Napoleon's Mangel an Kunstsinn.

Die Werke zweier großen Meister, die ich wiederholt hörte und sah, wirkten vielleicht mehr auf mich ein und ich lernte mehr von ihnen, als von manchem Dichter. Dies waren Mozart und Raphael. Die meisten von Raphael's Bildern hingen in der großen Rumpelkammer, wohin man den Raub aus so verschiedenen Ländern geschleppt hatte. Dieses Zusammenhäufen machte einen widrigen Eindruck auf mich, und obgleich ich stets geneigt war, Napoleon's Größe gegen kleinliche Angriffe zu vertheidigen, so fand ich doch hier wie überall, daß er ungeachtet seines ungeheuren Verstandes ebenso wenig Kunstsinn, wie Sinn für Völkerrecht hatte; ein wirklich humaner Held führt niemals Krieg gegen die Künste und Wissenschaften; es paßt nur für morgenländische Despoten, sich gleich der Krähe mit fremden Federn zu schmücken, um groß zu erscheinen. Die meisten dieser Bilder hingen hier in einem schlechten Licht und hatten die Hälfte ihrer Wirkung dadurch verloren, daß sie von dem ihnen bestimmten, für sie passenden Platze weggenommen waren. Welch ein Unterschied! Solch ein Bild vor dem Altar einer schönen Kirche, — oder hier im Schatten oder Schlaglichte in einem Winkel unter vielem Unbedeutenden zu finden!


Bekanntschaft mit Malthe Bruun.

Ich darf nicht vergessen von meiner Bekanntschaft in Paris mit meinem berühmten Landsmanne „Malte-Brun“ (Malthe Conrad Bruun) zu sprechen. Er hatte während meines Knabenalters eine politische Rolle in meinem Vaterlande gespielt und ich wunderte mich, daß er nicht älter sei; das kam aber daher, weil er selbst nicht vielmehr als ein Junge — etwas über zwanzig Jahr, — war, als er die Rolle spielte. Die ganze Schreckensperiode zu Hause, in der glücklicherweise mehr Tinte, als Blut floß, hatte keinen Einfluß auf mich gehabt, weil ich zu jung war. Als ich zu einiger Selbstständigkeit gelangte, waren in Dreyer's Club nur noch schwache Bewegungen von der französischen Revolution. Ich habe mein ganzes Leben hindurch ein starkes Gefühl für Menschenrechte gehabt. Das hochmüthige Wesen war mir stets verhaßt — (selbst als kleiner Bursche den Pagen gegenüber). Ich kam bald zu der Ueberzeugung, daß der Adel eine Ueberlieferung des Mittelalters sei und eigentlich keine Bedeutung mehr habe. Er schien mir nicht wie eine ehrwürdige Domkirche in einer anmuthig blühenden Landschaft dazustehen, sondern wie ein alter Schrank, der in einem Zimmer mehr Raum wegnimmt, als neue zweckmäßige Möbel. Der König war mir stets heilig; ich fühlte früh schon das Herrliche, Schöne, Wohlthuende in dieser Form, die die Natur selbst, bis auf wenige Ausnahmen, Jahrtausende hindurch überall angenommen und festgestellt hat. Die Mißbräuche berühren die Natur nicht. Ein Dichter, ein Künstler kann nicht anders, als das Königthum lieben. Es ist dies das Recht des Herzens, der kalten, langsamen Spitzfindigkeit gegenüber, die nur der äußern Form huldigend, gar keine Ausnahme macht, selbst wo die Natur sie verlangt; das Königthum ist seiner Natur nach nicht mißgünstig und parteiisch, und muß jedes Verdienst gelten lassen, weil es über ihnen Allen steht. Der Dichter und der Künstler müssen das Königthum lieben; denn die Pracht kann zur Schönheit geadelt werden und bedarf des Schönen, aber das Genie wird leicht durch den kalten, ehrgeizigen Verstand der Menge, die nur den täglichen Hausbedarf achtet, beneidet und unterdrückt. Der Künstler muß wohl die edle billige Freiheit lieben; denn frei muß alles Große und Schöne und Gute sich bewegen; aber er muß die Anbetung der Gleichheit haßen. Das Ausgezeichnete findet sich nur als Ausnahme, und wo Alles gleich gut ist, ist Alles gleich schlecht, und das Triviale herrscht. — In Dreyer's Club brüllte ich in meinen ersten Jünglingsjahren gleich den Andern, wenn die große Bowle uns begeistert hatte: „Wer vorwärts will, der bücke sich!“ und: „Daß Schurken zu Ehre und Würde erhoben &c.,“ ohne mich weiter um die Anwendbarkeit dieser Gedanken auf die Gegenwart zu bekümmern; ich hielt es abstract für satyrische Einfälle über die ganze Menschheit, und so betrachtet, wird es gewiß, wenn auch blindlings hinausgeschossen, immer treffen. In meinen frühern Jahren hatte ich einige gute Einfälle von Malthe Bruun gehört; in seinem Gedicht „die Schlacht bei Tripolis“ hatte ich mehr als gewöhnlichen Dichtergeist gefunden. Ich entsinne mich nicht, wo ich ihn zum ersten Male in Paris sah; vielleicht war es bei Bröndsted. Aufgesucht hätte ich ihn wohl kaum. Der alte Heiberg schreckte mich ab, in dem ich bei einem zufälligen Zusammentreffen in Deutschland einen vollständigen Antipoden fand. Aber Malthe Bruun war ganz anders und so verschieden von P. A. Heiberg, daß sie einander gar nicht leiden konnten. Ich wunderte mich, einen jungen, blonden Mann, mit einem schüchternen Mädchengesicht und einem langen Zopf im Nacken zu sehen. Wir wurden bald gute Freunde, unsere Gespräche waren mehr ästhetisch, als politisch, und Malthe Bruun erkannte die Fortschritte, die die spätere poetische Revolution in Deutschland und Dänemark hervorgerufen hatte. Er las meine Gedichte mit Vergnügen und freute sich über den Gebrauch all' der fremden Versarten, der altnordischen, griechischen und italienischen, die ich angewandt hatte. Unter Anderm entsinne ich mich, daß er sagte: „Ich habe auch einmal Petrarca's Gedicht Vaucluse übersetzt, aber es fiel mir nicht ein, daß es möglich sei, es in derselben italienischen Canzonenform zu übersetzen, obgleich ich eine Ahnung davon hatte.“ Es war mir natürlich lieb, einen so geistvollen Landsmann getroffen zu haben. In vielen Beziehungen machte er den Dänen Ehre. Die Franzosen, die sonst den Fremden nicht gern die Fertigkeit zugestehen, daß sie französisch ebenso gut, wie ihre Muttersprache schreiben, gestanden es doch ihm zu. An dem journal de l'empire, einer der gelesensten und geachtetsten Zeitschriften, die die Meinungen beherrschte, war er ein bedeutender Mitarbeiter. Seine vortreffliche Geographie schrieb er in einem Lande, wo die Geographie bis dahin so vernachlässigt war, daß die Meisten Dänemark nicht von Spitzbergen zu unterscheiden vermochten, und glaubten, daß Hamburg nicht weit von Wien, und mehrere Meilen von Altona läge. — Vereinigt man nun dies Alles mit einem angenehmen bescheidenen Wesen — etwas wie gesagt Mädchenhaftem — das dem ausgezeichneten Schriftsteller gut stand — so mußte dies Alles für Malthe Bruun einnehmen. Unglücklicherweise fehlte ihm durchaus ein fester Character und es war nicht die Wahrheit und die Gerechtigkeit, die ihn begeisterte. Es ging ihm, wie es so vielen politischen Schriftstellern mit Kopf und Kenntnissen geht, — sie wollen eine Rolle spielen und halten es mit der Partie, welche oben ist, oder durch die sie glauben, sich einen Weg zur Berühmtheit, zum Einfluß oder einen Vortheil verschaffen zu können.

Ich disputirte eifrig mit Malthe Bruun über Napoleon, dessen Handlungen er alle unbedingt in die Wolken erhob. „Napoleon,“ sagte ich einmal in der Hitze des Streites, „Napoleon verirrt sich, weil er auf dem einen Ohre taub ist.“ „„Was will das heißen?““ fragte Malthe Bruun. „Das will heißen: er kann nicht Deutsch; er versteht die Völker auf der andern Seite des Rheines nicht. Er will die Welt reformiren, und hat nicht das letzte Kapitel in der Geschichte der Menschenbildung gelesen. Er schilt alle geistig wirkenden Deutschen Ideologen und Schwärmer. Diese Unwissenheit und Verachtung wird ihm vielleicht zu größern Schaden gereichen als er glaubt.“

Wenn ich nun mit aufgebrachten Deutschen in Gesellschaft war, die Napoleon auf eine höhnische Weise herunterrissen, so wendete sich mein Eifer gegen sie in einer entgegengesetzten Richtung. „Ihr entehrt Euch selbst, wenn Ihr einen Mann klein zu machen sucht, der Euch jeden Augenblick so gewaltige Ohrfeigen giebt. Wenn Napoleon Nichts ist, was seid Ihr denn? Weniger als Nichts kann man doch nicht sein?“

Zuletzt blieb Malthe Bruun von mir fort. Bröndsted und Koës fragten ihn um den Grund und er antwortete: „Ich käme gern zu Oehlenschläger; aber wenn ich bei ihm gewesen bin und mit ihm gesprochen habe, so brauche ich vierzehn Tage, um mich wieder in meine vorige Stimmung zu versetzen.“ Dies fand ich sehr schmeichelhaft, sah aber auch zugleich ein, daß wir beide nicht mit einander umgehen konnten. In der kurzen Zeit unserer Bekanntschaft bewog ich ihn doch, sich den Zopf abzuschneiden; aber Napoleon behielt ihn dennoch beim Zopfe, bis dieser Napoleon selbst abgeschnitten wurde; es ging Malthe Bruun so wie Talleyrand und Sct. Christoph, sie hielten es alle Drei mit dem Stärksten; aber nur Christoph hielt so fest an diesem Prinzipe, daß es ihn zuletzt auf den rechten Weg zu Jesus Christus brachte.

Uebrigens hüteten ich und meine Freunde uns wohl, unsere Ansichten Fremden gegenüber auszusprechen. Wir wußten, daß wir von Spionen umgeben waren, in deren Nähe man in gewisser Beziehung ein Stein sein mußte, indem man sagen konnte, wie Nille in Erasmus Montanus: „Ich weiß nicht ob er denken kann, aber reden kann er nicht.“