Die neuen französischen und deutschen Dramatiker.

Später haben Victor Hugo und Alexander Dumas sie nur allzusehr überzeugt. Man stürzt leichter aus der Scylla in die Charybdis, als man sein Schiff durch Sandbänke hinsteuert, ohne auf den Grund zu laufen. Man kann ein Gericht zu wässrig und ungewürzt zubereiten, und man kann auf der andern Seite wieder zu viel Cayennepfeffer und Salz hineinthun. Man verdirbt sich den Magen, wenn man nur süße Limonade und wenn man nur Branntwein trinkt. Das juste-milieu ist hier wieder das Beste; aber der Zeitgeist verachtet diese Mäßigung und gebraucht die Bezeichnung als ein Scheltwort. Jenseits des Rheines kann man übrigens den Franzosen jetzt nichts zu hören geben; im Gegentheil: es ist mehr Poesie in Victor Hugo und Consorten, als in dem ganzen jungen Deutschland mit all' seiner pedantischen verschrobenen Begriffsästhetik.

Die geniale anmuthige Demoiselle Mars haben Andere bereits hinreichend gelobt; ich will nur sagen; ich habe sie in ihrer schönsten Blüthe gesehen. So sah ich auch Eliviou, einen eben so großen Sänger, als Schauspieler voller Feinheit und Gefühl im Theater Feydeau. Nie werde ich den Deserteur von Sédaine und Monsigny vergessen, der mir bereits aus meiner frühesten Kindheit bekannt war, wo mein Vater Stücke daraus auf dem Klavier spielte. Auf dem dänischen Theater, wo sich Alles nach der Mode richtet, war dieses herrliche Stück bereits lange bei Seite gelegt worden; aber in Paris, wo man noch nicht die Thorheit über ein Meisterstück hörte, „daß es blos ein altes Stück sei“, sah ich Eliviou, Gavaudan und Madame Gavaudan dies und mehrere gute, alte französische Singspiele bis zur Vollkommenheit gut und zur größten Zufriedenheit des Publikums darstellen.

Französische Schauspieler. — Eliviou.

Eliviou war ein schöner Mann, groß, schlank und blond. Er hatte eine reiche Partie in Toulon gemacht. Ein Landsmann von mir, der ihn kannte, erzählte folgende amüsante und characteristische Anekdote über ihn: In seiner schönsten Blüthezeit reiste er mit einem andern Schauspieler nach Toulon, um dort Gastrollen zu geben. Als sie die Stadt in der Ferne sahen, sagte Eliviou: „Sieh, da liegt nun die fremde Stadt mit all' ihren jungen schönen Mädchen. Und ich will wetten, daß nicht Eine unter ihnen ist, die ich nicht verliebt in mich mache, wenn ich es will.“ Der Freund wollte eine Wette mit ihm eingehen, daß sich dies doch nicht mit allen thun ließe, und Eliviou verpflichtete sich, die Wette der jungen Dame gegenüber durchzuführen, die sein Freund selbst wählen würde. Am ersten Abend sahen sie ein sehr schönes Mädchen, die Tochter eines reichen Mannes, im Schauspielhause. „„Wenn Du sie gewinnen kannst,““ sagte der Freund, „„so hast Du gewonnen.““ Und Eliviou gewann; denn wenige Wochen darauf war das schöne reiche Mädchen seine Braut. — Und da er nun reich war, drohte er oft damit, das Theater zu verlassen, wenn ihm Eins oder das Andere nicht gefiel. Aber man erzählte, daß Napoleon, der ihn nicht verlieren wollte, ihm wieder drohte und sagte: „Wenn er nicht Sänger beim Theater Feydeau sein wollte, so könne er die Muskete über die Schulter nehmen und nach Spanien gehen.“ Eliviou zog vor, für's Erste zu bleiben, wo er war. Später hat er viele Jahre lang als ein bemittelter Privatmann im südlichen Frankreich gelebt. Im Richard Löwenherz sang er vorzüglich die eine Zeitlang bei den Franzosen so sehr beliebte Arie: „O Richard, o mon roi!“ vortrefflich. Man weiß, daß diese Napoleon's Lieblingslied war, und er trällerte es noch oft nach seinem Falle auf St. Helena.

Berühmte französische Schauspieler.

Auch Chenard, ein guter Schauspieler und Bassist, gefiel mir sehr; besonders in Felix, wo er den Vater spielte und einen mir unvergeßlichen Blick, voll seliger Zufriedenheit, zum Himmel sandte, als er seine Pflicht gethan und ein Geheimniß entdeckt hatte, das vielleicht ihn und seine ganze Familie an den Bettelstab bringen konnte. Dieser Blick wurde dreimal von dem gefühlvollen und feinen Pariser Publikum applaudirt.

Auch von Chenard, einem großen, schönen und starken Manne, der aber älter als Eliviou war, hörte ich eine characteristische Anecdote. In der Revolutionszeit beschuldigte man ihn ein Mal, Aristokrat zu sein. Kaum hörte Chenard dies, als er mit der rothen Mütze auf dem Kopfe in den Jakobinerclub eilte, auf die Tribüne hinaufstürzte und rief: „Mitbürger! Man hat mich beschuldigt, Aristokrat zu sein! Ja, es ist wahr, ich bin Aristokrat!“ Hier schwieg er einen Augenblick, während Aller Augen mit Verwunderung das sichere Schlachtopfer bewachten, das zu sagen gewagt hatte, was weder vor- noch nachher von der Tribüne der Jakobiner ertönte, — aber ehe man sich vor Verwunderung gefaßt hatte, fuhr er in einem dreisten, muntern und launigen Tone fort: „Ich bin Aristokrat! ich bin Demokrat! ich bin König, Papst, Bettler, ich bin dumm, klug, ich bin Alles, was Ihr wollt, — ich bin Comödiant!“ „„Ah, le brave Chenard! ah le franc coquin!““ ertönte es von allen Seiten. Im Triumph wurde er von seinen wärmsten Bewunderern auf den Schultern hinausgetragen, und sein Leben war gerettet.

Der talentvolle Potier, der es verstand, einer gewissen unbeholfenen Narrheit soviel feine Züge abzulocken, wie unser Winslöw; der monotonere, aber bei alle Dem doch originelle Brunet, der Rosenkilde der Franzosen, der die Dummköpfe stets so witzig und naiv spielte, daß man ihrer nicht müde werden konnte, erfreuten mich sehr im théâtre des variétés ebenso Madame Hervay, in dem eigentlichen Vaudeville. Im théâtre français hatte ich das Glück, Dacincourt, Dugazon, Mademoiselle Contat und die beiden Baptiste in den besten Stücken Molière's und anderer guten Dichter zu sehen.