baumeister mit seinem Palast fertig ist, muß der Bildhauer Statuen in die Halle setzen und der Maler Decken und Wände schmücken. Diese Kunstwerke geben dem Palaste höhern Werth; das edle Gebäude, in dem diese Werke sich befinden, verleiht ihnen wiederum Werth. — Die dramatische Poesie bedarf der Malerei, der Musik, des Tanzes, der Mechanik und besonders der Schauspielkunst! War es nun ein Wunder, daß diese schöne, in Paris stets zur höchsten Vollkommenheit gestiegene Kunst, sich die Bewunderung des jungen dramatischen Dichters zuzog? Wenn ich also dem alten Minister sagte, daß ich hauptsächlich nach Paris gekommen war, um mich zu amüsiren, so meinte ich, daß ich jeden Abend ins Schauspiel gehen wolle, damit meinte ich wieder, daß ich meine Kunst studiren, und mein Vergnügen mit einer ernsten Arbeit vereinigen wollte, ohne welche es kein Vergnügen giebt, da jedes Vergnügen ohne Arbeit bald eine matte, ermüdende Langeweile wird.

Künstlerische Befähigung der Franzosen.

Die Franzosen sind stets viel vortrefflichere Schauspieler als Dichter gewesen. Zu einem großen Dichter gehört eine ruhige, einsam wirkende Kraft. Die geschmeidige Empfänglichkeit, Aufmerksamkeit, Leichtbeweglichkeit, das rasch aufflackernde Feuer, die witzige Munterkeit und Grazie des Franzosen machen ihn sehr geeignet zur Schauspielkunst, die zwar auch selbstständig ist, aber doch nicht so wie die andern Künste; die wohl auch Erfindungsgabe fordert, aber doch mehr um die gegebenen Zeichnungen zu Gemälden auszuführen, als von Anfang an zu zeichnen und selbst zu erfinden. Die schnell aufflammende Begeisterung des Franzosen, die dem Feuerwerke gleicht, das leicht kommt und verschwindet, macht ihn auch wohl zum tragischen Schauspieler geeignet, um in einzelnen Scenen darzustellen, was der Dichter in längerer Zeit ruhig gedacht, gefühlt und ausgeführt hat. — Bereits der Roscius der Römer war ein Gallier, der Garrick der Britten (Garrique) war von französischer Familie, und nun stand Talma — als der große Schauspieler und — als Napoleon's Freund da.

Napoleon und Talma.

„Als Napoleons Freund?“ fragt mancher vornehme Herr und rümpft die Nase. „Sie glauben wohl auch das lächerliche Märchen, daß Napoleon von einem Komödianten lernte, wie er stehen und gehen solle? &c.“ Ich zweifle durchaus nicht daran, und es war in Paris ein allgemeines Gerücht. Napoleon hatte Talma gekannt, als der Unterschied zwischen ihnen nicht groß, als er selbst Artillerielieutenant war. Napoleon hatte als Held Sinn und Liebe für das Tragische. Es war nicht Affectation von ihm, daß er den Ossian liebte. Er liebte auch Talma auf die Weise, wie Napoleon Menschen lieben konnte. Er bewunderte sein Genie, erblickte die Helden der Vergangenheit, denen er glich und zum Theil nachahmte, durch Talma's Kunst; und als die Umstände es mit sich geführt hatten, daß Napoleon repräsentiren sollte, als Aller Augen nicht allein auf seine Handlungen und Befehle, sondern auch auf seine Persönlichkeit gerichtet waren, hat dieser reelle klare Mann gewiß nichts gegen eine bescheidene Anweisung seines alten, bescheidenen Freundes in Betreff einer edlen Körperstellung gehabt. Er brauchte ja nur Talma oft im Theater zu sehen, um Etwas von ihm zu lernen. Aber Talma besuchte ihn außerdem häufig beim Frühstück. Merkwürdig ist es, daß Napoleon, dem es sonst nicht an Muth fehlte, nicht Courage genug hatte, um das schmachvolle dumme Vorurtheil zu vernichten, das auf den Schauspielern lastete. Das beweist neben vielem Andern, daß er, was die Kunst betrifft, nur in ihre Vorhallen eingetreten war; — und wie konnte auch eine so egoistische, herrschsüchtige Natur wahres Gefühl für das Schöne, für das tugendhaft Große haben? Aber einen bedeutenden Theil das ästhetisch Großen faßte Napoleon, soweit es sich mit seinem Wesen verband; so erfaßte er auch Talma. — Es wäre diesem gewiß eine leichte Sache gewesen, auf eine glänzendere Weise sein Glück zu machen, wenn er das Theater verlassen hätte. Aber Talma liebte seine Kunst mehr, als eitle Ehre; deßhalb blieb er Komödiant, während viele Andere Herzöge und Grafen wurden. Ja selbst in seiner Todesstunde verleugnete er seinen Stand nicht, sondern ließ den Erzbischof drei Mal vergebens zu ihm schicken, als dieser ihn auf dem Krankenbette bekehren wollte, um ihm ein ehrenvolles Begräbniß gestatten zu können, welches das Volk ihm bestimmt hatte, und das, wie der Bischof wohl fühlte, Talma verdiente. Aber selbst in der Todesstunde erkannte der Künstler das Lächerliche und Schmähliche, die schöne Wirksamkeit seines ganzen Lebens reuemüthig für eine Sünde und Verirrung zu erklären, nur damit man — ohne gegen die religiöse Etiquette zu verstoßen — ihn dafür ehren könne. Talma lebte und starb als Komödiant; aber sein Name wird stets in der Geschichte Napoleon's mit unsterblicher Ehre dastehen, wenn viele Herzöge und Grafen vergessen sein werden.


