Wie viel Humanität athmet nicht in dem Pathos des Aeschylos? Wie rührend ist Sophokles! Sein unglücklicher Oedipus, der endlich in Kolonos Ruhe findet; die hohe Antigone, die aus schwesterlicher Liebe in den Tod geht; Elektra, die rächende Schwester, die, wenngleich Weib, doch einen Hamlet beschämt; Philoktet auf seiner Insel mit seinem Bogen; der starke Ajax, ein guter Sohn, Vater, Bruder, Mann, von der Rachbegier aber zur Raserei und aus gekränkter Ehre zum Selbstmord getrieben. — Und nun Du Shakespeare! Dein Lear, durch die Undankbarkeit der Kinder zum Wahnsinn gebracht; dein ehrlicher, tapferer Othello, der aus unglücklicher Eifersucht sein Weib und sein Glück mordet. Dein sentimentaler Hamlet, der, wie Jean Paul so schön sagt, ein Vater für alle Werther ist; Dein Romeo und Deine Julie, voll von süßer unglücklicher Liebesschwärmerei; Dein Macbeth, den Sünde und Gewissensqual in den Abgrund stürzen! — Bei Schiller haben diese Gefühle stets das Uebergewicht, und selbst bei Göthe ist dies oft der Fall; denn wo er gewisse Schwächen und Verstöße gegen die Sitten vertheidigt, denken wir immer an Magdalena, die von den Pharisäern und Sadducäern vor Christus hingeführt wird, der da sagte: „Wer unter Euch rein ist, der werfe den ersten Stein auf sie!“
So überzeugte ich mich also, daß das Aesthetische nicht des Ethischen entbehren könne, weil das Product des vernünftigen Willens Tugend und Sitte ist. Alle menschlichen Handlungen gehen darauf aus, entweder die Ordnung in dem gesellschaftlichen Leben zu befördern oder zu zerstören: da nun das Drama die ideelle Darstellung menschlicher Handlungen ist, so bilden die moralischen Verhältnisse einen großen Theil des Ganzen. Der Dichter muß für die geistige Ordnung begeistert sein. Er darf nicht indifferent mit einer parteilos matten Ironie spielen; er darf die Bilder nicht nur heraufbeschwören, um sie wieder verschwinden zu lassen; er darf nicht allein erschüttern und spannen; denn in der bloßen Lust an dem Entsetzen Erregenden ohne ein edles Gefühl liegt der Keim zu aller Grausamkeit.
Diese Theorie war nun keineswegs das poetische Glaubensbekenntniß jener Zeit, wie es das der Gegenwart ist. Es wurde wieder der Spitzfindigkeit gehuldigt. Große Verbrechen verwechselte man mit großen Verbrechern und achtete sie mehr als eine einfältige Tugend. Die Wollust wurde sogar metaphysisch vertheidigt; und die mechanische Fertigkeit und Zierlichkeit der Versmacherei drohte das natürliche freie Gefühl vom Parnaß wegzutreiben.
Ich sah wohl ein, daß ich, wenn ich nicht in den herrschenden Ton einstimmte, viele Gegner, Tadler und endlich Verächter finden würde; aber die Lust zu gefallen konnte meine Liebe für das Gute und Wahre, oder meine Ueberzeugung nicht umstoßen.
Welche Heldenzeit konnte ich nun besser wählen, als die meines eignen Vaterlandes, die eigentlich noch nicht dichterisch dargestellt war und doch so viel herrlichen Stoff für die Dichtung darbot? Auch für Fremde mußte dies Interesse haben. Jede poetische Darstellung eines Volkes erfreut das andere. Wir machen ja gern Reisen, um andere Nationen kennen zu lernen; wir freuen uns über die Dampfschiffe, die so schnell Nationen mit Nationen verbinden. Aber eine noch raschere Beförderung, die weniger Zeit und weniger Geld kostet, ist das Dichterschiff. Walter Scott hat auf eine höchst angenehme Weise das gebildete Europa mit seinen wilden Landsleuten, einem von Bergen eingeschlossenen Volke, die nie ihr Land verlassen, bekannt gemacht. Aber weit mehr, als die Schotten verdienen die alten Skandinaven bekannt zu werden, die einst das ganze Europa überschwemmten, und von denen die großen südlichen Nationen zum Theil ihre Geschichte und ihre Heimath haben. Zwar ist die Aufgabe der Tragödie sehr verschieden von der des Romans; es ist mir nie eingefallen genau gezeichnete Portraits unserer Vorfahren zu geben; nur die großen Thaten, die großen Characterzüge habe ich mit dem allgemein Menschlichen verbunden.
Ich habe bereits davon gesprochen, daß Schiller in der Braut von Messina den griechischen Chor wieder zu benutzen versuchte. Man fand, daß er ungeachtet unzähliger Schönheiten zwei widerstrebende Elemente vereinigt habe: Griechische Demokratie und das Feudalwesen des Mittelalters. In Baldur dem Guten gebrauchte ich alle griechischen Formen, und es schien, als ob der antike Rhythmus sich recht natürlich mit den alten nordischen Mythen und Heldensagen vereinige. Dieses Stück dichtete ich auf meiner Reise in Weimar und Dresden.
