Hier ist das Feld für die Composition liberal und frei geöffnet, indem der Denker doch zugleich zeigt, daß man sich nicht der Willkür überlassen darf, sondern daß eine natürliche Selbstständigkeit des Stoffes, ein Zusammenhang und die Steigerung des Interesses nöthig sei.

Nachdem er bemerkt hat, daß die Größe auch nicht zu groß, unüberschaulich sein dürfe, macht er darauf aufmerksam, daß es nicht so sehr des Dichters Aufgabe sei, solche Begebenheiten darzustellen, die geschehen sind, als solche, die, der Wahrscheinlichkeit und Nothwendigkeit nach, geschehen sein könnten oder möglich wären; daß nicht bloße Metrik den Dichter ausmache und ihn vom Geschichtsschreiber trenne; sondern, daß dieser eine wirklich geschehene Begebenheit erzählt, jener eine mögliche darstellt; und daß deshalb die Poesie mehr ein Werk des Genies und des Studiums, als die Geschichte sei.

Von allen Fabeln erklärt Aristoteles die episodische für die schlechteste. Aber hier ist er oft mißverstanden und seine Autorität gemißbraucht worden; denn er fügt ausdrücklich hinzu: „Wenn die Episoden weder der Wahrscheinlichkeit, noch der Nothwendigkeit nach mit einander verbunden sind.“ Seine Ansicht ist also nicht, daß in einer guten Tragödie gar keine Episoden sein dürften; einige der besten griechischen Stücke (z. B. Antigone und Ajax) endigen sogar großartig und feierlich mit Episoden. Und der Glaube, daß eine Tragödie nothwendig mit dem Culminationspunkte der Handlung endigen müsse, ist ganz schief und falsch. Eine Tragödie ist kein Epigramm, das mit einer Pointe abknallen muß; oft ist die Folge einer Handlung höchst rührend, interessant, erhebend, belehrend, ja sogar das Poetischeste. Das Wesen der Tragödie ist nicht allein, zu spannen, zu überraschen; sondern den Geist durch eine vollständig schöne Darstellung des menschlich Großen zu befriedigen.

Die Tragödie — sagt Aristoteles sehr richtig — wirke besonders, wenn die Handlung uns durch Schrecken oder Mitleid rührt. — Er hat gewiß Recht darin, daß diese Gefühle die Springfedern und Triebräder des Ganzen sind; sie sind nichts Anderes, als starke Wirkungen des Interesses für die Menschen, die auf uns selbst als ihres Gleichen zurückwirken: Schreck oder Furcht für ihr Schicksal, bevor es sie getroffen; und Mitleiden, wenn sie unterliegen. Denn der Stoff der Tragödie ist Kampf mit dem Unglücke, ein kräftiger Kampf; und der eigentliche Trost besteht darin, daß das Ewige siegt, wenn auch das Irdische zu Grunde geht. Deshalb ist auch die Grundlage für die wahre Tragödie eine höhere, gesunde Heiterkeit. Melancholie und Hypochondrie haben, wie alles Krankhafte, durchaus Nichts mit der Kunst zu thun, und der, welcher sich durch eine gute Tragödie niedergeschlagen fühlt, ist gar nicht im Stande, sie oder ihre Schönheiten zu fassen; denn gerade im Gegentheile, sie stärkt den Geist und erhebt die Seele. Deshalb wird sie auch besonders von der Jugend geliebt. Je mehr sich dagegen der Aeltere selbst dem Grabe nähert, destoweniger Lust und Muth hat er, sich mit der Bildung des Todes zu beschäftigen, ihm in die Augen zu schauen; er bedarf der Zerstreuung und will von dem Komischen aufgeheitert werden. Doch kommt auch hier die erweiterte Menschenkenntniß, der ruhigere Sinn für die feinen Mischungen des Characteristischen in allen Verhältnissen des Lebens, die dem reifern Alter folgen, mit ins Spiel; während sich die Jugend im Allgemeinen nur an dem Leidenschaftlichen erfreut. — Aristoteles sagt vom tragischen Helden, daß er nicht ganz unschuldig sein dürfe — denn dann zürnen wir über sein grausames, ungerechtes Schicksal — er dürfe auch kein vollständiger Bösewicht sein — denn dann haben wir kein Mitleiden mit ihm; — sondern ein Mensch von vermischten Eigenschaften, der sich durch Fehler sein Schicksal zugezogen hat, ohne es ganz zu verdienen. Dies ist recht geistreich; nur müssen wir die Bemerkung machen, daß wir es jetzt, als Christen, ertragen können, auch das Unglück eines ganz Unschuldigen zu sehen, da wir nicht mehr an einem ewigen seligen Leben, an einer strafenden und belohnenden Gerechtigkeit jenseits des Grabes zweifeln. Und selbst bei dem Griechen Sophokles ist z. B. Antigone ganz unschuldig und weicht keiner Christin an Seelenadel.

Aristoteles sagt von der Katastrophe, daß sie sich nach Nothwendigkeit oder Wahrscheinlichkeit aus der Composition entwickeln, daß die Tragödie eine Verwickelung und eine Auflösung haben müsse. Nur solche Handlungen geben einen Stoff für Tragödien, wo Feindlichkeiten und Verbrechen aus vorhergegangenen freundlichen Verhältnissen entspringen, denn daß der erklärte Feind seinen Feind verfolgt, hat nichts Merkwürdiges oder Rührendes. Die Charactere, sagt er weiter, müssen edel geschildert sein, deshalb muß man es machen, wie die guten Maler, die trotzdem sie nach der Aehnlichkeit des Originales streben, doch unbeschadet dieser Aehnlichkeit das Bild veredeln. So soll auch der Dichter, wenn er wilde, aufgebrachte Menschen schildert, sich mehr dem moralischen Muster, als der Rohheit nähern. Er muß sich so viel, als möglich die Handlung vergegenwärtigen, um das Eigenthümliche zu wählen, das Unnütze zu verwerfen; er muß sich selbst in die Handlung versetzen; denn der natürlichen Sympathie zufolge rührt der am meisten, der die Leidenschaft selbst zuerst empfindet.

Dies drückt Horaz hübsch in seiner ars poëtica so aus:

„Non satis est, pulchra esse poemata; dulcia sunto
et quocumque volent, animum auditoris agunto.“
— — „Si vis me flere, dolendum est
primum ipsi tibi.“

Und Claudius in seinem Epigramm über Voltaire und Shakespeare, drückt es eben so hübsch auf seine launige Weise aus, wenn er sagt:

„Der Meister Arouet schreibt: er weine, —
Und Shakespeare weint!“

Ich lernte bald, die Worte des Aristoteles, daß das tragische Unglück sich aus Fehlern entwickeln müsse, denen Personen von hohem Range und blühendem Glücke unterworfen seien, nicht buchstäblich zu nehmen, sondern sie nur mit Beschränkung zu verstehen, wie Lessing, wenn er in seiner Hamburger Dramaturgie bemerkt: