„Jesus in der Natur.“
Während meines Aufenthaltes in Halle ging ich täglich an den Ufern der Saale entlang. Es ist eine wunderliche Natur in der Gegend; keine eigentlich steilen Berge, außer einigen jenseits des Flusses; aber der Boden selbst ist lauter Stein, so daß man auf einer Granitebene geht, während man sich auf hügelichem Felde zu befinden glaubt. Die alte Ruine jenseits des Flusses auf dem Berge versetzte mich in das Mittelalter zurück; man zeigte mir das Loch hoch oben auf der Mauer, von dem aus Ludwig der Springer mit außerordentlicher Kühnheit sein Leben gerettet haben soll. Auf diesen einsamen Wanderungen dachte ich oft mit Wehmuth an mein Vaterland und meine Freunde und schrieb mein Heimweh.
Meine „poetischen Schriften“ wurden ziemlich stark gelesen, obgleich ich von meinem Freunde H. C. Oersted, der es übernommen hatte mein Commissionär zu sein, hörte, daß sie nicht so stark gekauft wurden. Aladdin machte viel Glück; das allegorische Gedicht: „Jesus in der Natur“, brachte verschiedenartige Wirkungen auf die Gemüther hervor. Christiane schrieb mir:
Den 4. October 1805.
Karen Margrete (Rahbek) hat eine Einweihungsrede von Balle (damals Bischof in Seeland) in die Hände bekommen, in der sich ein achselzuckender Ausfall gegen Dich befindet. Ich will Dir die Stelle abschreiben:
„Aber man will wissen, daß die Geschichte Jesu zur Malerei über die verschiedenen Aenderungen der Natur bestimmt sei. Sie soll nur abbilden aber nicht erzählen: eine Goldgrube für Dichter, aber keine Quelle, um die Begriffe über wahre Religion aufzulösen. O Gott! welche Verwirrungen! Mit gleichem Rechte verwende ich jede andere Erzählung, sowohl aus den Begebenheiten des Alterthums, wie den Ereignissen der Gegenwart und all' unser Wissen verschwindet gleich dem Rauch und Dampf am sternlosen Lufthimmel.“
In einem: „Zuschauer“ mit einem Lobgedicht an Dich von Jens Müller, der, wie Du Dich entsinnen wirst, zugleich mit Dir eine Abhandlung über die nordische und griechische Mythologie schrieb, hat Rahbek in einer Note „einem der eifrigsten Freunde des Christenthums“ versichert, daß er den Dichter auf das Vollständigste mißdeute, wenn er glaube, daß dieser in der Geschichte Jesu nur eine Goldgrube für die Poesie finde, und daß es Dich tief schmerzen würde, Dich von einem Manne verkannt zu wissen, vor dessen Eifer für das Christenthum Du eine bis an Enthusiasmus grenzende Hochachtung habest.
In dem erwähnten Zuschauer hat Rahbek Beschuldigungen zurückgewiesen, die man ihm über das Schweigen machte, mit dem er vorher an Deinen Gedichten vorübergegangen ist; daß dies nämlich nicht für Gleichgültigkeit und Furcht, seine Meinung zu sagen oder dergleichen Aehnliches angesehen werden müsse. Er hat sich lange bei Aladdin, den er sehr hoch zu stellen scheint, aufgehalten, und viele Stellen abgedruckt; doch größtentheils um Deine Fertigkeit zu zeigen, mit der Du die Sprache nach Deinem Willen zwingst, und hat für ein anderes Mal mehr versprochen.