Ueber meine eigenen Tragödien.
In Paris verschaffte mir Bröndsted Suhm's Geschichte von Dänemark aus der großen Bibliothek. Nachdem ich im vorigen Jahre eine norwegische Tragödie geschrieben hatte, Hakon Jarl, wollte ich nun eine dänische schreiben. In Palnatoke fand ich einen guten Stoff, und ich wählte ihn um so lieber, da er sich einem Zeitalter anschloß, das ich in Halle ziemlich gründlich studirt hatte. Damals war man in hohem Grade für das Nationale, das Heroische, das Ernste in meinem Vaterlande empfänglich. Wenn es gestattet ist das Geringe mit dem Hohen zu vergleichen so hatte die Schlacht auf der Rhede am 2. April 1801 die Dänen für die Poesie begeistert — ebenso wie die Schlacht bei Salamis und Marathon die Griechen, und die Vernichtung der spanischen Armada die Britten unter der Königin Elisabeth. Es gehört eine vorhergehende Kraftanstrengung dazu, das Spießbürgerliche, das Spitzfindige, das Kleinliche zu verjagen — und eine Nation für das Große, das Schöne zu stimmen. In der glücklichen Ruhe die auf eine solche Unruhe folgt, gedeiht die Poesie am besten. Mein Hakon hatte, obwohl die Hauptrolle von Frydendahl gespielt wurde, großes Glück gemacht. Dieser war als Komiker vortrefflich, aber durchaus kein Tragiker. Ich pflege sonst selten an die Schauspieler zu denken, wenn ich meine Dramen schreibe. Es scheint mir, als ob die Originalität, nach der ein Dichter in seinen Characterzeichnungen streben soll, ganz verschwinden muß, wenn ein Schauspieler als Modell dasteht. Von der eigenen Subjectivität des Dichters kann er, soll er sich nie ganz losreißen. Die subjective Anschauung und die Begeisterung des Dichters ist der Stoff für das Ideale in seinen Werken, sowie das Object ihm das Characteristische und die Handlung giebt. Aber dieses Object darf er nicht in einzelnen stets wiederkehrenden Persönlichkeiten suchen. Wenn er nur für den Augenblick wirken will, so gewinnt er, wenn er solche Persönlichkeiten benutzt. Oft wird sonst sein Werk ein todtes Kapital, bis der Mann kommt, der das Kapital gebrauchen kann. So dauerte es einige Jahre, ehe der geniale Ryge als Hakon Jarl auftrat. Aber ich hatte doch an einen andern herrlichen Hakon gedacht, als ich meine Tragödie dichtete. Dies war nämlich der Norweger Rosing, ganz für diese Rolle geschaffen, nun aber — gelähmt, für mich, für die Kunst, für die Welt verloren.
Im Hakon Jarl hatte ich den Streit zwischen dem Heidenthum und dem Christenthum, mit dem Uebergewichte der tugendhaften Kraft auf der Seite des Christenthums geschildert; weshalb jenes trotz seines größern poetischen und politischen Lebens untergehen mußte. In Palnatoke wollte ich einen Gegensatz schildern. Hier ist Pflicht und Tugend auf der Seite des Heiden Palnatoke, im Kampf mit dem falschen Mönchswesen, dem verbrecherischen Mönchskönig. Deshalb siegt das Heidenthum und blüht noch einmal in dem kräftigen Jomsburger Bunde auf.
Obwohl ich Schillers Wilhelm Tell sehr liebte und bewunderte, so befürchtete ich doch nicht, daß die ähnliche Scene in beiden Stücken mit dem Apfel auf dem Haupte des Knaben zu meinem Nachtheil mißverstanden werden würde. Diese Scene ist weder Johann-Ballhornerei noch Nachahmung. Sie zeigt, wie so Vieles, daß oft Dasselbe in der Welt, jedoch höchst verschieden je nach der Denkungsweise und den Characteren der verschiedenen Zeitalter geschehen kann. Was in Schiller's Tragödie rührend, zur Wehmuth stimmend ist, wird in Palnatoke fast wie ein lustiger Auftritt zwischen den an Blut und Tod täglich gewöhnten Heiden behandelt; doch handelt das Vaterherz in beiden Scenen und die Barbarei ist in Palnatoke geadelt. Ohne Edelmuth und Hoheit würde eine solche Verwegenheit — wovon man selbst unter tollen Knaben oft Proben gehabt hat — nur empörende Frechheit ohne Poesie sein. Thorvald habe ich in Palnatoke etwas zu weich und modern behandelt. Hätte ich Thorvald Bidförle's Sage in Paris gehabt, so würde ich diesem Character mehr von dem Colorit seines Zeitalters gegeben haben.