„Die Namen der Fürsten und Helden können einem Stücke Pomp und Majestät geben; aber zur Rührung tragen sie nichts bei. Das Unglück Derjenigen, deren Umstände den unsrigen am nächsten kommen, muß natürlicherweise am tiefsten in unsere Seele dringen; und wenn wir mit Königen Mitleid haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit Königen. Macht ihr Stand schon öfters ihre Unfälle wichtiger, so macht er sie darum nicht interessanter. Immerhin mögen ganze Völker darein verwickelt werden; unsere Sympathie erfordert einen einzelnen Gegenstand, und ein Staat ist ein viel zu abstracter Begriff für unsere Empfindungen.“

In gleichem Tone spricht A. W. Schlegel in seinem später (1809) erschienenen Buche über dramatische Kunst und Literatur so:

„Die griechischen Tragiker schildern uns die Zerrüttung der Königshäuser wahrlich nicht in ihrem Bezuge auf den Zustand der Völker; sie zeigen uns im Könige den Menschen, und weit entfernt, zwischen uns und ihren Helden den Purpurmantel als eine Scheidewand vorzubreiten, lassen sie uns durch dessen eiteln Glanz hindurch in einen von Leidenschaften zerrissenen Busen schauen.“

Das Obenangeführte ist ungefähr der Hauptinhalt der Aristotelischen Abhandlung über die Tragödie. Ich bemühte mich stets, mir diesen Katechismus des gesunden Menschenverstandes gut ins Gedächtniß einzuprägen; denn so geradezu er auch ist, enthält er doch die wichtigsten Ideen über die Natur des tragischen Gedichtes.

Vergleiche mit andern Dichtern.

Wenn ich nun diese Grundsätze mit andern verband, welche ich bei Lessing, Herder, Schiller, Göthe, den beiden Schlegel's, Jean Paul, Hugh Blair, Home &c. fand, so bildete sich nach und nach eine sichere, klare Theorie in meinem Kopfe, die ich später durch eigene Gedanken und Erfahrungen zu bereichern strebte.

Mit den großen Dichtern wurde ich immer vertrauter, bewunderte ihre Schönheiten, bildete mich aber nicht sclavisch nach ihren Eigenheiten. Ich wußte: Jeder Mensch, selbst der größere, hat seine Fehler und Mängel, die der geringere Nachfolger leicht entdecken kann aber nicht nachahmen darf. Für das Mangelhafte in seinen Werken wird die sparsame Natur schon selbst sorgen. Sophokles entzückte mich durch seine einfache Größe, durch seine Plastik; aber ich fand, daß die Weitläufigkeit der Redner und die zu künstliche Einmischung der Chöre seinem Zeitalter angehörten und nicht nachgeahmt werden dürften. Bei Shakespeare fand ich die tiefe Kenntniß des menschlichen Herzens, die vielfältigen, kräftigen Characterschilderungen, den poetischen Ausdruck der Leidenschaft und des Gefühls, die Weltkenntniß, das blühende Colorit des Schmerzes und der Freude, die naive Natürlichkeit — göttlich und unvergleichlich. Aber ich fand, daß er in der Composition seiner meisten Stücke nicht als Muster dienen könne, wenn auch die Franzosen in unzähligen Vorwürfen Unrecht hatten, weil sie stets das Conventionelle für das Natürliche ansahen. Selbst bei Shakespeare, wie bei jedem andern Dichter, findet man etwas Conventionelles, das der Zeit angehört und damals Mode war: in den Wortspielen, den Plumpheiten, der allzukunstlosen, häufigen Einmischung weitläuftiger Episoden. Seine Eigenthümlichkeiten als Mensch und Engländer waren mir lieb; aber es konnte mir nicht einfallen, seinen Humor nachzuahmen, der sich so gern witzig dem Wahnwitzigen nähert und tragisch damit spielt. — Ich fand, daß Schlegel und Gries sich verdient um die Literatur gemacht hatten, indem sie einen Theil von Calderon übersetzten. Mitten in einer Menge ungeheurer Blumengebüsche, deren Luxus mir nicht gefiel, und deren Duft mich fast betäubte, standen Calderon's höchst poetische Figuren in schönen, richtigen Situationen da. Ein Theil Leser und Nachahmer vergaßen diese schönen Menschenbilder über den Blumengebüschen. Eine Menge Galanteriebuden wurden aufgerichtet, wo man die natürlichen spanischen Rosen aus deutschem Nesseltuche nachmachte. Als ich den standhaften Prinzen las, schätzte ich auch den Menschen, den Denker Calderon recht; und obgleich ich nicht dieselbe Liberalität und Geistesfreiheit bei dem katholischen Adelsmanne, wie bei dem Protestanten und Bürger Shakespeare fand, so sah ich doch ein, daß sein schönes Genie, sein gesunder Menschenverstand ihm all' die Billigkeit geschenkt hatten, die man von einem beliebten Dichter aus der Zeit der Auto da fé's erwarten konnte. — Ich wagte es später auch mit Sparsamkeit einige von Calderon's schönen Versformen in meinen Stücken anzuwenden.

Ueber Göthe habe ich bereits meine Ansicht ausgesprochen. Seine milde Ironie, seine echt poetischen frischen Darstellungen konnten nicht besser sein; nur ist in seinen ersten Werken zu viel, in seinen spätern zu wenig Stoff für die Bühne; auch fehlt es seinen Dramen im Ganzen an der Leidenschaft und Kühnheit, die dazu gehören, wenn man große Wirkungen hervorbringen will. Diese besitzt Schiller im hohen Grade. Kein Dichter war mehr als er, Herr des hohen Gefühles, der edlen Begeisterung; aber man muß sich davor hüten, in Schiller's allzulange, rhetorisch-philosophische Reflexionen zu verfallen.

Ich fühlte: in jeder Poesie setzt stets ein edles Herz dem Genie die Krone auf. Kalter Verstand und ein kühnes Phantasiespiel mit den Gaukelbildern des Lebens genügt nicht; das Genie kann sich auch mit Hochmuth, Härte, Ausschweifung, Spott, selbst mit Grausamkeit verbinden. Aber dieser Lucifer ist ein gefallener Engel. Er imponirt. Viele gute Köpfe und verderbte Herzen ziehen ihn vor, finden in dem kräftigen geistvollen Trotz einen Versteck für ihre Sünden, und nennen die weniger pikante Besonnenheit und Herzlichkeit vielleicht gar widerlich und matt. So schilt ein verderbter Saufbruder die idyllische Milch und das gesunde Brot weichlich, obgleich es Riesen nährt, und der Spiritus ihm selbst zuletzt das Delirium tremens verschafft.

Das Aesthetische und das Ethische.