Etwas Komisches traf ein, als ich das Stück dichtete. Ich arbeitete eines Abends spät (gegen die Gewohnheit, denn ich dichte gewöhnlich am Morgen), und da fiel mit die Idee von Harald Blauzahn ein, daß er in den Leichenkleidern eintritt und sagt: „Hier stehe ich in meiner wahren Tracht,“ u. s. w. Dieses Bild stand mir in seinem ersten Ursprunge so lebhaft vor der Seele, daß ich selbst erschrak, zu Bröndsted hineinlief, nicht allein sein wollte, und ihn bat, mir etwas Lustiges auf dem Fortepiano vorzuspielen.

Palnatoke wurde im Vaterlande sehr gelobt und viel gelesen; aber es glückte dem in so vielen andern Rollen vortrefflichen Schwarz nicht, den Palnatoke besser zu spielen, als Frydendahl im Jahre vorher den Hakon spielte. Beide Rollen bekamen einige Jahre später erst ihren meisterhaften Darsteller in Ryge.

Da es in Palnatoke keiner Frauen bedurfte, so ließ ich sie auch nicht darin auftreten. Im nächsten Winter schrieb ich Axel und Walborg, worin die Liebe die Hauptsache ist; eigentlich die Treue der Liebe, sowie ich ein paar Jahre darauf in Hagbart und Signe die Leidenschaft des ersten Ausbruchs der Liebe zu schildern suchte; jene zwischen ein paar jungen Christen, diese zwischen zwei Heiden; aber beide heroisch und mit nordischem Gefühl. Mit der sinnlich glühenden südlichen Liebe in Romeo und Julie wollte ich nicht wetteifern; aber der milde Septembermond über dem nordischen Buchenhaine kann auch seine Wirkung thun, obgleich er sehr verschieden von der italienischen Sommernacht ist.

Ich habe bereits erzählt, daß ich den Aladdin wieder von Neuem übersetzte, weil die erste Uebersetzung zu fehlerhaft war. Kein Wunder! Wenn man bedenkt, daß ich zwei Jahre vorher nicht ein deutsches Wort geschrieben und eigentlich erst ein Jahr vorher begonnen hatte, Deutsch zu dichten. Ich übersetzte auch den Hakon Jarl wieder; darauf übersetzte ich noch den Palnatoke, Jesus in der Natur und noch mehrere andere Stücke, und schrieb einige Gedichte Deutsch, unter denen: der irrende Ritter. Ein polemisch didactisches Idyll ist eigentlich keins, doch habe ich es später gekürzt in meine deutsche Sammlung der poetischen Stellen wegen aufgenommen, deren es nach dem Urtheil von Sachverständigen nicht entbehrt.


Ich habe erzählt, wie sehr ich Talma in der Tragödie bewunderte; obgleich ich der französischen Tragödie nicht Geschmack abgewinnen konnte, weil ich sie zu monoton, character- und stofflos und zu vornehm conventionell fand, zwang er mich doch, viel große Schönheiten darin zu erkennen. Etwas war jedoch bei Talma, das mir nie gefiel. Wenn er nämlich eine Scene vortrefflich gespielt hatte, erhob er zum Schluß bei den großen Ausgangsrepliken die Stimme auf eine affectirte, übertriebene Weise, streckte die Hände in die Luft, zitterte mit ihnen und bekam dann einen furchtbaren Applaus. In einem Gespräch mit einem meiner Bekannten, der Talma auch kannte, sagte ich: „Wenn ich mit Talma spräche, würde ich es ihm rein heraus sagen.“ — „„Das brauchen Sie nicht““ — entgegnete der Andere — „„denn Talma weiß es selbst sehr gut.““ — „Und was sagt er darüber?“ „„Er sagt: das ist ein Fehler; aber ich habe meine Landsleute bereits an so viel Natur gewöhnt; in Etwas muß ich mich nach ihren Gebräuchen und Vorurtheilen richten, sonst verliere ich ihre Hingebung und Begeisterung und ohne die kann ich meine Kunst nicht ausüben.““

Die Kunst und die Mode.

Es ist rührend und hart, wenn ein großer Künstler sich so nach dem Modegeschmack der Menge richten muß. Etwas Aehnliches hörte ich später von Spontini, als er seinen „Ferdinand Cortez“ componirt hatte, und ein guter Freund, der ihn außerordentlich lobte, zugleich die bescheidene Frage that, ob der Componist nicht finde, das etwas viel Lärm in dieser sonst so herrlichen Musik sei? „Ja gewiß,“ soll Spontini geantwortet haben; „aber nicht wahr, sie ist doch hübsch, obgleich sie lärmt? Zu dem Letztern war ich gezwungen, um den Beifall des Publikums zu gewinnen.“

Ich habe selbst einen jungen, ausgezeichneten Virtuosen auf dem Pianoforte gehört, der mir erzählte: „Am Sonntag komme ich mit einigen meiner musikalischen Freunde und Künstler zusammen; dann spielen wir Werke von Mozart, Haydn und anderen alten Meistern zu unserm eigenen Vergnügen; denn in Concerten und Assemblée'n will man jetzt nicht mehr schöne Musik hören, sondern nur sehen, wie die Finger mit Leichtigkeit die größten Schwierigkeiten überwinden.“

Nachdem ich mir etwas Uebung in der französischen Sprache erworben hatte, disputirte ich oft mit einem oder dem andern Pariser über die Unnatur und Monotonie der französischen Tragödie; denn ich lernte es viel früher, mich erträglich in einem wissenschaftlichen Gespräche über die Kunst auszudrücken, als richtig Französisch von all' den vorkommenden Kleinigkeiten des täglichen Lebens zu sprechen. Diese Ansichten waren damals etwas ganz Neues; Frau Staël-Holstein hatte damals noch nicht ihr Buch über die deutsche Literatur herausgegeben. Man sah mich an, wie die Hofleute in Gallatracht auf Franklin blickten, wie er als Gesandter von Nordamerika nach Versailles mit seinen eigenen ungepuderten Haaren und einem runden Hute kam. Indessen that das Gesagte doch zuweilen seine Wirkung, und ich hatte ein Mal die Genugthuung, daß ein Franzose mir sagte: „Mein Herr, Sie reden gut, aber Sie überzeugen mich nicht!“