Ueber das Wesen der Tragödie.

Meine meiste Zeit in Paris war also dazwischen getheilt, Schauspiele zu sehen, und selbst welche zu schreiben. Ich vermuthe, daß meine Leser, denen die Entwickelung meines innern Lebens eben so großer Aufmerksamkeit werth sein muß, wie die Erzählung meiner Erlebnisse, hier gern die Grundsätze und Ansichten hören werden, nach denen ich dichtete.

Ich hatte mit großer Aufmerksamkeit mehre Male des Aristoteles Fragmente über die Poetik und den Sophokles gelesen. Ich fand, daß der Erstere mit klarem Verstande das Wesen und den Character der Tragödie seiner Nation erfaßt; daß er ihre Begriffe in deutlichen Bedingungen hingestellt habe. Nicht das Geringste von Einbildung, von Machtsprüchen fand ich beim Aristoteles. Er meint nicht: „So habe ich ausspeculirt, daß man es machen muß, um ein tragischer Dichter zu werden;“ er meint: „So haben große Tragiker gedichtet, dadurch haben sie gewirkt; das muß wohl also die Natur der Kunst sein,“ die er dann geistreich beobachtet und deutlich mittheilt.

Seine wichtigsten Ansichten sind: daß die Tragödie hauptsächlich durch Handlungen und Charactere wirken müsse. Doch hält er die Handlung für das Wesentlichste, weil eine Tragödie selbst ohne Characterzeichnung durch die einfache Fabel wirken kann, aber nicht entgegengesetzt. Gerade das, wodurch eine solche Dichtung die Herzen gewinnt, liegt in der Fabel. Die Fabel, sagt er, gleicht der Zeichnung, der Character dem Colorit in einem Gemälde; selbst die einfache Kreidezeichnung kann schön sein, nicht aber die Farbe ohne Umriß. Aber nach der Fabel sind die Charactere das Wichtigste und Aristoteles tadelt einige neuere Dichter, weil sie characterlose Tragödien geschrieben haben. Die Handlung, meint er weiter, muß ganz und vollständig sein, muß eine gewisse Größe besitzen; denn es giebt auch ein Ganzes ohne Größe. Ein Ganzes muß Anfang, Mitte und Ende haben. Der Anfang ist Das, was nicht nothwendig auf etwas Vorhergehendes folgt, sondern auf das nothwendig Etwas folgen muß; die Mitte folgt auf Etwas und hat Etwas zur Folge; der Schluß folgt auf Etwas ohne Folge.